Am gestrigen Volkstrauertag wurde allerorts der Opfer von Krieg und Gewalt gedacht. In Böttingen räumte Ortsvorsteher Ralf Hintz mit manchen Euphemismen auf, die in die Sprache Einzug gehalten hätten. „Die Soldaten, die unter grausamen Bedingungen verstorben sind, haben ihr Leben mitnichten gerne gegeben“, sagte Hintz. „Sie wären sicher dankbar gewesen, wenn jemand diese Kriege verhindert hätte.“ Allein das kleine Böttingen verlor im Ersten Weltkrieg 25 Männer, der Jüngste von ihnen gehörte dem Jahrgang 1900 an. Sein Leben endete schon 1918. An die Gefallenen erinnert das Ehrenmal auf dem Böttinger Friedhof, aber auch am Rathausplatz sind ihre Namen in Böttinger Marmor gefasst. „Hinter diesen kalten Steintafeln stehen unzählige Schicksale“, erinnerte Ortsvorsteher Hintz an die Menschen hinter den Namen.

Für den Frieden eintreten

„Wir stehen heute hier, damit nie wieder Namen auf solchen Steintafeln verewigt werden müssen“, blickte Hintz in die Zukunft. Der Böttinger Ortsvorsteher hatte eine klare Forderung an die 50 Akteure und Besucher, die am Sonntagmorgen dem nasskalten Wetter trotzten: „Wir müssen den Mut aufbringen, nein zu sagen und für den Frieden einzutreten.“

Auch Margit Simmendinger vom Volksbund Deutscher Kriegsgräber richtete mahnende Worte an die Zuhörer. „Gerade heute, wo rechte Kräfte die deutsche Geschichte relativieren wollen, ist es wichtig sich zu erinnern“, betonte Simmendinger, die an diesem Volkstrauertag vor allem an die deutsch-polnische Geschichte erinnerte. „Die Polen erlebten nach dem deutschen Überfall eine Schreckensherrschaft voller Willkür“, sagte Simmendinger. „Kaum eine Familie blieb davon verschont.“

Willen zur Versöhnung

Dennoch sei aus einem ersten zaghaften Willen zur Versöhnung mit der Zeit eine eng verwobene Partnerschaft in Europa geworden. „Dialog ist nichts schlechtes, es bedeutet, sein Herz zu öffnen“, gab Simmendinger den Zuhörern mit auf den Weg. „Unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung und der Versöhnung unter den Menschen.“ Dabei mahnte Simmendinger auch eine gerechtere (Welt-)Politik an. „Der dritte Weltkrieg ist vielleicht schon im Gange, die einen wollen sich auf Kosten der anderen durchsetzen. Nie wieder darf Krieg und Hass zum Mittel der Politik in Europa werden.

In Münsingen kamen rund 120 Akteure und Teilnehmer am Gefallenen-Ehrenmal zusammen. Eine Zahl, die den katholischen Pater Georg Kallampalliyil nachdenklich stimmte. „Der Volkstrauertag teilt das Schicksal vieler anderer Gedenk- und Feiertage: immer weniger Bürger begehen diesen Tag bewusst“, sagte Kallampalliyil. Doch auch wenn persönliche Erinnerungen immer seltener würden, so der Pater weiter, „bedeutet das zugleich, dass wir in Mitteleuropa seit 74 Jahren in Frieden leben können“. Und auch ohne persönliche Erinnerungen sei es nicht unmöglich, sich im Gedenken der Opfer der Kriege bewusst zu machen. „Wenn ich an den Gedenktafeln die Namen lese und die Jahreszahlen dazu, dann stockt mir jedes Mal der Atem. So viele. So jung. Eine ganze Generation geopfert in einem Krieg, der nicht hätte sein müssen.“

Schülerinnen der Gustav-Mesmer-Realschule richteten zuvor ihren Blick auf die Gefallenen der beiden Weltkriege. „Es waren Menschen wie wir, jeder dieser Männer hatte eine Geschichte zu erzählen“, erklärten die Schülerinnen, welche die Opferbereitschaft der Soldaten betonten. „Sie stellten ihre Bedürfnisse hinter die der anderen“, sagten die Schülerinnen und betonten zugleich das Privileg heutiger Generationen, in Frieden zu leben. Nun sei es wichtig, die Erinnerungen an die Opfer am Leben zu halten.

Nicht Helden, sondern Opfer

Münsingens Bürgermeister Mike Münzing wünschte sich ein größeres Bewusstsein für die Bedeutung des Volkstrauertages. „Wir erinnern uns nicht an Helden, sondern an die Opfer der Kriege. Sie alle waren Opfer“, betonte der Schultes. Es sei die Verantwortung heutiger Generationen, den Frieden zu bewahren. Hier könne jeder persönlich seinen Beitrag leisten, so Münzing: „Krieg ist mehr als das Niederlegen von Waffen. Wir müssen für den Frieden einstehen und uns zum Frieden bekennen. Frieden beginnt mit dem Abrüsten der Worte. Er beginnt mit uns allen.“

Zwei Gedenkfeiern erst am Totensonntag


In zahlreichen Münsinger Teilorten wurde gestern am Volkstrauertag der Opfer von Krieg und Gewalt gedacht. In Buttenhausen und Rietheim finden die Gedenkfeiern indes erst am Totensonntag, 24. November, statt. In Buttenhausen beginnt die Gedenkfeier dann um 11 Uhr in der Michaelskirche mit anschließendem Gang zum Ehrenmal auf dem Friedhof. In Rietheim beginnt die Feier ebenfalls um 11 Uhr, direkt am Ehrenmal auf dem Friedhof.