Dottingen Der Wunsch nach der Narrenfreiheit

Das Kirchenwort stammt von Pfarrerin Barbara Wurz aus Dottingen.
Das Kirchenwort stammt von Pfarrerin Barbara Wurz aus Dottingen.
SWP 18.02.2012
Das heutige Kirchenwort stammt von Barbara Wurz. Pfarrerin in Dottingen. Und es dreht sich um den Trubel der Fasnetszeit.

Man stelle sich vor wie das wäre, wenn heute Außerirdische in Deutschland landen würden, zum Beispiel in Köln oder Mainz. Stellen Sie sich vor, was die zu sehen bekommen würden, und was sie wohl denken würden? Lauter Leute in knallbunten Kleidern, mit riesigen roten Nasen und jeder Menge Farbe im Gesicht. Vielleicht würden die kleinen grünen Männchen kopfschüttelnd wieder abfliegen und vorsichtshalber nie wieder kommen, weil auf der Erde anscheinend alle verrückt geworden sind. Vielleicht wären sie aber auch positiv beeindruckt und würden sich freuen über so viele ausgelassene Leute. Scheinbar ist auf diesem Planeten jeder fröhlich, jeder sagt, was er denkt, tut worauf er gerade Lust hat und kann über andere und auch sich selbst lachen! Ob man den Faschingstrubel, Maskenbälle und Prunksitzungen nun mag oder nicht, das alles scheint ein wichtiges Ventil zu sein, das vielen Leuten gut tut.

In der fünften Jahreszeit darf fast alles zum Vorschein kommen, was im Alltag sorgfältig verborgen ist. Ich frage mich, warum das wohl so ist. Mir ist dabei natürlich klar, dass es im Alltag gewisse Grenzen und Konventionen geben muss. Mir scheint aber auch, dass wir damit oft zu weit gehen. Warum können wir nur mit einer Maske vor dem Gesicht ganz unbefangen über alles reden? Wieso lachen wir nicht auch nach Aschermittwoch über unsere eigenen Fehler? Und warum ist bei allem, was wir bewegen und aussprechen wollen die Narrenkappe so hilfreich? Narrenfreiheit bringt vieles ans Licht - sei in der Politik, am Arbeitsplatz oder zu Hause - und niemand nimmt es dem Narren übel. Ganz im Gegenteil! In früheren Zeiten war der Narr am Hof des Königs ja auch nicht einfach als Spaßmacher angestellt. Er konnte die Herrscher kritisieren ohne deswegen gleich den Kopf zu riskieren.

Wie sehr wünscht sich so mancher diese Narrenfreiheit: Frei reden ohne Angst, den Kopf abgerissen zu bekommen. Was wäre dazu nötig, auch nach Aschermittwoch? Am wichtigsten wäre wahrscheinlich, dass alle einmal einen Schritt zurücktreten und die eigene Position aus einer gewissen Entfernung betrachten. So können beispielsweise Eheleute sicher manches Eheproblem leichter ansprechen, ohne dabei gleich die ganze Beziehung in Frage zu stellen. Ein Schüler mit Problemen in einem Hauptfach kann seinen Schwachpunkt in Angriff nehmen, ohne sich als kompletter Versager fühlen zu müssen. Und Menschen in Machtpositionen können vielleicht leichter ihre Fehler zugeben ohne Angst, dass sofort ein anderer an ihrem Stuhl sägt.

Was wäre für ein bisschen Narrenfreiheit im Alltag also nötig? Ich denke, es ist die Unterscheidung zwischen Person und Rolle, in der jeder Mensch gerade steckt. Wir sind weder unser Beruf, unsere Ehe noch unsere Vereinsmitgliedschaft. Jeder einzelne ist eine einmalige Person. Was wir tun und wofür wir uns entscheiden, das gehört zu dieser individuellen Person dazu. Das kann sich aber auch verändern, Erfolg oder Misserfolg erfahren und wir bleiben trotzdem die, die wir sind. Und hoffentlich ist es das, worauf unsere Mitmenschen achten. Alles andere darf nicht so wichtig sein.

Wenn Außerirdische eines Tages bei uns landen sollten, dann erleben sie hoffentlich, dass die Menschen mit der nötigen Narrenfreiheit einander begegnen. Sonst würden sie womöglich wieder abfliegen und vorsichtshalber nie wieder kommen, weil auf der Erde anscheinend alle verrückt geworden sind.