Gudrun Grossmann

Sie erinnert ein wenig an eine Telefonzelle und tatsächlich dient sie der Kommunikation. Aber auf eine ganz andere erfrischend-neue Weise: Die Hörskulptur, die gestern auf dem Münsinger Rathausplatz enthüllt worden ist, öffnet ein Fenster in die Vergangenheit. Wer den Hörer abnimmt und lauscht, der begegnet Menschen aus der Region, die alle etwas zu sagen haben. Es sind Erzählungen und Anektdoten, die die Alb, ihre Landschaft und Kultur erfahrbar machen.

Initiiert wurde das Projekt „Über die Dörfer – alb: hören“ von der Theaterwerkstatt Schwäbische Alb am Landestheater Tübingen (LTT). Erarbeitet und umgesetzt wurde die Idee vom Unternehmen Volksbaustelle, hinter dem die beiden Künstler Tilman Neuffer und Hans Hs Winkler stehen. Sie haben sich gemeinsam auf die Reise gemacht und nach hörbaren Spuren in 15 verschiedene Orten auf der Mittleren Alb und der Zollernalb gesucht, dabei ganz bewusst auch die Heimatmuseen einbezogen, die Gegenstände mit regionalem Bezug präsentieren, nicht  selten aber viel zu wenig Beachtung finden. Ein Wegweiser der Aktion führt auch in diese Richtung.

Am Ende kristallisierten sich drei Gemeinden heraus: Münsingen, Jungingen und Meßstetten-Hossingen, wohl auch, weil die Leiter der jeweiligen Museen Feuer und Flamme waren. Neben dem hiesigen Stadtarchivar Yannik Krebs freute sich gestern auch Bürgermeister Mike Münzing,  dass eine Hörstation hier quasi verankert ist. Aber nicht für alle Ewigkeit, denn weitere Stationen sollen die Zehntscheuer und Stadtteile sein. So ist Buttenhausen fest ins Auge gefasst.

Nun hat das Bedauern ein Ende. Mike Münzing stößt bei Begegnungen mit älteren Menschen, etwa bei Geburtstagen, oft auf Zeitzeugnisse, die mit einem „das sollte man mal aufschreiben“ kommentiert werden. Nicht selten bleibt es bei dem Vorsatz. Und irgendwann sind sie dann halt verloren, die Erinnerungen an Originale, die kleinen Episoden aus dem Alltag, auch die unschönen Erinnerungen an eine bleierne Zeit, in der die freie Meinungsäußerung untersagt und Minderheiten gejagt und missachtet wurden. So wird ein kurzer Beitrag von Ulrich Krehl, Jahrgang 1929, mit „Schweigen“ betitelt. Eindringlich berichtet er, wie die Nazizeit einfach abgehakt worden ist. Wer die Stimme erhob, „der rannte gegen Windmühlen“. Dabei gab es viele so genannte Hundertprozentige. Vor einem Münsinger Geschäft hing ein Plakat: „Hunde und Juden haben keinen Zutritt.“ Ulrich Krehl, der auch das Kapitel Grafeneck aufschlägt, fügt resigniert hinzu: „Und keiner hat protestiert.“

Es sind auch historische Aufnahmen dabei. So kommen zum Beispiel die früheren Bürgermeister Erwin Volz und Otto Werner zu Wort, ebenso Karl Eppinger, Karl Lang, Emma Haueisen, Hilde Greiner und Richard Schaude, der als Humorist und Grasgeneral in die Ortsgeschichte eingegangen ist. Viele werden sich auch freuen die Stimme von Walter Ott zu hören. Er war es, der die  Vergangenheit in Buttenhausen erforscht und wieder ins Bewusstsein gerückt hat. Glasklar sind seine Ausführungen über die „Verdrängung des Verbrechens an der jüdischen Bevölkerung“.

Es geht in die Tiefe. Das zeichnet dieses Projekt aus, dass es eben nicht nur heiter und lustig zugeht. Dennoch hat auch der Lichtstuben-Charakter seinen Platz in der Reihe, die laufend fortgesetzt wird. Bereits jetzt stehen 130 Tonaufnahmen zur Verfügung, 25 wurden für den Start ausgewählt.

Bei der Eröffnung gab es Kost- beziehungsweise Hörproben. So stammt von Elisabeth Kraft (91) eine Version der „Biergeschichte“ – Johanna lässt im „Paradies“ den Krug für den Vater füllen, probiert unterwegs, lässt nachfüllen, weil sie angeblich gestolpert ist und wird dann doch ertappt, weil sie den Mund nicht abgewischt hat – und von Christl Wenzel die Charakterstudie eines früheren Lehrers, der von den Jungen einen Diener und von den Mädchen einen Knicks verlangt hat.

Geschichte besteht aus Geschichten. Es ist wichtig, dass sie weitergegeben werden. Bürgermeister Mike Münzing bedankte sich bei allen Beteiligten und sieht in der Aktion eine Möglichkeit, die Kulturlandschaft Alb „hörbar und spürbar“ zu machen. Das Projekt könne  gut in Stadtführungen integriert und erweitert werden. Tilman Neuffer berichtete über eine „große Gesprächsbereitschaft“. Mit den Originalaufnahmen sei viel Vorarbeitet geleistet worden. Bildlich gesprochen: Das Haus war schon grob gebaut. „Wir mussten uns da nur noch reinsetzen.“ Für Hans Hs Winkler ist das Projekt ein „Schatzkästchen“, das gepflegt werden muss. Diese hörbare Kostbarkeit steht nun allen offen.

Förderung durch TRAFO

Hinter dem Unternehmen Volksbaustelle stehen Tilman Neuffer und Hans Hs Winkler. Für die Technik ist Martin Braucks, für die Programmierung Uwe Hinkel verantwortlich. Die Theaterwerkstatt Schwäbische Alb ist ein Teilprojekt der Kooperation Stadt. Land. Im Fluss. des LTT mit dem Theater Lindenhof. Es wird im Rahmen der „lernenden Kulturregion Schwäbische Alb“ gefördert – innerhalb von „TRAFO- Modelle für Kultur im Wandel“.