Buttenhausen Europäischer Tag der jüdischen Kultur

Martin Pöt Stoldt und Bernd Requardt (von links) unternahmen einen geschichtlichen Rundgang durch Buttenhausen und trugen Zeitzeugenberichte vor.
Martin Pöt Stoldt und Bernd Requardt (von links) unternahmen einen geschichtlichen Rundgang durch Buttenhausen und trugen Zeitzeugenberichte vor. © Foto: Maria Bloching
Buttenhausen / Maria Bloching 05.09.2018

In Buttenhausen bekamen die 20 Besucher beim geschichtlichen Ortsrundgang Geschichten und Erinnerungen von Zeitzeugen zu Gehör, die unter die Haut gingen und persönliche Schicksale deutlich machten.

Bernd Requardt führte die Gruppe durch das Dorf, in dem 1865 rund 400 Juden im friedlichen Miteinander mit ebenso vielen Christen lebten. Nach der Landflucht um 1900 waren es noch 89 Juden, die hier ihre Heimat hatten und sich wohlfühlten. Laut Martin Pöt Stoldt – selber Jude und im Ort seit einigen Jahren engagiert, den jüdischen Gedanken aufrecht zu erhalten – war es wohl diesem Heimatgefühl und dem überwiegend unkomplizierten Zusammenleben zu verdanken, dass die jüdischen Bürger aus Buttenhausen erst sehr spät realisierten, dass es von Seiten der Nazis gegen sie als Juden ging.

„Man fragt sich schon, warum sie nicht früher gegangen sind. Zum Ende des ersten Weltkrieges wurde nicht zwischen Juden und Christen unterschieden. Sie dienten gemeinsam als Soldaten, arbeiteten danach miteinander und feierten zusammen“, so Stoldt.

Die vorgetragene Geschichte von Gretel Tennisch geborene Marx verstärkte diese Vermutung. Sie wuchs in Buttenhausen auf und war 13 Jahre alt, als die Nazis an die Macht kamen. „Über Nacht haben sich die Leute mehr oder weniger in ganz andere Menschen verwandelt“, berichtete sie. Freundinnen wandten sich von dem Mädchen ab und so kam es, dass sie von ihren Eltern zu einem Onkel in die sichere Schweiz geschickt wurde. Beim Abschied sagte ihr Vater zu ihr: „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es angerichtet wird“.

Ein Trugschluss. 1938 wurde er nach Dachau deportiert, kam allerdings nach sechs Wochen dank des Einsatzes von Karl Adler wieder frei. Auf Drängen der Mutter reiste das Ehepaar schließlich auch 1939 in die Schweiz aus, Großmutter und Tante allerdings blieben in Buttenhausen zurück. Sie nahmen sich kurz vor der Deportation und Ermordung der Juden aus dem Ort selbst mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben.

„Wir haben unseren Frieden gefunden in dem Wissen, dass ihnen vieles erspart geblieben ist“, war aus dem Zeitzeugenbericht zu erfahren. Sowohl beim jüdischen Denkmal wie auch beim Haus Löwenthal, bei der Bernheimerschen Realschule, an der Stelle der früheren Synagoge und beim jüdischen Friedhof wurden solche Geschichten eindrücklich dargeboten.

Museum öffnet

Am Nachmittag öffnete das Jüdische Museum seine Türen, gleichzeitig wurde die Wanderausstellung „Ein langer Irrweg“ eröffnet. Sie beleuchtet den Weg der Umkehr vom christlichen Antijudaismus zu einem erneuerten Verhältnis zum Judentum.

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