Erschütternde Geschichten

© Foto: Gisela Keller
23.04.2014

Mary futtert wie ein Weltmeister: Die Vierjährige ist die Jüngste von 29 neuen Kindern im Straßenkinderprojekt Karai in Kenia – nach mehr als fünf Jahren Pause. Es gibt jetzt wieder Platz im Heim, das von der Kenia-Hilfe Schwäbische Alb und dem Evangelischen Kirchenbezirk Bad Urach-Münsingen unterstützt wird. Viele Jugendliche haben es inzwischen mit einer Ausbildung in der Tasche verlassen. Fast alle haben einen Job gefunden und manche schon eine eigene Familie gegründet.

Die meisten Lebensgeschichten der Neuen sind erschütternd. Keine handelt von einer normalen, glücklichen Kindheit nach europäischen Maßstäben. Missbrauch und Misshandlungen sind dabei, drohende Beschneidung und frühe Verheiratung nach Stammestradition sowie AIDS-kranke Eltern. Die Kinder selbst fragen nie nach ihren Angehörigen, berichtet Heimleiterin Jerusha Mbugua. Unterernährt und mit Hautkrankheiten kamen manche nach Karai. Kein Wunder, dass man bei der kleinen Mary aufpassen muss, dass sie abends nicht zu viele Bohnen isst – sonst bekommt sie nachts Bauchweh. Ansonsten ist Mary ein Energiebündel, schwirrt herum wie eine kleine Hummel und ist bald zum Liebling aller geworden.

Es waren die am meisten bewegenden Momente bei meinem jüngsten Besuch in Kenia vor wenigen Wochen, wenn ich Mary und die anderen Neuankömmlinge spielend und herzhaft lachend erleben durfte. Sogar Rachel mit den traurigen Augen, die kaum redet. Die Fünfjährige war von der Polizei auf der Straße aufgegriffen worden: Elternhaus unbekannt. Auch eine erfahrene Psychologin konnte nichts aus ihr herausbringen.

Rachel und einige andere Kinder sind vom regionalen Jugendamt, dem District Children’s Office, an Karai überwiesen worden. Die erste Gruppe mit fünf Jungen kam dagegen von einem „Rescue Centre“ in Nairobi, das Straßenkinder betreut, sie innerhalb von einigen Monaten an einen geregelten Tagesablauf gewöhnt und dann entweder zu ihren Familien zurückbringt oder einen Heimplatz mit Schule für sie sucht. Wieder andere Kinder, wie zum Beispiel Mary, sind Waisen oder Halbwaisen aus sehr armen Familien, die unter anderem von örtlichen Kirchengemeinden gemeldet und dann von einem Gremium ausgesucht worden waren. Damit möchte man in Karai die ursprüngliche Bestimmung des Projektes als Waisenheim fortführen. Straßenkinder sollen aber insgesamt die Mehrzahl bilden.

Mehr als 30 Heime – zumeist für Waisen – gibt es in der näheren Region, schätzt Generalmanager Antony Kanyiri. Das lässt ahnen, wie ungeheuer groß der Bedarf in Kenia ist. Viele werden von Kirchen, manche sogar privat finanziert. Karai, so meint er, sei „einzigartig“, denn hier könnten die Kinder lange Zeit bleiben, die Schule besuchen und sogar eine Ausbildung machen. Der Kontakt zu den Familien soll aber erhalten bleiben, wo immer dies möglich ist. Deshalb sind die Kinder in den Schulferien meist nicht im Heim. Manche haben abgenommen, wenn sie zurück kommen: In Karai dürfen sie dann wieder kräftig Mais, Reis und Bohnen futtern.

Mehr Bilder von Mary, Rachel und den anderen Kindern und ihrem Alltag in Karai gibt es beim Stiftungsfest der Kenia-Hilfe am Samstag zu sehen. GISELA KELLER