Milch, Butter, Eier und Fleisch gibt es im Laden zu kaufen – aber woher stammen die Produkte tatsächlich? Viele Kinder und auch manch ein Erwachsener haben davon keine rechte Vorstellung. Das Projekt „Lernort Bauernhof“, das seit knapp einem Jahr von der Schwäbischen Bauernschule Bad Waldsee getragen wird, will hier anknüpfen und Kindern die Lebens- und Arbeitswelt auf landwirtschaftlichen Betrieben näherbringen. Zuvor war die Landjugend der verantwortliche Träger. Unter der Überschrift „Schüler auf den Bauernhof“ hatte diese bereits seit den 80er Jahren das Ziel verfolgt, Einblicke in die Landwirtschaft zu ermöglichen.

Seit einigen Wochen gibt es mit dem Hof der Familie Lorch in Mägerkingen nun 22 landwirtschaftliche Betriebe im Kreis Reutlingen, die als Lernort Bauernhof ausgezeichnet wurden. „Die Qualifikation dazu hat sich Heidi Lorch durch eine Grundlageschulung und eine Fachexkursion erworben“, berichtet Uta Maria Killgus vom Kreislandwirtschaftsamt. Vermittelt werden Kenntnisse und Tipps zur Vorbereitung der Besuche der Kinder und für kindgerechte Angebote. „Zudem geht es um versicherungsrechtliche Fragen, die Einschätzung möglicher Gefahren und um Lebensmittelhygiene“, erläuterte Regina Steinhauser, die das Projekt unter dem Dach der Schwäbischen Bauernschule gemeinsam mit Janina Böhlemann koordiniert und betreut. „Die Lernorte sollten als aktive Haupt- oder Nebenwerbsbetriebe geführt werden“, fügte Böhlemann hinzu. Neben Landwirten können sich Gärtnereien oder Winzer genauso beteiligen. „Jeder Betrieb muss sich registrieren und qualifizieren und im weiteren Verlauf spätestens alle drei Jahre an einer Fachexkursion teilnehmen“. In Baden-Württemberg sind insgesamt 540 Betriebe als „Lernort“ registriert. Für die zusätzliche Arbeit und das Engagement gibt es eine Aufwandsentschädigung. Die Fördermittel stellt das Land zur Verfügung.

Für die Lehrer bietet das Angebot die Möglichkeit, den Bauernhof als außerschulischen Bildungsort zu nutzen. „Die Kinder kommen, um hier mitzuhelfen“, berichtet Heidi Lorch. Im Milchviehbetrieb werden die Tiere in einem Strohstall gehalten und täglich rund 80 bis 90 Kühe gemolken. „Das passiert zwar nicht zur Mittagszeit, wenn die Kinder aus der Förderklasse von Mariaberg hier sind, aber es gibt immer etwas zu tun“. So dürfen die Kinder zum Beispiel das Heu verteilen, den Futtertisch abkehren oder das Stroh in den Stall einstreuen. „Und natürlich bleibt genügend Zeit, um die Kühe und Kälber zu streicheln“, fügt Heidi Lorch hinzu. Ganz wichtig sind ihr die konkreten Erfahrungen, die Kinder machen, wenn sie zum Beispiel Heu in die Hand nehmen und es den Kühen geben.

Die 14-tägigen Besuche auf ihrem Milchviehbetrieb waren immer sehr eindrücklich für die Kinder aus der Förderklasse. „Einer der Großen hat sich den Namen unseres Deckbullen gemerkt, das gab es bei dem Jungen vorher noch nie“, freut sich Heidi Lorch. Letztlich wissen auch in Mägerkingen viele Kinder nicht, wie es in einem Stall zugeht. Aber, hat sie beobachtet, inwieweit so ein Angebot wie der „Lernort Bauernhof“ wahrgenommen wird, hängt immer auch vom Interesse der Lehrer ab. Vorteile gibt es viele. „Die Lernerfahrung hier setzt sich aus Kopf, Herz und Hand zusammen“, so Steinhauser. Dabei gibt es vielfältige Möglichkeiten, den „Lernort“ zu nutzen. Regelmäßige Besuche auf dem Bauernhof sind ihr zufolge „wünschenswert“ aber nicht unbedingt erforderlich. „Es gibt viele Modelle“, sagt sie, „im Fokus stehen die besonderen Erfahrungen, die Kinder hier durch ihr eigenes Handeln machen können“. Gefördert werde die Bildung für eine nachhaltige Entwicklung, die wiederum als Leitperspektive in den Lehrplänen verankert sei.

Und für die Landwirte wiederum ist es nach Ansicht von Killgus eine gute Werbung, wenn Kinder auf den Hof kommen. „Die Möglichkeit mit Landwirten ins Gespräch zu kommen, haben viele Menschen ja nicht mehr“, bedauert Gerhard Lorch, „waren die Kinder aber erst einmal hier, kommen sie später vielleicht mit ihren Eltern wieder“.

Landwirtschaftsserie: Lernort Bauernhof


Lebensmittel werden zwar täglich benötigt, doch zumeist belässt es der Verbraucher mit dem Einkauf im Supermarkt und denkt nicht über diejenigen nach, die Ausgangsprodukte für unsere Nahrungsmittel erzeugen. Mit einer Serie möchte unsere Zeitung Einblicke in die Arbeits- und Produktionsbedingungen moderner Landwirtschaft bieten. Das Themenspektrum ist letztlich so vielfältig wie der Beruf des Landwirts. Heute geht es um das Angebot „Lernort Bauernhof“ für Schüler und Jugendliche. rot