Münsingen / ALEXANDER THOMYS  Uhr
Schon immer waren Lauftreffs generationenübergreifend angelegt. Jung und Alt trifft sich dabei zum gemeinsamen Sporttreiben. Beim Lauftreff der TSG Münsingen kommt ein weiterer Aspekt dazu: Inklusion.

Als ein "Vorbildprojekt" bezeichnet Susanne Blum von der Geschäftsstelle Inklusionskonferenz des Landkreises den Lauftreff der TSG Münsingen. "Das ist Inklusion wie sie im Buche steht." Leichtathletik-Abteilungsleiterin Sabine Zeller-Rauscher hält das gute Miteinander von behinderten und nichtbehinderten Sportlern in der TSG dagegen inzwischen schon für völlig normal. "Alle sind vollwertige Mitglieder. Ob jemand eine Behinderung hat, fällt mir gar nicht mehr so auf", sagt Zeller-Rauscher und fügt schmunzelnd hinzu: "Jeder von uns hat doch irgendeine Macke."

Und so zeigte sich Zeller-Rauscher schon vor sieben Jahren offen, als ihr Andre Hallmanns beim "Run in die Ferien" in Münsingen auffiel. Der inzwischen 36-Jährige mit einer geistigen Behinderung war damals beim Handicap-Lauf gestartet. "Er läuft eigentlich gar nicht, er tanzt schon fast, so leicht schaut das aus", beschreibt die Abteilungsleiterin den Laufstil ihres Schützlings. Prompt bot sie ihm nach dem "Run in die Ferien" an, beim Lauftreff mitzumachen.

Inzwischen ist Hallmanns dort nicht mehr wegzudenken. "Andre ist das ganze Jahr da - immer vor der Zeit", sagt der Lauftreff-Leiter Hartmut Rauscher. Dabei kann der in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung der Samariterstiftung arbeitende Hallmanns die Uhr nicht lesen - seine Mutter stellt ihm einen Wecker. Verpassen würde er den Lauftreff aber wohl auch so nicht - zu wichtig ist ihm das Laufen geworden.

"Ich habe ganz langsam angefangen und bin dann immer schneller geworden", erzählt der 36-Jährige stolz. Stets trägt er seine Medaille von der Jugendsportlerehrung bei sich. Der Schalke-Fan läuft bei der TSG zwar nicht bei den Schnellsten mit, aber doch in einer Gruppe der "ambitionierteren Hobbyläufern", wie Hartmut Rauscher schildert. Inklusion gibt es nicht nur beim Lauftreff - auch zu Volksläufen kommt Hallmanns gerne mit und freut sich an den Zuschauern, die den Läufern applaudieren. Die fünf Kilometer läuft er in rund 25 Minuten.

"Am Anfang wurde da schon noch geschaut und beobachtet", erinnert sich Sabine Zeller-Rauscher an die Anfangsphase. Inzwischen hat Hallmanns, der mit der Aussprache manchmal Probleme hat, aber Freunde unter den Läufern gefunden, die ihn auch zu den Wettkämpfen mitnehmen.

Seit einem Jahr läuft auch Luis Buck beim TSG-Lauftreff mit. Der 12-Jährige mit Down-Syndrom lebt in Münsingen und besucht die Haldenwang-Schule. "Der Luis ist bei uns bekannt wie ein bunter Hund", sagt Zeller-Rauscher lachend. Wenn die Schüler-Jugend-Volkslaufgruppe ihre Runden im Stadion dreht, kann Luis problemlos in seinem Tempo mitlaufen. Hier sieht Zeller-Rauscher auch den großen Vorteil des Laufsports: "Jeder kann in seinem Tempo laufen, jeder hat ein Ziel für sich." Im Mannschaftssport dagegen könnten Behinderte "irgendwann einmal nicht mehr mithalten".

Verlassen die jungen Läufer dagegen das Stadion für eine Runde in der Natur, müssen sie Rücksicht auf Luis nehmen. "Es finden sich aber immer ein paar Kinder, die ihn begleiten und im Auge behalten", erklärt Hartmut Rauscher. Gegenseitige Rücksichtnahme lernen - auch das gehört zur Inklusion dazu.

"Mittwoch ist einfach Luis' Lauftag", erzählt seine Mutter Michaela Buck. Nur die Lauftreffpause der Jugendgruppe in den Ferien, die könne Luis "nur schwer ertragen". Und so fiebert der 12-Jährige auch ein wenig dem Ferienende entgegen, wie er beim Pressetermin zugibt. Luis, der beim "Run in die Ferien" vor zwei Jahren gleich drei Mal an den Start ging und die Anfeuerung durch das Publikum dabei sichtlich genoss, war im Gespräch zu dieser Geschichte ein wenig schüchtern. Das änderte sich aber schlagartig, als es ans Laufen für das Foto ging. "Lauf mer, ha!", rief er prompt Andre Hallmanns und Hartmut Rauscher strahlend zu.

Auf der Strecke war Luis dann kaum zu stoppen. Und als sich Rauscher längst wieder zum Gespräch verabschiedet hatte, lief der Junge zusammen mit Hallmanns weiter. Beide blieben dabei problemlos zusammen. "Dabei laufen sie heute zum ersten Mal zusammen", staunte Sabine Zeller-Rauscher. Laufen funktioniert also generationenübergreifend - auch bei Menschen mit Handicap.

Andre Hallmanns und Luis Buck sind damit zugleich der beste Beweis dafür, dass Inklusion durch Sport gelingen kann. Für Zeller-Rauscher ist dies keine Frage: "Sie sind Münsinger und gehören hierher." Susanne Blum von der Inklusionskonferenz hofft auf weitere Nachahmer in anderen Sportvereinen. "Vor 15 Jahren gab es das Thema Sportangebote für Menschen mit Behinderung noch gar nicht", schildert Blum die Fortschritte. Vereine, die Beratungsbedarf in dieser Hinsicht haben, finden in Dr. Martin Sowa vom BISON-Projekt (Baden-Württemberg inkludiert Sportler ohne Norm) einen kompetenten Ansprechpartner.

Für Luis Mutter Michaela Buck haben aber auch die Behinderten und ihre Eltern eine Bringschuld. "Sie müssen auf die Vereine zugehen und sich die Sportart suchen." Bei der TSG Münsingen ist Inklusion dagegen schon selbstverständlich. So ist beim Lauftreff auch eine junge Frau mit Lernbehinderung dabei, in einer Männergruppe, die für das Sportabzeichen trainierte, war lange Zeit ein Mann mit Parkinson mit von der Partie. "Ein Krankheitsschub hat ihn nun aber ausgebremst", bedauert Zeller-Rauscher.