„Marsch des Lebens“ Gesellschaft muss Stimme erheben

Landesrabbiner Netanel Wurmser besuchte eine Gedenkveranstaltung in Grafeneck.
Landesrabbiner Netanel Wurmser besuchte eine Gedenkveranstaltung in Grafeneck. © Foto: Maria Bloching
Grafeneck / Maria Bloching 18.01.2018

Vor über zehn Jahren gründeten Jobst und Charlotte Bittner mit den evangelisch-freikirchlichen TOS Diensten aus Tübingen die Initiative „Marsch des Lebens“. Durch das Erinnern soll der Aufarbeitung der Vergangenheit und den Holocaustüberlebenden eine Stimme gegeben werden. „Die Mehrheit hat damals geschwiegen und das Schweigen dauerte nach 1945 lange fort“, führte Michaela Buckel, Organisatorin des Vereins, aus. Weltweit werden deshalb Gedenk- und Versöhnungsmärsche an Orten des Holocaust veranstaltet, so auch am Mittwochabend an der Gedenkstätte Grafeneck.

Bei heftigem Schneetreiben kamen über 50 Personen zusammen, darunter auch Netanel Wurmser, Landesrabbiner der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg. Wurmser gedachte all den Menschen „wie du und ich“, denen das Leben genommen worden war. Er erinnerte an den ersten Mord in der Tora: „Kain erschlägt Hevel – ein Bruder erschlägt den anderen“. Und immer wieder hätte es in weiteren Episoden der jüdischen Geschichte Angriffe auf Schwache und Hilflose gegeben. Dieses Prinzip dürfe in der menschlichen Gesellschaft keinen Platz finden.

„Grafeneck ist für die meisten Leute unbekannt und doch ist es einer der verfluchtesten Orte der Bundesrepublik“, so Wurmser. Es gäbe kein größeres Verbrechen als die Ermordung hilfloser und schwacher Menschen, deren Leben als „wertlos“ erachtet werde. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden 10 654 Menschen im Rahmen der T4-Aktion mit drei Bussen aus psychiatrischen Kliniken eingesammelt und hier systematisch getötet.

Historiker Thomas Stöckle erinnerte an den 18. Januar 1940, der den offiziellen Auftakt der Grafenecker Verbrechen markiert. Nicht grau, sondern rot war der erste Bus der Reichspost, der die ersten 25 Psychiatriepatienten von einer Münchner Klinik hierher brachte. „Elf Monate lang, fast Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat fuhren die drei Busse“, führte Stöckle aus. Die rund 100 Täter residierten im Schloss und wurden später in den Vernichtungslagern im Osten eingesetzt. So wie Dr. Horst Schuhmann, der nach Grafeneck Lagerarzt in Birkenau wurde. Erinnerung sei wichtig, deshalb hätte man in der Gedenkstätte schon 1990 damit angefangen, den Opfern ihre Namen zurückzugeben. Fast 10 000 finden sich heute im Opferbuch. Wie wichtig die Erinnerung und das Brechen des Schweigens sind, wurde an diesem Abend sichtbar. Eine Besucherin erzählte vom kleinen Bruder ihrer Mutter, der aufgrund zerebraler Kinderlähmung in ein „Krüppelheim“ gegeben wurde. „In der Familie hat man nie darüber gesprochen“, meinte sie. „Mein Großvater war Arzt in Berlin und am T4-Programm beteiligt“, berichtete eine junge Frau unter Tränen. Die ganze Familie hätte geschwiegen. Eine Strahlentherapeutin aus Tübingen erinnerte an die Mediziner in der Täterschaft: „Ärzte haben das Euthanasie-Programm vorangetrieben und ihre Karrieren darauf aufgebaut. Meine beruflichen Vorfahren waren an unmenschlicher Grausamkeit beteiligt, darüber müssen Ärzte und Forscher sprechen“.

Die Initiative „Marsch des Lebens“ will die Decke des Schweigens heben, sie ermutigt Menschen dazu, die Geschichten ihrer Familien zu erzählen. „Das NS-Regime bestand aus normalen Menschen, die zu Tätern wurden. Hinter der Opferzahl 10 654 stehen Menschen, die ihrer Würde beraubt und grausam ihren Tod in Vergasungskammern gefunden haben. Sie wurden im Krematorium verbrannt und der Rauch legte sich wie ein Schatten auf die Region“, erinnerte Bittner. Die Gesellschaft brauche eine Mahnung für die Zukunft. Sie müsse gegen jede Art des Antisemitismus und der Ausgrenzung ihre Stimme erheben, das Schweigen brechen.