Münsingen/Wenham Geburtsdatum schließt die "Lücke"

Gemeinsam erfolgreich: Dekanatsreferent Pfarrer Thomas Lehnardt hat Philipp Earle Steeves die Kontakte ins landeskirchliche Archiv vermittelt und der Münsinger Stadtarchivar Steffen Dirschka (von links) sorgte für die Möglichkeit, Einblick in die Kirchenregisterbände zu nehmen und hat eine genealogische Familienübersicht der Familie Stieff erstellt. Foto: Ralf Ott
Gemeinsam erfolgreich: Dekanatsreferent Pfarrer Thomas Lehnardt hat Philipp Earle Steeves die Kontakte ins landeskirchliche Archiv vermittelt und der Münsinger Stadtarchivar Steffen Dirschka (von links) sorgte für die Möglichkeit, Einblick in die Kirchenregisterbände zu nehmen und hat eine genealogische Familienübersicht der Familie Stieff erstellt. Foto: Ralf Ott
RALF OTT 18.06.2014
Mehr als 300 000 Menschen in den USA und Kanada tragen den Familiennamen Steeves. Sie alle gehen zurück auf Johann Heinrich Stieff. Er stammt aus Sirchingen. Philip Earle Steeves fand jetzt den Beweis.

Eine erfolgreiche Mission liegt hinter Philip E. Steeves, der kürzlich eine Woche lang in Münsingen zu Besuch war. Sein Ziel: Die bis dato bestehende "Lücke" in der Familiengeschichte zu schließen. Als Ahnherr für rund 300 000 Menschen in den USA und Kanada gilt Johann Heinrich Stieff. Doch im Unterschied zu dessen in Münsingen, Hundersingen und Ohnastetten geborenen Geschwistern war sein Herkunftsort unbekannt. Steeves wollte das rechtzeitig zum bevorstehenden 250. Jahrestag der Niederlassung der Familie im kanadischen Moncton (New Brunswick) im Jahr 2016 ändern.

Ein Unterfangen, das Historiker wie der Münsinger Stadtarchivar Steffen Dirschka als "schwierig" beurteilten. Denn es ging immerhin um den Zeitraum von sieben Jahren. Zwischen 1712 und 1719 fehlen die Aufzeichnungen über insgesamt drei Kinder von Augustin Stieff. Zwei Töchter und einen Sohn hatte der Vater von Johann Heinrich Stieff bereits zuvor, und in den Jahren 1720, 1724 und 1727 kommen drei weitere Kinder hinzu. Doch über Georg Friedrich, Johann Heinrich und Michael, die in der Zwischenzeit geboren werden, fanden sich keine Einträge in den Kirchenbüchern von Münsingen, Hundersingen oder Ohnastetten. Offenbar kamen in den drei genannten Orten nur deren Geschwister zur Welt.

Und so fehlten ausgerechnet die Aufzeichnungen über die Herkunft von Johann Heinrich Stieff, der sich in Amerika nur noch "Heinrich" mit Vornamen nannte. Im Provinzarchiv von New Brunswick wird zum einen 1714 als vermutliches Geburtsjahr und als "wahrscheinlicher" Geburtsort von Heinrich Stieff "Ohnastetten, Germany" angegeben.

Das kann nun geändert werden. Denn auf seinem jüngsten Besuch in Deutschland hat ein längerer Aufenthalt im landeskirchlichen Archiv in Stuttgart zusammen mit dem Ahnenforscher Friedrich R. Wollmershäuser den Erfolg für Philipp E. Steeves gebracht: In den Kirchenbüchern der zwölften Gemeinde, die sie unter die Lupe nahmen, fanden sie den gesuchten Eintrag. Demnach wurde Johann Heinrich Stieff am 12. Dezember 1718 in Sirchingen geboren. Er gilt als Urvater für mehr als 300 000 Menschen mit dem Nachnamen Steeves in den USA und Kanada, da dieser Name zuvor dort gänzlich unbekannt war.

Heinrich Stieff hatte im Februar 1745 in der Münsinger Martinskirche Regina Stalegger geheiratet. Bis zum Jahr 1748 kamen zwei Töchter und ein Sohn zur Welt. Die Familie zog nach Seißen bei Blaubeuren. Doch Barbara und Heinrich starben dort jeweils vor ihrem zweiten Geburtstag. Nur die 1748 geborene zweite Tochter Catharina trat mit ihren Eltern Mitte 1749 von Rotterdam aus die mehrwöchige Schiffspassage über den Atlantik an. Allerdings verstarb unter den harten Bedingungen der Reise auch das jüngste Mädchen der Stieffs. So gründeten Heinrich und Regina in der Neuen Welt sozusagen eine zweite Familie. Das Paar, das am 17. Oktober 1749 in Philadelphia von Bord des Segelschiffes ging, bekam sieben Söhne. Zunächst lebten die Stieffs einige Jahre in Philadelphia. "Die Auswanderung damals erfolgte aus wirtschaftlichen Gründen". Folglich mussten sich viele Auswanderer zur Arbeit verpflichten, um die Schiffspassage zu bezahlen. So auch die Stieffs, die in der Neuen Welt zunächst die "Reisekosten" abarbeiten mussten. Fast zwei Jahrzehnte sollte sie in Philadelphia verbringen. Hier kamen auch ihre Kinder Johann Jacob, Johannes - der sich später John nannte -, Christian, Friedrich, Henry, Lewis und Matthias zur Welt.

Ein Konflikt der europäischen Großmächte Frankreich und England bereitete der Familie schließlich den Boden für einen Neuanfang an der kanadischen Ostküste. Das Gebiet von Neuschottland im Osten des heutigen Kanadas stand seit 1713 unter britischer Herrschaft. Doch die dort lebenden Siedler waren mehrheitlich Nachkommen der französischen Pioniere und weigerten sich, der englischen Krone die Treue zu schwören. 1755 eskalierte der Konflikt, 12 000 frankophone Siedler wurde vertrieben. Der damalige Gouverneur von Neuschottland, Charles Lawrence, warb daraufhin Siedler aus Neuengland an. Zu diesen gehörten auch Heinrich und Regina Stieff. Zusammen mit drei weiteren Familien verließen sie am 26. April 1766 Philadelphia mit einem Einmaster und kamen am 3. Juni im heutigen Moncton an. Jeder der Familien wurde ein zuvor von den französischen Siedlern verlassenes Stück Land zugewiesen.

In Neuschottland beziehungsweise Neubraunschweig (New Brunswick) wiederum gründeten die Kinder von Heinrich und Regina alle eigene Familien. Als Heiratsort der meisten Paare ist Hillsborough, ein kleiner Ort südlich von Moncton, verzeichnet. So hatte das aus dem Raum Münsingen ausgewanderte Paar letztlich 71 Enkel. 65 von diesen heirateten und in der Folgegeneration lebten bereits 526 Stieffs. Im Verlauf der Zeit wurde der Name an die englische Sprache angepasst - aus Stieff wurden die "Steeves".

Die Suche nach den Wurzeln der Steeves ist damit erfolgreich abgeschlossen. Intensiv befasst mit diesem Thema hat sich in den vergangenen Jahren auch ein Verwandter von Philipp E. Steeves, Les Bowser. Von ihm stammt das Buch "The Search for Heinrich Stieff". Darüber hinaus hat Bowser ein Filmscript aus dem vorhandenen Material entwickelt. Jetzt fehlt ihm nur noch ein Produzent, um den spannenden Stoff, der sich über die Stieffs hinaus mit dem Schicksal mehrerer Auswandererfamilien aus Schwaben und ihrem Neuanfang in Pennsylvania befasst, in Szene zu setzen.