Ehingen Das Leben nach Schlecker

Ehingen / KARIN MITSCHANG 21.01.2013
Viele Gefühle kommen bei den Ex-Schlecker-Mitarbeitern am Jahrestag hoch. War die Insolvenz für manche die Chance, neu über vieles nachzudenken, ist das Leben für andere noch ein Kampf.

"Es sind viele Erinnerungen, die wieder wach werden", sagt Sabine Marmor über die vielen Jahresrückblicke vor Silvester, die ausnahmslos auch die Schlecker-Insolvenz als großes Thema hatten. Die frühere Abteilungsleiterin der Lohnbuchhaltung Deutschland hatte 23 Jahre lang im Verwaltungs-"Glaspalast" des Konzerns in Ehingen gearbeitet. Sie wollte damals, an jenem Freitag, 20. Januar, um 12.30 Uhr in ein normales Wochenende gehen, und erfuhr stattdessen zuhause aus dem Fernsehen von der anstehenden Insolvenz ihres Arbeitgebers. In der Folgezeit fiel es schwer, all die Berichte auszuhalten, sagt die 42-Jährige. "Die erste Zeit habe ich umgeblättert und weggeschaltet." In der Firma wurde die Situation zuerst schöngeredet, man machte sich gegenseitig Mut, so gut es ging.

Von April an fing Marmor dann an, sich nach einem anderen Job umzuschauen. "Da hat es sich für mich herauskristallisiert, dass das nichts mehr wird." Eine leitende Stelle sollte es nicht mehr werden. Dafür waren die vielen Schicksale, die sie "abwickeln" musste, zu schmerzhaft. Ein Stück weit, so sagt Marmor, waren die Lohnbuchhalter auch Seelsorger für die Leute. "Ganz sicher." Ansprechpartner zum Beispiel für alleinerziehende Mütter, die vor dem Nichts standen.

Ein Jahr nach der Insolvenz sieht Marmor die Pleite auch positiv: "Ich habe dadurch die Chance gekriegt, über mein Leben nachzudenken." Dass mit ihren damaligen 50-Stunden-Wochen Freunde und Hobbys auf der Strecke blieben, wurde ihr so bewusst. "Das wollte ich nicht mehr, denn es gibt auch ein Leben neben dem Job", sagt die Ehingerin. Marmor ist eine von acht Mitarbeitern von 25 aus ihrer früheren Abteilung, die den Sprung in einen anderen Job geschafft haben. Sie ist inzwischen in der allgemeinen Verwaltung bei der Verwaltungsgemeinschaft in Munderkingen tätig und hochzufrieden mit ihrem neuen Team, was auf Gegenseitigkeit beruht, wie Marc Walter lachend bestätigt: "Sie ist unsere Allzweckwaffe".

Wie berichtet ist die ehemalige Assistentin der Schlecker-Geschäftsleitung Manuela Böger inzwischen als Leiterin der Geschäftsstelle des Ortskrankenpflegevereins in Laichingen tätig. Doch nicht alle Ex-Schlecker-Mitarbeiterinnen hatten so viel Erfolg: Etliche Sachbearbeiter sitzen noch immer in der Verwaltung und wickeln im Zuge der Insolvenz das Geschäft ab. Eine für manchen deprimierende Aufgabe. Marmor hat sie im Büro besucht und mit ihnen auch bei einem vorweihnachtlichen Treffen gesprochen, das wiederholt werden soll. "Das ist ganz komisch, dort wieder ins Büro zu gehen." Besonders die vielen Teilzeitkräfte haben nichts Neues gefunden - "sonst wären sie nicht mehr dort". Sie werden spätestens im Sommer arbeitslos.

Eine andere Frau aus dem Raum Ehingen, die lange an der Kasse eines Schlecker-Ladens gearbeitet hat, fürchtet derzeit um ihr Haus, für das sie noch Raten in Höhe von monatlich 500 Euro abbezahlen muss. "Das Arbeitslosengeld von 730 Euro reicht hinten und vorne nicht", sagt die Frau über 50, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, weil sie das Gerede auf dem Land nicht haben will. 100 Euro für Heizung und 80 Euro für Strom, da bleibt ihr zum Leben nicht genug übrig, aber Aufstocken auf den Hartz-IV-Satz kommt auch nicht infrage, hat sie erfahren. Für einen Antrag auf Geld aus dem Schlecker-Fonds der Caritas müsste sie zuerst einmal eine Internetverbindung haben. "Anders kommst du da nie ran."

Auch die Jobsuche sei für viele "Schlecker-Frauen" ein einziger Kampf. "In meinem Alter bekomme ich auf Bewerbungen nur noch eine Absage nach der anderen", sagt die Verkäuferin. Ihre ehemalige Schlecker-Filialleiterin hat inzwischen nicht mal mehr einen Telefonanschluss, berichtet sie. "Es ist grad wirklich schlimm für viele."

Mit ihren früheren Kolleginnen hat sie sporadisch noch Kontakt, mit der Firma von Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz unfreiwillig ebenso. Denn die Ex-Mitarbeiterin hat beim Ausverkauf im Kinderland Ehingen vor einigen Monaten mitgeschafft und soll nun wegen eines Abrechnungsfehlers einen zweistelligen Eurobetrag zurückzahlen. "Ich würde mich an deren Stelle schämen, noch Geld zu verlangen. Ich habe ja viele Überstunden nicht ausgezahlt bekommen. Und ich habe das Geld jetzt nicht." Die Insolvenzverwaltung habe ihr gedroht, bei der Agentur für Arbeit entsprechend Ärger zu machen, sodass ihr das Arbeitslosengeld gekürzt werde. Folgender Satz sei ihr noch dazu um die Ohren geworfen worden: "Auf die soziale Ader der Arbeitsagentur würde ich nicht bauen." Nun überlegt die Frau, die mehrere Jahrzehnte bei Schlecker gearbeitet hatte, zum Arbeitsgericht zu gehen, um gegen Geiwitz vorzugehen.

Sabine Marmors Fazit fällt zweigeteilt aus: "Auf der einen Seite sehe ich die Insolvenz, auf der anderen aber auch die vielen Arbeitsplätze, die Schlecker über so viele Jahre geboten hat. Ich bin immer gerne zur Arbeit gegangen, sonst wäre ich nicht so lange dort gewesen."

Die Frau, die um ihr Haus bangen muss, hat vor, ihre Erfahrungen literarisch zu verarbeiten. Sie will erzählen, was so eine Insolvenz für den Einzelnen bedeutet und "wo man da durch muss". Das Ergebnis soll literarisch sein, aber gleichzeitig auch ein Ratgeber. Derzeit ist die über 50-Jährige aber noch voll im Strudel der Ereignisse. "Man hat das Gefühl beim Arbeitsamt, man ist wirklich niemand mehr." Drei Bewerbungen sind derzeit noch für sie offen, und so geht das Bangen noch weiter.