Elektronische Medien Exzessives Spielen ist noch keine Sucht

 Niels Pruin sprach über Online-Sucht.
Niels Pruin sprach über Online-Sucht. © Foto: Reiner Frenz
Münsingen / Reiner Frenz 08.03.2018

Es war ein kleines Jubiläum: Am Mittwochabend ging bereits das 10. Werkstatt-Gespräch in der Werkstatt an der Schanz über die Bühne, das gemeinsam veranstaltet wird von Werkstatt, Pro Münsingen und der Münsinger Alb Stiftung. Das Thema war spannend und lockte viele interessierte Gäste. Ehe es aber losging, freute sich Werkstatt-Leiterin Britta Lucas, einen „einzigartigen“ Film zeigen zu können, der in Zusammenarbeit mit Thomas Zecher von der Medien Akademie Metzingen entstanden ist. Das Besondere daran: Menschen mit Behinderung filmten Menschen mit Behinderung bei der Arbeit.

Zu Gast war der Augsburger Suchttherapeut Niels Pruin. Und der machte gleich zu Beginn klar, dass es ihm nicht darum gehe, elektronische Medien zu verteufeln: „Ich spiele auch sehr gerne“. Seit 25 Jahren arbeitet Pruin für den Caritasverband der Diözese Augsburg, seit zehn Jahren ist er im Medienbereich tätig.

Mit Zahlen belegte er, um was es an diesem Abend ging. Die tägliche durchschnittliche Online-Nutzung Jugendlicher im Alter von zwölf bis 14 Jahren betrug vergangenes Jahr 221 Minuten. Zehn Jahre zuvor hatte sie bei 106 Minuten gelegen. Jungen nutzen das Internet zur Kommunikation (31 Prozent), zum Spielen (30 Prozent), zur Unterhaltung (28 Prozent) und zur Informationssuche (elf Prozent). Bei Mädchen steht die Kommunikation an erster Stelle (46 Prozent), gefolgt von Unterhaltung (33 Prozent), Infosuche (zwölf Prozent) und Spielen (neun Prozent). Warum zieht das Internet nicht nur Jugendliche derart in den Bann? Pruin lieferte die Antwort darauf. Es sind mehrere Bedürfnisse, die passgenau erfüllt werden: Das nach Orientierung und Kontrolle, das nach Lustgewinn und Unlustvermeidung, das nach Selbstwerterhöhung und das nach Bindung, was durch Chatten ermöglicht wird, wobei hier allerdings oft ein völlig verzerrtes Bild vom jeweiligen Gesprächspartner entstehe, weil niemand seine Schwächen eingesteht. Jeder versuche sich natürlich von seiner besten Seit zu zeigen, das erkenne man schon an den Profilbildern, die Mädchen meist mit „Duckface“ von schräg oben fotografieren.

Beim Thema Sucht ging Pruin kurz auf den Online-Sex ein – „es geht oft gar nicht um den Höhepunkt an sich, sondern um das Glücksgefühl“. Glücksspiele und Computerspiele sind die anderen Suchtbausteine. Untersuchungen zufolge sind ein Prozent der Menschen vom Internet abhängig, 1,2 Prozent der Männer und 0,8 Prozent der Frauen. Bei den 14- bis 16-Jährigen sind es freilich vier Prozent, 3,1 Prozent der Jungen und 4,9 Prozent der Mädchen. Ab Juni wird die Weltgesundheitsorganisation WHO Computerspielsucht als Krankheit anerkennen, wusste der Referent. Sage und schreibe 80 Milliarden Dollar Umsatz wird weltweit mit Computerspielen gemacht, 20 Milliarden mehr als von der Filmindustrie.

Sucht kann diagnostiziert werden, wenn man immer an das Handy und den PC denkt, wenn man Probleme mit Spielverboten hat, wenn Versuche, das Verlangen danach einzuschränken, misslingen, wenn berufliche, soziale oder schulische Verpflichtungen vernachlässigt werden.

Für Kinder und Jugendliche wird durch ein eigenes Smartphone das Erleben von Autonomie möglich, es gibt das Gefühl der Selbstständigkeit, verhilft zum Erlangen sozialer Anerkennung und zur Vermeidung von Frustration und Langeweile. Gespielt wird unter anderem um das Selbstwertgefühl zu steigern und um Bewunderung zu genießen, auch Freundschaften in Teams spielen eine Rolle.

Die meisten der jungen Menschen, die zu ihm kämen, seien pathologisch nicht betroffen, sondern einfach exzessive Spieler. Im Rahmen der Behandlung empfiehlt Pruin Eltern mit ihren Kindern Mediennutzungsverträge abzuschließen, wobei der Jugendliche mitentscheide, wie viel er spielen will. Da gelte es Kompromisse zu finden, mit denen der Jugendliche leben könne.

Wer tatsächlich suchtkrank ist weist in der Regel eine „komorbide Störung“ auf, leidet unter Depressionen oder ADHS, hat soziale Phobien. Wichtig ist laut Pruin, dass die Angehörigen in Beratung und Therapie eingebunden werden. Bei exzessiver Spielleidenschaft reichten meistens ein paar Gespräche, bei Sucht dauere die Therapie bis zu einem Jahr. In dieser Zeit müsse  auch Trauerarbeit geleistet werden, wenn sich ein Jugendlicher etwa von seiner Spielfigur verabschieden müsse: „Es gibt virtuelle Friedhöfe“.