Dottingen Ein Radio als Lebensader

Dottingen / GUDRUN GROSSMANN 03.03.2012
Johannes Ruopp lebt wieder da, wo er aufgewachsen ist. In Dottingen. Aber nichts ist mehr wie vorher, denn er hat die Welt gesehen. Sein noch junger Verein AE Haiti steht für Hilfe und gegen Vergessen.

Seine Planung sah etwas anders aus. Johannes Ruopp wollte während seines Studiums der Nachrichten- und Elektrotechnik ein Auslandspraktikum einschieben, aber dazu kam es nicht. Deshalb nutzte er den Zivildienst für den Absprung und nahm Kontakt mit der Organisation "Christliche Fachkräfte International" in Stuttgart auf. Diese entsandte ihn nach Haiti, wo er als junger Ingenieur gleich mal Pionierarbeit leisten konnte - beim Radiosender Lumière, einem Lichtblick in einem auch kommunikationstechnisch unterentwickelten Land, das im Lauf seiner Geschichte mehr Schrecken erlebt hat, als man sich vorstellen kann.

Seit der blutig erkämpften Unabhängigkeit im Jahr 1804 hatten es nur wenige Staatsoberhäupter geschafft, eine Amtszeit zu beenden. Die meisten wurden ermordet, gestürzt oder flüchteten ins Exil. Auf drei Jahrzehnte Gewaltherrschaft brachte es der Duvalier-Clan, mörderischer Terror und Korruption wird auch dem Militär nachgesagt, das mehrmals an der Macht war.

Als Johannes Ruopp 1998 nach Port-au-Prince kam, hatte sich das Land trotz der internationalen Intervention (ab 1995 wurde Haiti unter ein UNO-Mandat gestellt) noch keinesfalls erholt. Er erlebte die Folgen der Gewalt und der Misswirtschaft und konnte keinerlei Verbindung zu dem wohl geordneten Leben in Deutschland herstellen. "Es sind zwei Welten, eine wirklich extreme Diskrepanz," das sagte er damals und wiederholt es heute, kurz nach seiner letzten Reise im Februar.

Die Lebensumstände schockieren jeden, der in dieses "Armenhaus der Welt" kommt. Rund 70 Prozent der Bevölkerung sind arbeitslos, es mangelt an Schulbildung, an Möglichkeiten, einen Beruf zu erlernen. Jeder Zweite ist Analphabet.

Vor diesem Hintergrund bekommt das Radio eine Schlüsselstellung. Es ist oft die einzige Möglichkeit, um die Menschen auch in den entlegenen Landstrichen zu erreichen und unzensierte Meldungen oder Kultursendungen zu verbreiten. Immer wieder gab es Angriffe auf die Stationen, auch Radio Lumière, das 1959 gegründet worden ist, war Ziel dieser Zerstörungswut und musste mehrmals unter größter Mühe in vollkommen instabilen politischen Verhältnissen wieder aufgebaut werden.

Nach seinem Zivildienst an dieser Schaltstelle geht Johannes Ruopp für zweieinhalb Jahre in die USA, nach Texas, und arbeitet dort als Ingenieur. Mit seiner Freundin Urline, genannt Lilin, führt er eine Fernbeziehung. 2002 heiraten sie, zwölf Monate später ziehen sie nach Deutschland, genau nach Rüsselsheim, wo ihre Tochter geboren wird und der junge Familienvater schnell eine Arbeit beim Hessischen Rundfunk findet und eine abgesicherte Laufbahn bei der ARD anvisieren kann.

Doch es zieht sie zurück in die Karibik. Im September 2006 verpflichtet sich Johannes Ruopp für drei Jahre für einen Entwicklungsdienst bei Radio Lumière. Sie wohnen in der Hafenstadt Les Cayes, hier wird ihr zweites Kind, ein Sohn, geboren, hier sehen sie ihre Zukunft. Bis bei dem Baby eine Krankheit diagnostiziert wird, die in Haiti nicht behandelt werden kann. Wieder in Deutschland (2008), lassen sie sich in Dottingen nieder. Ihr zweiter Sohn kommt auf der Alb zur Welt. Ruopp pendelt zu seinem Arbeitsplatz in einem Ulmer Unternehmen. Wieder eine Gelegenheit, sich nur um sich zu kümmern. Für die überzeugten Christen ist dies keine Option. Sie wollen aus der Ferne den Menschen in Haiti nah sein.

12. Januar 2010: Das Land wird durch ein starkes Erdbeben erschüttert. 300 000 Menschen, so schätzt die Regierung, sterben, Millionen werden obdachlos. Ruopps starten auf privater Ebene eine Hilfsaktion. "Viele Freunde und Bekannte haben mich damals angesprochen und gefragt, was sie tun können." Dieser Rückhalt hat ihn ermutigt den Verein zu gründen: AE Haiti. Das A steht für "Aide", die Hilfe, das E für "Encouragement", die Ermutigung. Ein Jahr ist das her und die Ziele sind hochgesteckt. Das christliche Sendenetz soll wieder aufgebaut und erweitert, die Baptistengemeinden, die vor Ort sehr aktiv sind, unterstützt werden. Johannes Ruopp ist hoffnungsfroh: "Wir wollen langfristig helfen. Jede Spende kommt hundertprozentig an."