Die Ereignisse des 6. Oktober 1939, als der Heimleiter Eduard Frank im Samariterstift Grafeneck unangemeldeten Besuch von vier Männern bekam, sollen nicht in Vergessenheit geraten. Ein paar Tage später, am 14. Oktober, wurde Grafeneck für „Zwecke des Reichs“ beschlagnahmt.

Im Folgejahr wurden dann von Januar bis Dezember 10 654 besondere Menschen mit geistiger und psychischer Behinderung in grauen Bussen von allen Himmelsrichtungen her nach Grafeneck gefahren und dort ermordet.

Pfarrer Frank Wößner, Vorstandsvorsitzender der Samariterstiftung, erinnerte am Sonntagnachmittag in seiner Begrüßung daran, dass es auch 80 Jahre nach dem Beginn des systematischen Mordens wichtig sei, gemeinsam an die menschenverachtende Vergangenheit zu erinnern, zu gedenken, sie zu ertragen und sie auszuhalten.

Wie schon so oft, fand auch Pfarrer Siegfried Kühnle treffende Worte für die unschuldigen Opfer pervertierter Gewaltausübung, wobei der Dapfener Pfarrer schon bald auch den Bogen zum jetzt und heute schlug. Eine Zeit, in der sich primitiver Hass schnell im Internet verbreitet. Eine Zeit, die deutlich aufzeigt, dass es Menschen gibt, die ums nackte Überleben kämpfen. Weiter ging Kühnle auf die menschenverachtende Strömung in der Gesellschaft ein und bat Gott im Gebet: „Führe unsere Hände, um zu sein was du willst“.

„Wehret den Anfängen“ lautete die Mahnung

Prälat Dr. Christian Rose erinnerte in einem Zeitraffer daran, wie alles in Grafeneck begann und wie die ahnungslosen Menschen, welche damals mit den grauen Bussen nach Grafeneck gefahren wurden, fragten: „Wo bringt ihr uns hin?“

Das tausendfache Morden mache ihn sprachlos, so Dr. Christian Rose, der sich sicher zeigte, dass es in Grafeneck wohl nie Routine geben werde, weil die Grausamkeiten und die damals gegebene Menschenverachtung zu sehr berührten.

Weiter mahnte Rose: „Wehret den Anfängen“. Anfänge gebe es in heutiger Zeit genug. So viele, dass wir sie kaum mehr fassen können und in unseren Erinnerungen festhalten können. Dr. Christian Rose erinnerte an die Anschläge auf Christchurch, auf Charlie Hebdo, auf den Flughafen in Brüssel, die Londoner und die Madrider Metro wie auch an den kürzlich geplanten Anschlag auf die Synagoge und den geplanten Massenmord in Halle.

„Wer anfängt die Liebe Gottes und die Liebe zu Mitmenschen völkisch einzugrenzen, trägt Verantwortung für eine Stimmung, in welcher der Samen der Gewalt aufgeht“, so Rose, der damit auf die Aussage des AfD-Politikers Joachim Kuhs einging, welcher in der Auslegung des Gleichnisses vom Barmherzigen Samariter Glauben machen wollte, dass die Nächstenliebe an der deutschen Grenze aufhört.

Es gilt, Grenzen zu setzen

Bürgermeister Mike Münzing beendete den offiziellen Teil des Gedenkgottesdienstes mit einem „Wort auf den Weg“. Er erinnerte daran, dass wir in einer Zeit leben, in der grenzenloses Denken Raum gefunden hat. Eine Zeit, in der die grenzenlose Sprache mitten in unserer Gesellschaft und in den Parlamenten bis hinein in die Kommunalgremien angekommen sei. „Wenn wir nicht darauf achten, dass wir Grenzen setzen, dann wird diese Grenzenlosigkeit des Denkens und des Sprechens zu einer Grenzenlosigkeit des Tuns“, so der Bürgermeister und dankte allen, die zur Gedenkfeier gekommen waren und denen, die die Feierlichkeiten organisiert haben. Wie in den vorangegangenen Jahren auch, ließ Münzing wieder einige Besucher zu Wort kommen, die sich im Besucherbuch der Gedenkstätte eingeschrieben haben. Stimmen, welche nochmals unterstrichen, dass das, was vor fast 80 Jahren in der „Mordfabrik Grafeneck“ geschah noch heute unerträglich ist.

Die Fürbitten trugen Kinder und Jugendliche der St. Elisabeth Stiftung aus Heggbach und Ingerkingen bei. Für den musikalischen Rahmen sorgte der Posaunenchor Auingen.

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