Die Jahreshauptversammlung der Kreisverkehrswacht Reutlingen-Münsingen am Freitagabend hatte es in sich. Sowohl im positiven, als auch im negativen Sinn. Zuerst das Erfreuliche. Vergangenes Jahr um diese Zeit klagte der neue Vorsitzende Thomas Steigenberger noch, dass der Verein „bettelarm“ sei. Kein Wunder. Die Kreisverkehrswacht hatte Schulden in Höhe von rund 45 300 Euro. Am Jahresende 2018 waren nur noch 16 800 Euro im Soll. Aktuell hat der 99 Mitglieder zählende Verein, der zu Spitzenzeiten knapp 260 Mitglieder hatte, ein Plus von 2600 Euro, teilte Schatzmeisterin Stephanie Feucht mit.

Zu diesem guten Ergebnis beigetragen haben unter anderem Spenden in Höhe von 20 000 Euro. Die Sicherheitstrainings brachten 69 000 Euro und Bußgelder, die Gerichte der Kreisverkehrswacht zukommen haben lassen, 5000 Euro ein. Finanziell bemerkbar macht sich auch die 2018 getroffene Entscheidung, dem Geschäftsführer keine Aufwandsentschädigung mehr in Höhe von mehreren Tausend Euro pro Jahr zu überweisen. Seit Steigenberger das Ruder in der Hand hat, läuft an der Vereinsspitze alles nur noch ehrenamtlich. Dementsprechend hoch sind die von allen Verantwortlichen erbrachten Arbeitsstunden ohne finanzielle Vergütung. Der Vorsitzende sprach von rund 3500 Ehrenamtsstunden. Bezahlt werden musste nur ein Steuerberater, der die Ein- und Auszahlungen verbucht hat.

Aber es gab auch schlechte Nachrichten zu verkünden. Nach mehr als einem Jahrzehnt musste die Kreisverkehrswacht ihren Stützpunkt im Alten Lager in Münsingen verlassen. Sowohl das Verwaltungsgebäude TS 1 als auch den Verkehrsübungsplatz auf dem Place de France für Sicherheitstrainings. „Man hat uns dort abgezockt“, wetterte Steigenberger, der „von unschönen Dingen“ sprach, ohne auf Details eingehen zu wollen. Das sei der Grund gewesen, weshalb man den Ende 2018 auslaufenden Vertrag nicht verlängert habe. Vergangenes Jahr gab es zum Abschluss noch einmal 64 Trainingstage, acht für Lastkraftwagen, 12 für Motorräder und 44 für Personenkraftwagen. Und wie geht es mit den Sicherheitstrainings nun weiter? Zumindest die Kurse für Senioren finden in Zukunft auf dem kostenfrei von der Stadt Reutlingen zur Verfügung gestellten Verkehrsübungsplatz statt. Für alle anderen Pkw- und Lkw-Trainings ist es dort zu eng, bedauerte Steigenberger. Trotzdem ist er zuversichtlich. „Wir sind im Gespräch mit der Firma Paravan in Pfronstetten, die uns helfen möchte.“

Schriftführer Harry Zilz unterstrich in seinem Jahresbericht noch einmal die Wichtigkeit der Sicherheitstrainings, die seit den 1990er-Jahren in Münsingen, zuerst in der damaligen Herzog-Albrecht-Kaserne, dann im Alten Lager angeboten wurden. Allein im letzten Jahr waren es noch einmal knapp 600 Teilnehmer.

Ein Renner scheinen auch die seit 2018 angebotenen E-Bike-Trainings zu werden, „die sich großer Beliebtheit erfreuen“. Alle fünf Kurse waren ausgebucht. Kein Wunder, dass sich schon Volkshochschulen erkundigt haben, die Trainings in ihren Programmen aufnehmen wollen. Eingeschlagen hat auch das neue Angebot „Motorik und Mobilitätsförderung“ für Schulen, das die Verkehrswacht seit vergangenem Jahr auf dem Verkehrsübungsplatz Reutlingen anbietet. Diese Kurse mit Fahrrädern und Rollern sind speziell auf die Bewegungs- und Gleichgewichtsförderung ausgerichtet. Wegen des großen Erfolges sollen diese Trainings 2019 auch für Senioren angeboten werden.

Höchste Unfallbilanz seit 1979

Wie wichtig das Üben sei, zeige ein Blick in die Unfallbilanz. Allein in Stuttgart seien vergangenes Jahr 13 Prozent mehr Kinder verunglückt. Die Gesamtzahl sei auf 26 824 Unfälle angestiegen, der höchste Wert seit 1979. Zudem informierte Zilz über die Zunahme der Unfälle, die durch Smartphone-Nutzung während des Fahrens verursacht wurden. „Die selbst auferlegte Dauererreichbarkeit ist Gift für die Verkehrssicherheit.“ Und: „Wissenschaftler vergleichen den Blick aufs Handy beim Fahren wie Fahren unter Alkoholeinwirkung von etwa einem Promille.“

Auch die Problematik der Unfallflucht sprach Zilz in seinem Rückblick an. 20 528 wurden 2018 ermittelt. „Dies ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine zu verachtende Straftat“, fügte er hinzu. Auch erinnerte er an die neuen E-Bike- und Pedelec-Kurse. Kein Wunder. Obwohl Unfälle mit diesen motorisierten Fahrrädern nur etwa fünf Prozent ausmachten, liege die Zahl der Getöteten im Straßenverkehr bei etwa 25 Prozent.

Zum Schluss des Berichtes gab es noch eine interessante Zahl. Knapp 5400 Menschen haben 2018 an den zahlreichen Aktionen und Kursen des Vereins kreisweit teilgenommen.

Auch Markus Lorenz, Leiter der Verkehrsprävention bei der Reutlinger Polizei, sind diese Zahlen geläufig. Er dankte der Kreisverkehrswacht für die „fachliche und sachliche Unterstützung“. Sebastian Ritter, Leiter des Amts für Recht, Ordnung und Verkehr im Landratsamt Reutlingen, hatte ebenfalls viel Lob für den Verein parat. Er sei sicher, dass die Kreisverkehrswacht durch ihre „wertvolle Arbeit“ einige Unfälle, Verletzte und Tote habe verhindern können. Er bat die Mitglieder, dies auch weiterhin „im Sinne der Verkehrssicherheit“ zu tun.

Info Alle Trainingsangebote finden sich im Internet unter: www.vkw-reutlingen-muensingen.de.

Das könnte dich auch interessieren:

Ehrungen bei der Kreisverkehrswacht


Sieben Mitglieder wurden bei der Hauptversammlung durch den Vorsitzenden Thomas Steigenberger zusammen mit seinem Vorvorgänger Franz Endler und dem langjährigen Geschäftsführer Dieter Scheffold geehrt: 40 Jahre mit dabei sind die Gemeinde Römerstein, vertreten durch Bürgermeister Matthias Winter, Otmar Rist, Rudolf Roszick und Frieder Hardter. Seit 25 Jahren sind Dirk Endler, Andreas Fix und Roland Schürrle dem dem Verein treu. Nicht alle Geehrten konnten an der Versammlung teilnehmen, bedauerte Steigenberger. lejo