Als eine "Sensation" bezeichnete Grundschulleiterin Uthe Scheckel die Einrichtung einer Hector-Kinderakademie in Münsingen, die im Rahmen der Auftaktveranstaltung am Mittwochabend vorgestellt wurde. Vertreter der beteiligten Kommunen Münsingen und Hülben nahmen ebenso daran teil wie zahlreiche Dozenten, die künftig Kurse für hochbegabte Kinder anbieten. Mit der Astrid-Lindgren-Schule und der Peter-Härtling-Schule, an der bereits seit einem Jahr die Hector-Kinderakademie besteht, schließen sich zwei Grundschulen und somit zwei Schulträger zu einem Netzwerk zusammen, um eine flächendeckende Hochbegabtenförderung zu ermöglichen. Schon vor einigen Jahren hätte man sich in Münsingen über eine solche Einrichtung Gedanken gemacht, erinnerte Bürgermeister Mike Münzing. Doch angesichts der ständigen Veränderungen in der Schullandschaft hätte man davon zunächst Abstand genommen.

"Wir haben bemerkt, dass Hülben vor einem Jahr mit der Hector-Kinderakademie an den Start ging. Von dieser Erfahrung können wir nun profitieren". Das Potenzial an hochbegabten Kindern sei auch hier da, dieses gehöre in einem Biosphärengebiet ebenso gefördert wie Ökologie. "Wir sind eine Modellregion für Entwicklung, dieses neue Netzwerk ist für uns der richtige Ansatz für eine zukunftsfähige Bildungspolitik", zeigte sich Münzing überzeugt. Es gehe jetzt darum, diese praxis- und lebensnah zu gestalten. Wichtig sei aber auch zu erkennen, dass die Gesellschaft nicht nur Akademiker, sondern auch Praktiker brauche: "Man benötigt keinen Doktortitel, um es im Leben zu etwas zu bringen". Hülbens Bürgermeister Siegmund Ganser berichtete von seinen einjährigen Erfahrungen mit der Hector-Kinderakademie und bezeichnete sie als "hervorragenden Bildungsbaustein zum Wohl der Kinder". Er zeigte sich von dieser Partnerschaft mit Münsingen überzeugt: "Sie ist die logische Konsequenz, wenn zwei Gemeinden miteinander reden und zwei Bürgermeister in vielfältiger Weise für die Bildung der Kinder in ihrer Kommune unterwegs sind".

Udo Paulus vom Staatlichen Schulamt Tübingen stellte diese Hochbegabtenförderung an Grundschulen vor, die in Baden-Württemberg bereits an 38 Kinderakademien, davon drei im Schulamtsbezirk Tübingen (Reutlingen, Tübingen und Hülben), eingerichtet ist. "Alle Kinder sollen ihren Begabungen entsprechend gefördert werden", heißt es in der Landesverfassung. Hier setzt die Stiftung an. Bisher hätte man sich, so Paulus, in der Förderung hauptsächlich auf schwächer begabte Kinder konzentriert, um ihnen gleichwertigere Chancen zu ermöglichen. Besonders begabte Kinder seien dabei zu kurz gekommen. Falsch wäre es, hier von einer "Elitenförderung" zu sprechen. Vielmehr gehe es darum, den kindlichen Hunger nach Wissen mit speziellen Kursangeboten zu stillen.

Die Hector-Stiftung stellt ein Gesamtvolumen von 32 Millionen Euro zur Verfügung, der Sockelbetrag für bereits bestehende Kinderakademien beträgt pro Jahr 50 000 Euro. Rund zehn Prozent aller Grundschüler gehören mit einem IQ über 130 zur Gruppe der Hochbegabten. Sie müssen von ihren Lehrern erkannt und an die Kinderakademie weitergeleitet werden.

Insbesondere dem MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) soll dabei große Bedeutung zukommen, aber auch in anderen Richtungen (handwerklich, künstlerisch, musisch oder sprachlich) wird gefördert. Die Kinderakademie ist dabei auf die Kooperation mit regionalen Anbietern wie Musikschulen, Volkshochschulen, Theatern oder ähnlichem angewiesen. "In der Region finden wir eine gute Infrastruktur vor", meinte Paulus und zeigte sich zuversichtlich, dass es an Dozenten nicht fehlen werde. Ein Anspruch seitens der Eltern und Kinder zur Aufnahme besteht nicht, Begabungstests werden in der Regel keine durchgeführt. "Prinzipiell denken 70 Prozent der Eltern, ihre Kinder seien hochbegabt und nur die Schule wüsste dies nicht", schmunzelte Paulus. Gabi Antoni, erste Geschäftsführerin der Hector-Kinderakademie Hülben-Münsingen, zog ein positives Resümee aus dem ersten Probejahr in Hülben und betonte die ganzheitliche Förderung, die sowohl soziale und intellektuelle Herausforderungen als auch die Vertiefung von Interessen und Kenntnissen beinhaltet. Zahlreiche Dozenten konnten für das erste "gemeinsame" Semester gewonnen werden, sie betreten mit fast 40 attraktiven Kursangeboten allesamt Neuland.