Zwiefalten Der Wolf erregt die Gemüter

Podiumsdiskussion zum Wolf (v. l.): Ernst Fauser, Gebhard Aierstock, Josef Ott, Dr. Micha Herdtfelder und Dr. Daniel Schmidt-Rothmund.
Podiumsdiskussion zum Wolf (v. l.): Ernst Fauser, Gebhard Aierstock, Josef Ott, Dr. Micha Herdtfelder und Dr. Daniel Schmidt-Rothmund. © Foto: Frenz Reiner
Zwiefalten / Reiner Frenz 07.02.2019

Waren die Ansichten und Meinungen schon beim Biber kontrovers, der seit einigen Jahren auch auf der Alb ehemals angestammten Lebensraum zurückerobert, so polarisiert der Wolf noch weit mehr. Der Biber hat schließlich noch etwas Possierliches, findet Anerkennung für seine architektonischen Leistungen, freilich auf Kosten des Landschaftsbildes und der Bäume. Der Wolf hingegen erschreckt, macht Angst. Kein Wunder, dass in den Märchen vom „bösen Wolf“ die Rede ist, wie Josef Ott, Vorsitzender der Zwiefalter Kolpingsfamilie, in seiner Begrüßung am Dienstagabend im Haus Adolph Kolping bemerkte. Die Kolpingsfamilie hatte zur Podiumsdiskussion „Der Wolf in unserem Land“ eingeladen.75 zumeist männliche Besucher machten deutlich, dass es ein Thema ist, das die Menschen in der Region umtreibt, auch wenn sich auf der Alb nachweislich noch kein Wolf herumtreibt.

Mit Dr. Micha Herdtfelder von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Freiburg war ein profunder Wolfsexperte geladen worden. Der Wissenschaftler sammelt mit seinen Mitarbeitern alle Daten, die zum Wolf eingehen, wobei ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist, zu schauen, wie und wo Konflikte mit dem Menschen entstehen. Jäger und Landwirte würden nicht Hurra schreien, viele Tierschützer wiederum begrüßen das Auftauchen des Raubtiers. Fakt sei, dass der Wolf unter Naturschutz stehe und es als eine der ganz wenigen Tierarten wieder schaffe, nach der Ausrottung zurückzukehren. Seine Botschaft: „Lassen sie uns gemeinsam schauen, wie man bei Problemem mit dem Wolf Lösungen findet“.

Herdtfelder verschwieg nicht, dass der Wolf das Potential zu handfesten Auseinandersetzungen habe, in manchen Bundesländern schon das Wahlkampfthema Nummer 2 darstelle. In Baden-Württemberg gebe es seit vier Jahren die AG Luchs und Wolf, an der Landwirtschafts- und Umweltministerium sowie zahlreiche Verbände beteiligt seien. Herdtfelder begleitet die Arbeitsgruppe von wissenschaftlicher Seite aus.

Ursprünglich sei der Wolf in ganz Europa heimisch gewesen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts ist er bis auf die Karpaten und den Appenin verschwunden. Durch seine Unterschutzstellung habe er sich seit den 90-er Jahren natürlich ausgebreitet. 2017/2018 habe es in Deutschland nachgewiesen 73 Wolfsrudel, 30 Paare und drei Einzeltiere gegeben. Herdtfelder sprach von exponentiellem Wachstum. Die Vielzahl der Tiere sei genetisch erfasst, wobei es keine Hinweise auf illegale Aussetzungen gebe.

Der Wolf ernährt sich laut dem Experten zu mehr als 50 Prozent von Rehwild. Schwarz- und Rotwild folgen mit 18 und 15 Prozent auf der Speisekarte. Nutztiere machen ein Prozent der Wolfsnahrung aus. Muss der Mensch Angst vor dem Wolf haben? „Er kann Menschen töten“, stellte Herdtfelder klar. Aber seit 60 Jahren seien in Europa gerade einmal acht Menschen durch Wölfe getötet worden und das bei durchschnittlichem Bestand von 20 000 Wölfen. Diese seien generell vorsichtig, würden Konflikte mit Menschen meiden. Das gelte nicht unbedingt für Jungtiere und wenn diese lernen würden, aus der Hand des Menschen Futter zu fressen, komme es in der Folge zu kritischem Verhalten: „Es gilt unbedingt eine Futterkonditionierung zu vermeiden“.

Hunde seien für Wölfe andere Wölfe, die in ihr Territorium eindringen, deshalb müsse man Hunde dort, wo Wölfe sein können, unbedingt anleinen. Im Land seien seit 2010 sechs Wölfe nachgewiesen, die Mehrzahl davon im Nordschwarzwald, wohin ein Rüde aus Niedersachsen eingewandert ist. Herdtfelder berichtete vom dramatischen Vorfall in Bad Wildbad, wo ein Wolf für den Tod von 44 Schaffen verantwortlich war. 29 habe er direkt attackiert, die anderen seien auf der Flucht im Bach ertrunken. Der Bach stellte für die Schafe eine Barriere dar, aber nicht für den Wolf. Um ihn fernzuhalten bedürfe es wolfabweisender Zäune.

Vor allem Schafe und Ziegen

Es sei jederzeit mit zuwandernden Wölfen zu rechnen, so Herdtfelder und es werde dort zu Problemen kommen, wo die Tierhalter nicht darauf vorbereitet sind. Bislang seien in Deutschland etwa 1500 Nutztiere vom Wolf gerissen worden, vor allem Schafe und Ziegen. Ideal seien Zäune mit 120 Zentimeter Höhe, wobei es wichtig sei, dass der Bodenabschluss stimme und genug Strom erzeugt wird.

Schäfer Ernst Fauser betonte, dass er gegen den Wolf an sich nichts habe: „Das ist ein Tierle wie jedes andere auch“. Was ihn aber störe, sei die Tatsache, dass er von Tierschützern beinahe heilig gesprochen werde und Kritiker regelrecht an den Pranger gestellt würden. Er sei jetzt mit einem Teil seiner Schafherde bei Ostrach, habe einen vor zwei Jahren gekauften 90 Zentimeter hohen Zaun, wobei er täglich zehn Netze auf- und abbauen müsse: „Das macht keiner lang mit“. Mit dem hohen Schnee sei es schwierig, Strom auf die Zäune zu bekommen, erläuterte der Schäfer.

Dr. Daniel Schmidt-Rothmund ist Jagdpächter in Baach, zugleich ausgebildeter Biologe. Er beantwortete eine Frage aus den Zuhörerreihen, bei der es um die Auswirkungen auf den Wildbestand ging. Der Wolf sondere vor allem älteres und schwächeres Wild aus, übe eine natürliche Regulation aus. Zahlenmäßig habe er keinen großen Einfluss auf die Wildbestände. Allerdings müsse sich der Jäger auf den Wolf einstellen, weil da plötzlich noch jemand sei, der Zugriff auf die Wildtiere habe. Dennoch sehe er das Aufkommen des Wolfes eher gelassen. Das sei bei Nutztierhaltern natürlich anders.

Gebhard Aierstock, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes, erklärte, dass der Wolf den Landwirten sehr wohl Sorgen bereite. Aktuell seien es 1000 Wölfe, in sechs Jahren aber könnten bereits 4000 Wölfe durch Deutschland streifen. „Wann wird das mal zuviel?“, fragte Aierstock. Er ist sich sicher, dass der Wolf eines Tages wieder bejagt werden muss. Mit dem Wolf werde die Weidetierhaltung zum Großteil verschwinden, prophezeite der Sonderbucher Landwirt, denn nur wenige seien in der Lage die nötigen Herdenschutzmaßnahmen finanziell und zeitlich überhaupt umzusetzen. Damit werde der Wolf letztlich auch der Biodiversität schaden, wenn die Wacholderweiden verschwinden. Damit stelle sich für ihn schon die Frage, ob der Wolf überhaupt in unsere Kulturlandschaft passe. Wenn man in Stuttgart wohne, könne man den Wolf natürlich toll finden.

In der Diskussion – die Veranstaltung dauerte fast drei Stunden – wurde fast kein gutes Haar am Wolf gelassen: Man könne doch auch gleich noch Braunbären ansiedeln, war zu hören. Aber auch, dass die Enschädigungszahlungen für Schäfer und Landwirte letztlich vom Steuerzahler zu berappen seien. Eine Pferdehalterin sprach von ihren Ängsten, dass ihr Pferd bei einer Begegnung mit dem Wolf in Panik geraten und in ein Auto springen könne: „Wer haftet dann dafür?“ Hobbytierhalter seien verantwortlich, was mit ihren Tieren passiert, antwortete Herdtfelder.

Daniel Burgmayer sprach von den Wünschen der Verbraucher, Kühe auf der Weide zu sehen, das werde es immer weniger geben. Der Staat ziehe sich aus der Affäre, zahle nur Zäune in bestimmten Bereichen. Das größte Risiko für ihn sei es, dass Herden durchgehen, wenn der Wolf kommt und dadurch Unfälle verursacht würden.

Einer der Zuhörer erinnerte daran, dass Zwiefalten einst Wolfsland gewesen sei. Bürger hätten Frondienst in Form von Wolfsjagd leisten müssen. 1830 sei hier der letzte Wolf gesichtet worden. Der Wolf sei nicht vom Aussterben bedroht, warf Gebhard Aierstock ein. Das stimme, aber es sei noch kein sicherer Populationszustand erreicht. Danach aber werde der Wolf nicht mehr unter strengem Schutz stehen. In Ländern, in denen der Wolf nie ausgestorben war, habe man Schafherden Tag und Nacht bewacht. Das wäre auch eine möglich neue Aufgabe im Bundesfreiwilligendienst, meinte er.

Das Schlusswort kam von Bruno Auchter: „Wenn die Gesellschaft den Wolf will, darf sie die Leidtragenden nicht im Regen stehen lassen“.

73

Wolfsrudel wurden vergangenes Jahr in ganz Deutschland gezählt, außerdem 30 Paare und drei Einzeltiere.

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