Um Zufriedenheit ging es Bürgermeister Mike Münzing gestern Nachmittag in seiner Ansprache zum Neujahrsempfang von Stadt und Kirchen in der gut besuchten Alenberghalle. Zu den Gästen zählten die beiden Bundestagsabgeordneten Michael Donth (CDU) und Pascal Kober (FDP), verschiedene Behördenchefs, kommunale und kirchliche Würdenträger. Umrahmt wurde der Empfang vom Posaunenchor des CVJM Münsingen unter der Leitung von Debora Schrade, der in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiern kann, wie Münzing anmerkte.

Wenn man die Presse verfolge, könne man meinen, dass derzeit die Saat der Unzufriedenheit immer weiter aufgehe, sagte der Bürgermeister, sprach von Menschen die Mauern errichten wollten und andere Menschen ausgrenzen und separieren wollten, ohne dabei explizit den Namen des amerikanischen Präsidenten zu nennen. Dabei sei man doch in Deutschland froh, dass Mauern verschwunden seien. Wenn man ein Baby schreien höre, dann sei es unmöglich zu sagen, welches Geschlecht und welche Hautfarbe es habe: „Das Rohmaterial ist das gleiche“. Es seien Vorurteile, die später die ursprünglichen Gefühle unterwanderten.

Den allermeisten Menschen gehe es gut oder zumindest befriedigend, wusste der Bürgermeister. Oft stelle sich nicht die Frage, ob man in den Urlaub fahre, sondern ob mit Cabrio oder dem Geländewagen. Zufriedenheit sei keineswegs die schwachsinnige Schwester der Dummheit, sondern die Schwester der Dankbarkeit, betonte Münzing. Gerade bei seinen Jubilarehrungen treffe er immer wieder auf Menschen, die trotz Krankheit oder Handicap zufrieden oder sogar glücklich seien, weil sie nicht alles als selbstverständlich ansehen würden. Jüngst habe er einer Münsingerin zum 90. Geburtstag gratuliert. sie hat russischen Migrationshintergrund, wohnt allein im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses. Er habe sie gefragt, ob das nicht sehr mühselig für sie sei. Sie habe geantwortet: „Ich stehe morgens auf und Wohnung ist warm, ich drücke Lichtschalter und Licht geht an, ich drehe Wasserhahn auf und Wasser kommt. Das ist nicht mühselig“. Dies sei ein wunderbares Beispiel für Zufriedenheit.

Immer mehr Gäste seien in Münsingen zufrieden, wofür die steigenden Tourismuszahlen ein guter Beleg seien. Die Leistungen würden inzwischen auch anerkannt. Erst diese Woche hätten Thomas Noack und Hans-Peter Engelhart in Stuttgart den Publikumspreis des Outdoor-Awards 2019 entgegennehmen können. Durch immer neue innovative Ideen schaffe es Münsingen, den Touristen aus aller Welt individuelle Zufriedenheit zu ermöglichen. Das mache man aber nicht nur für die Fremden, wie er manchmal höre, sondern in erster Linie für die Menschen vor Ort, die etwa aktuell von den gespurten Loipen profitierten.

Subjektive persönliche Unzufriedenheit gebe es natürlich. Gerade Leistungs- und Zeitdruck machten viele unzufrieden. Oft sei es aber auch das eigene Anspruchsdenken, das nicht zur persönlichen Lebenswirklichkeit passe. Das beginne in der Familie, schließlich genügten viele Kinder dem Anspruchsdenken der eigenen Eltern nicht. Das Abitur beginn heute schon in der vierten Klasse, weil die Eltern wollen, dass ihre Kinder mehr erreichen als sie selbst. Dazu falle ihm der Satz des Psychologen Paul Watzlawick ein: „Man kann bei der Wahl seiner Eltern nicht vorsichtig genug sein“.

Münzing erwähnte im Zusammenhang mit den Schulen auch, dass die Schillerschule er unter die ersten 20 beim Deutschen Schulpreis geschafft habe. Mit der inklusiven und integrativen Arbeit der Schillerschule und der anderen Münsinger Schulen könne man sehr zufrieden sein.

Nicht fehlen durfte ein Exkurs in die Politik, die ja bekanntlich die Gestaltung unseres Umfeldes bedeute. Manchmal sei es das Problem der Politik, dass man gestalten möchte und nicht könne. Oft setzten Vorgagen, Zuständigkeiten oder die Finanzen deutliche Grenzen. Wer dies nicht erkenne, werde niemals zufrieden sein mit der Politik und auch, wen nicht erkenne, dass Politiker auch nur Menschen seien, die Fehler machen können. Er wäre glücklich, so Münzing, wenn bei den Kommunalwahlen Demokraten gewinnen würden und nicht diejenigen, die spalten und Unfrieden stiften.

In Münsingen könne man auf ein gutes Jahr zurückblicken. Man könne deshalb aber nicht in Selbstzufriedenheit verfallen und dürfe nicht überheblich werden, das wäre gefährlich und es würde einem so gehen, wie dem Mann, der schnellstmöglich aus dem 10. Stock nach unten wollte und deshalb aus dem Fenster sprang: „Was sagte er im freien Fall auf Höhe des 5. Stockwerkes: So weit, so gut!“

Münsingen jedoch befinde sich nicht im freien Fall, sondern auf einem guten Weg nach oben. Vor allem das gesellschaftliche Miteinander über alle Gruppen und Nationalitäten hinweg funktioniere. Münzing: „Münsingen ist eine lebendige Stadt mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern“. Um die Kommunikation zwischen Betrieben, Verwaltung und Bürgern zu verbessern habe man die Münsingen App entwickelt, die man herunterladen könne. Münzing lud ausdrücklich zum Gebrauch der Handys auf – und schon bald waren auf der Leinwand erste Neujahrsgrüße zu sehen.

Pastor Oliver Lacher zeichnete gedanklich Bilder. Etwa die seiner verstorbenen Großeltern, die im Elternhaus an der Wand hingen. Immer wieder sei er froh gewesen, über das, was sie ihm mitgegeben hätten. Mit Gitarrenbegleitung sang Lacher ein Gedicht des von ihm sehr geschätzten Matthias Claudius: „Ich danke Gott und freue mich“, wofür er viel Beifall erntete.

Viele Bilder des vergangenen Jahres hätten ihn gefreut, ob das eine Begegnung mit Pfarrerin Müller-Klingler im Buchcafé gewesen sei, als es in großer Offenheit um das Lebensende ging, ob es die Bibelstunde mit einer Handvoll alter Damen war, die bei Winter und Wetter kamen oder der Besuch von 20 Kindern dort, die durch das Haus tobten. Lacher forderte die Anwesenden auf, Bilder abzurufen, die für sie gut seien und sie zu vertiefen. Die Kirche berufe sich auf den größten Bildermacher überhaupt. Der Geistliche beschwor das Bild des gekreuzigten Jesus, der noch beten konnte: „Vater, vergib ihnen“. Mit einem Gedicht von Rilke (Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum) beschloss Lacher seine Ansprache.

Damit war der Empfang noch längst nicht beendet, bestand doch noch die Gelegenheit zum Austausch von Bildern und Gedanken, zum Nachdenken über Zufriedenheit und einfach zum Plaudern mit Menschen, die man länger nicht gesehen hatte.