Eisenbahngeschichte Das kleine Weihnachtswunder an der Eisenbahn

Der junge Lokführer bei der Arbeit.
Der junge Lokführer bei der Arbeit. © Foto: Privat
eb 25.12.2017

Es war August, die Sonne brannte vom Himmel, und er hatte ein paar Tage frei. Er dachte gerade darüber nach, was er mit dem Tag anstellen sollte, als plötzlich das Telefon läutete. Die Stimme war ihm wohl bekannt. Es war der Direktor der Eisenbahngesellschaft. Bei ihm hatte er an seinem 18. Geburtstag die Zugführerprüfung abgelegt. Seitdem war er bei einer kleinen Nebenbahn am Fuße der Alb beschäftigt und er hatte den Direktor nicht mehr gesehen.

Dass der ihn nun persönlich und noch dazu Zuhause anrief, ließ sein Herz pochen. Wie es dem Direktor eigen war, kam er sofort zur Sache und fragte ihn, ob er ab September für ein paar Monate auf einer anderen Nebenbahn aushelfen könnte. Die Strecke um die es ging, war im März des selben Jahres stillgelegt,  die letzten beiden Beschäftigten entlassen worden. Soweit wusste er Bescheid.

Der Direktor erzählte ihm, dass die Bauern entlang dieser Strecke nun auf die Barrikaden gegangen seien, weil die Äcker im ganzen Tal voller Zuckerrüben standen, die gesamte Logistik zum Abtransport in die Zuckerfabrik noch auf die Bahn ausgerichtet sei. Weil so schnell keine andere Lösung umsetzbar sei, habe man sich dazu drängen lassen, die Bahn noch einmal für die drei Monate bis Weihnachten zu reaktivieren und die Zuckerrüben über die Schiene abzutransportieren. Da die beiden ehemaligen Mitarbeiter allerdings im Ruhestand seien, müsse man auf Aushilfen von anderen Bahnen zurückgreifen.

Er traute seinen Ohren nicht, denn was der Direktor ihm da erzählte, hörte sich wie ein Märchen an. Während er noch damit beschäftigt war, das eben Gehörte zu ordnen, bedankte sich der Direktor bereits: „Für diese Sache brauchen wir jemanden, der zupacken kann und sich zu helfen weiß. Genau so einen wie Sie. Es freut mich sehr, dass sie im Boot sind. Melden Sie sich am 3. September bei der Bahnverwaltung vor Ort“ – und der Hörer am anderen Ende wurde aufgelegt. Kaum hatte er Luft geholt, klingelte das Telefon erneut. Es war der Bahnverwalter der Strecke durch das Tal, von dem der Direktor sprach. Er sagte, dass man inzwischen auch einen Lokführer gefunden habe, die Mannschaft damit komplett sei. Die Unterkunft sei ebenfalls geregelt, ein hübsches Zimmer in einem Dorfgasthaus sei ab nächsten Monat sein Zuhause.

Am dritten September fuhr er also ins Unterland. Die Bahnverwaltung der Strecke, die durch das Tal mit den Zuckerrüben führte, war in einem sehr hübschen und gepflegten Bahnhofsgebäude etwa in der Mitte der Strecke untergebracht, daneben ein Omnibusbetriebshof, der ebenfalls zur Gesellschaft gehörte und ein landwirtschaftliches Lagerhaus.

Er meldete sich an der Fahrkartenausgabe und wurde in das Vorzimmer gebracht. Eine strenge Sekretärin musterte ihn. Alles war sehr herrschaftlich und formell. Über eine Wechselsprechanlage gab die Sekretärin dem Bahnverwalter bekannt, dass der Zugführer da sei. Ein murmelndes Nörgeln bedeutete, dass der Chef wohl noch mit etwas anderem, sehr Wichtigem, beschäftigt war. Die Sekretärin übersetzte das Krächzen aus der Sprechanlage in unterländischem Zungenschlag. Er wartete. An der Wand hing eine Entfernungstabelle für die Stückgutabfertigung aus dem Jahr 1924. „Gut, die Kilometer haben sich ja nicht geändert“, dachte er.

Trotzdem kam es ihm vor, als sei die Zeit hier stehen geblieben. Alles war völlig anders, als in den Bahnverwaltungen, die er bisher kennen gelernt hatte. Er lachte in sich hinein: Ein Bahnhof, auf dem seit einem halben Jahr keine Züge mehr fuhren, eine Sekretärin für einen Bahnverwalter, den man eigentlich gar nicht mehr braucht, ein Dialekt bei dem man denkt, die Leute setzen jeden Moment zu einem Lied an und eine Atmosphäre, als warte man auf eine Audienz beim König von Württemberg.

Plötzlich krächzte die Sprechanlage wieder, und die Sekretärin erhob sich. Sie öffnete die Tür zum Dienstzimmer und bedeutete dem jungen Zugführer, dass er eintreten solle. Ein kleiner untersetzter, aber trotzdem sportlicher Mann gehobenen Alters im weißen Hemd mit goldenen Manschettenknöpfen, saß hinter einem für den Raum leicht zu wuchtig geratenen Schreibtisch. Eine Pfeife dampfte im Aschenbecher vor sich hin. Der Zugführer stand eine Weile vor dem Schreibtisch, bis ihm Platz angeboten wurde. Es war ihm unwohl. Der Bahnverwalter fragte ihn bis ins kleinste Detail nach seinem Werdegang, ganz als ob er sich vorbehalten wollte, doch noch einen anderen Mann für die Aushilfe auf seiner Bahn auszuwählen.

Der Zugführer erzählte ihm von seiner Arbeit als Streckenläufer, mit der er als 16-jähriger begonnen hatte, und dass er auch in der Werkstatt bei der Arbeit an den Fahrzeugen mitgeholfen hatte. Schließlich holte der Bahnverwalter seine Pfeife aus dem Aschenbecher und zündete sie an. Das war das Zeichen, dass das Kreuzverhör beendet war.

Wortkarg erklärte er dem Zugführer, was ab dem nächsten Tag seine Aufgaben waren. „Bis zur Rübenkampagne ist noch etwas Zeit. Aber es ist jetzt fast ein halbes Jahr kein Zug mehr bei uns gefahren, die Bahnübergänge an der gesamten Strecke müssen frei gemacht, Bäume und Büsche zurückgeschnitten, Weichen geschmiert, der Triebwagen flott gemacht werden.“

Am Abend saß der Zugführer am Stammtisch in der Wirtschaft, in der sein Zimmer gebucht war. Die Leute waren redselig und freundlich. Wäre zu Hause am Albtrauf ein Fremder erst einmal für ein halbes Jahr alleine gesessen, bevor man ihn angesprochen hätte, so war er hier gleich am ersten Abend im Mittelpunkt des Interesses – was ihm durchaus gefiel. Namen interessierten hier Niemanden, man nannte die Leute nur nach der Tätigkeit und der Firma, für die sie arbeiteten. Und weil die Bevölkerung die Bahn durch das Tal „Entenmörder“ nannte, war er im Dorf nur der „Zugführer vom Entenmörder“. Es gab Schlimmeres.

Am nächsten Tag traf auch der Lokführer ein. Beide verstanden sich auf Anhieb gut, und so gingen sie ans Werk. Nach 14 Tagen harter Arbeit war die gesamte Strecke auf ihren 24 Kilometern wieder befahrbar, der Triebwagen fahrbereit. Als sie zum ersten Mal mit dem Triebwagen vom Lokschuppen am Endpunkt der Strecke das Tal hinab fuhren, konnten die Leute es fast nicht glauben – ihre Eisenbahn war wieder unterwegs! Männer und Frauen standen in den Gärten und vor den Häusern und winkten. Alle freuten sich, dass die Bahn wieder fuhr.

In den folgenden Wochen arbeiteten die beiden Eisenbahner sechs Tage in der Woche, selten unter zwölf 12 Stunden am Tag. In langen Schlangen standen die Bauern mit ihren Schleppern und bis zu drei angehängten Ladewagen auf den Bahnhöfen, um Zuckerrüben abzuliefern, die in die offenen Güterwagen gekippt wurden. Über 1000 Wagen mit Zuckerrüben brachten die beiden Eisenbahner von den Bahnhöfen entlang der Strecke durch das Tal zur Zuckerfabrik.

Alles klappte wie am Schnürchen, bis es in der Woche vor Heiligabend zu regnen begann. Es regnete den ganzen Tag, und auch nachts hörte es nicht auf. Die gefrorenen Böden konnten das Wasser nicht aufnehmen. Bald schwoll der Fluss zu einem reißenden Strom an. Immer, wenn sie über eine der großen eisernen Brücken fuhren, blickten die beiden Männer mit Sorge auf das Wasser darunter. Bald schon standen die Flutwiesen komplett unter Wasser. Der Fluss nahm fast die gesamte Talbreite ein.

Die Bauern hatten größte Mühe, die Rüben noch aus den Äckern zu bringen. Die Ladewagen, die überhaupt noch auf den Bahnhöfen ankamen, waren nur noch zur Hälfte mit Rüben gefüllt, der Rest war Mutterboden. Die Verladeanlagen gingen im Schlamm unter. Zwei Tage vor dem Weihnachtsfest brach ein kleiner Damm, und der Ort dahinter versank in den Wassermassen. Die Erdgeschosse der Häuser standen komplett unter Wasser, die Menschen verloren alles. Da die Bahnlinie stets an den seitlichen Hängen oder auf einem Damm durch das Tal verlief, war sie über Nacht die einzige Verkehrsverbindung geworden, die noch zur Verfügung stand. So versammelten sich die Menschen an den Bahnhöfen und warteten auf den Güterzug. Als der Zugführer das sah, ließ er den Zug anhalten und nahm die Leute auf.

Dem Lokführer war das nicht geheuer. „Du weißt, dass wir keine Personenbeförderung haben, wer trägt dafür die Verantwortung? Du hast ja nicht mal Fahrkarten. Was sollen wir von den Leuten verlangen?“ „Für was haben wir einen Triebwagen und für was bin ich denn der Zugführer? Schau Du nach vorn und pass’ auf, dass wir nicht entgleisen, ich werde mir schon was einfallen lassen, außerdem ist der Chef ja heute nicht da“, zischte der Zugführer zurück. Doch der Lokführer war noch nicht fertig: „Wie wollen die Leute überhaupt ins Tal zurückkommen, es gibt doch gar keinen öffentlichen Fahrplan?“ „Mit uns natürlich – mit wem denn sonst? Ich sage den Leuten wann wir fahren, dann warten wir heute Abend einfach bis wieder alle da sind.“

Als es kurz nach fünf war und der Tag sich senkte, war der Triebwagen bis auf den letzten Platz besetzt. Viele wollten zu ihren Verwandten im Tal, um zu helfen oder ihnen Lebensmittel zu bringen. Sie hatten durch Mundpropaganda in der Stadt davon gehört, dass der „Entenmörder-Güterzug“ Leute mitnimmt und man so die blockierten Wege umgehen und ins Tal kommen kann. Trotz des ganzen Elends war die Stimmung im Triebwagen heiter. Fast jeder Fahrgast hatte ein Geschenk für die beiden Eisenbahner dabei. Von Schokolade, selbstgemachtem Gebäck, über Punsch oder Weihnachtsschmuck. Es wurde gesungen und gelacht, es wurden Geschichten erzählt aus der Zeit, als es noch alltäglich war, mit der Bahn durch das Tal zur Arbeit oder zur Schule zu fahren. Der Güterzug hielt nun auf jeder Station. Den Leuten, die den Triebwagen verließen, war die Dankbarkeit ins Gesicht geschrieben.

Plötzlich wurde das bunte Treiben durch einen Funkruf der Bahnverwaltung unterbrochen. Der Chef wollte wissen, weshalb man so spät dran sei und was da vor sich gehe. Der Zugführer erklärte schlagfertig, man habe Verspätung wegen des Hochwassers, sei nun aber glücklich unterwegs und in wenigen Minuten bei ihm. Der Lokführer fauchte: „Da hast du den Salat, ich habe es dir gleich gesagt. Jetzt haben wir den Zug voller Leute und in fünf Minuten steht der Chef auf dem Bahnsteig.“ Dem Zugführer schoss das Blut in den Kopf. Damit hatte er nun nicht gerechnet. Was wollte er dem Chef erzählen? Wieso war der überhaupt auf einmal da? Anhalten und die Leute vorher aussteigen lassen, schien unmöglich, es war ja alles unter Wasser neben den Gleisen.

Doch er wusste sich zu helfen: Er bat die Fahrgäste um Ruhe und sagte, dass sie auf der nächsten Station vom Bahnverwalter höchstpersönlich willkommen geheißen würden. Da wäre es doch eine schöne Geste, –wenn sie sich bei ihm für die unkonventionelle Beförderung persönlich bedanken und mit Beifall den Zug verlassen würden. Das Publikum war begeistert. Kurze Zeit später fuhr der Zug in den Bahnhof mit dem hübschen Gebäude und der Omnibushalle ein. Der Bahnverwalter stand, wie üblich im weißen Hemd, an der Tür zum Dienstraum. Man konnte schon von einiger Entfernung seine Stimmung erkennen – ein Federwisch hätte genügt und er wäre explodiert.

Kaum hatte der Zug angehalten, stürmten die Leute hinaus, klatschten und jubelten und umarmten den Chef. Eine ältere Frau gab ihm beide Hände und sagte zu ihm, wie schön es doch sei, dass es noch Menschen gäbe, die in der Not ein gutes Herz zeigten. Das noch kurz vor Heiligabend sei doch wahrhaftig ein kleines Weihnachtswunder.

Der Bahnverwalter zögerte erst etwas, dann lösten sich seine Gesichtszüge und er fasste sich. „Aber meine Dame, ich bitte Sie, dafür sind wir doch da.“ Sein Blick wurde wieder finster und er wandte sich – schnaubend und um Fassung ringend – an den Zugführer: „Sehen Sie zu, dass die Leute einsteigen und machen Sie, dass Sie wegkommen. Wir sehen uns morgen früh!“

Am Morgen des 23. Dezember hatte der Regen aufgehört. Spiegelglatt standen die Wasserflächen links und rechts neben dem Bahndamm. Das ganze Tal war stumm und menschenleer. Es waren an diesem Tag nur noch drei beladene Rübenwagen abzuziehen, unweigerlich ging es dem Ende zu. Der Zugführer hatte nicht gut geschlafen, denn er kannte seinen Chef als wenig humorvoll, wenn es um Abweichungen von der Vorschrift ging.

Die ganze Fahrt über hatte er sich ausgemalt, was er wohl zu hören bekommen und wie er sich rechtfertigen würde. Als die beiden Eisenbahner schließlich auf dem Bahnhof mit dem hübschen Gebäude ankamen, stieg der Zugführer aus, um sich schuldbewusst eine Abmahnung vom Bahnverwalter abzuholen. Da öffnete sich die Tür und die Sekretärin kam mit einem Teller voller Weihnachtsgebäck heraus. „Der Chef hat heute auswärts zu tun und musste schon früh weg. Ich soll Ihnen einen Gruß sagen und dieser Teller hier – der ist für Sie.“

Es war der letzte Tag, an dem die Nebenbahn durch das schöne Kochertal von Jagstfeld nach Ohrnberg planmäßigen Zugverkehr erlebte. Heute sind die Gleise abgebaut, über den hübschen Bahnhof von Neuenstadt am Kocher führt inzwischen eine Umgehungsstraße und nicht nur die Geschichte vom Güterzug, der die Menschen kurz vor der Heiligen Nacht des Jahres 1993 zusammen und durch das Hochwasser brachte, ist für immer Erinnerung.

Der junge Zugführer ist heute selbst Bahnverwalter - Irgendwo auf der rauen Alb oben. Nur sein Name – Der fällt mir nicht mehr ein.