Von Herbst bis zum Frühsommer herrscht normalerweise Hochbetrieb in den Tattoostudios. Schließlich wollen die Kunden die kühle Jahreszeit nutzen, um sich verschönern zu lassen, und dann – pünktlich zum Start der Freibad- und Urlaubssaison – stolz ihren neuen, gut verheilten Körperschmuck präsentieren. Nicht in diesem Jahr, denn auch die Türen der Stechstuben sollen bis auf Weiteres geschlossen bleiben. Für viele Solo-Selbstständige ein echtes Dilemma: das Haupteinkommen fehlt, die Fixkosten laufen allerdings völlig unbeeindruckt der Corona-Pandemie weiter. Somit initiierte die Hamburger Tattoo-Künstlerin Eva Hood eine Petition, mit der sie vom Gesundheitsministerium fordert, die Tattoo-Studios gemeinsam mit den Friseursalons am 4. Mai wieder zu eröffnen. Das Ziel ist klar und nachvollziehbar, die Hautkünstler sollen nicht wegen fehlender Umsätze vor dem Aus stehen.

Vernunft geht vor

Auch Kai Dreher-Schultze, Inhaber von Pirate Love Tattoo & Anti-Fashion in Engstingen, hat dieses Schreiben per E-Mail erhalten und an seine Kollegen weitergeleitet. „Selbst unterschrieben habe ich die Forderung jedoch nicht“, sagt der 42-Jährige. Freilich müsse es weitergehen, aber wirklich Sinn mache das Ganze für ihn nicht. „Ich bin kein Virenexperte, dennoch war ich im Hinblick auf die Petition skeptisch. Wir sind in der Verantwortung, daher bleibt unser Laden so lange geschlossen, wie dies die Experten empfehlen“, erklärt der Studio-Chef.

Dabei seien die Hygiene-Standards vor Ort von Beginn an sehr hoch. „Wir arbeiten schon seit geraumer Zeit mit Mundschutz und tragen Schürzen bei der Arbeit. Auch Einweghandschuhe und Armschutz sind bei uns längst Usus“, so Dreher-Schultze, der seinen Laden schon seit Dezember 2004 hauptberuflich führt.

Allerdings sind aber ganz klar die Schutzmaßnahmen eine Sache, das geschwächte Immunsystem der Kunden eine ganz andere Betrachtungsweise. „Insbesondere nach einer großflächigen Tätowierung ist der Körper geschwächt und anfällig“, ergänzt der Experte. „Geld hin oder her, wer zum Beispiel erkältet ist, der bleibt daheim.“ Manch einer habe nach einer längeren Sitzung ohnehin erhöhte Temperatur oder gar fieberähnliche Symptome. Diese Tatsache sei zu bedenken. Demnach sei der innere Arzt mit der Heilung der Wunde beschäftigt und kann sich womöglich nicht wehren, sollte der Organismus mit dem Corona-Virus in Kontakt kommen. „Die Leute drängen darauf, wieder rauszugehen, sämtliche Branchen brauchen ihren Umsatz. Dennoch könnte der Schuss auch nach hinten losgehen“, warnt der Tätowierer davor, zu großen Druck auf die Entscheider auszuüben. „Wenn die Politiker zu früh nachgeben, kommt eventuell eine neue Infektions-Welle auf uns zu.“ Viel eher sieht der Geschäftsmann eine Chance für die Staatslenker, zu zeigen, dass sie sich um das Volk kümmern: „Die Zeit für das bedingungslose Grundeinkommen ist reif. Finnland macht dies ja bereits erfolgreich vor.“

Doppelt gebeutelt

Über die Frage, wie denn sein Plan B ausschaue, muss Dreher-Schultze fast etwas lachen. Da es während der sonnigen Monate ohnehin etwas ruhiger in der Tattoo-Szene zugeht, habe er sich seit etwa drei Jahren um ein zweites Standbein gekümmert: „Je nach Auftragslage bin ich dann an zwei bis drei Tagen als Outdoor-Trainer aktiv.“ Wandern, Klettern, Biwakieren und Höhlentouren, zum Beispiel in der Falkensteiner Höhle, zählen zu seinen Schwerpunkten. Die Bandbreite an Buchungen ist groß: Familienausflüge, Aktionen für Gäste der Jugendherberge in Bad Urach, Firmenevents oder Junggesellenabschiede. Alles Dinge, die derzeit nicht stattfinden können. Für den jungen Mann ein weiterer finanzieller Verlust. Die Soforthilfe für drei Monate hat er inzwischen erhalten – insgesamt  1500 Euro, 500 Euro pro Monat. „Berücksichtigt werden jedoch nur fixe Kosten wie etwa die Miete der Geschäftsräume. Essen oder Kosten für den privaten Unterhalt zählen hier nicht dazu“, berichtet er. Für die persönlichen Belange sei die Grundsicherung des Arbeitsamtes zuständig und das sei nicht nur sehr aufwendig zum Beantragen, sondern dauere auch viel zu lange. „Die meisten Solo-Selbstständigen haben meist keinen allzu großen Puffer, um eine lange Zeit überbrücken zu können.“

Am meisten wundere sich der Studio-Betreiber allerdings darüber, dass sein erster Antrag auf Soforthilfe abgelehnt wurde, seine Lage sei „nicht dramatisch genug“. Erst sein zweiter Versuch mit noch detaillierteren Erläuterungen war erfolgreich.

Unsichere Aussichten

Unklar ist natürlich auch, wie die Welt und die finanzielle Lage der Menschen nach der Corona-Krise ausschaut. „Ein Tattoo ist ein Luxusgut, das braucht man nicht wirklich“, blickt der Künstler in eine ungewisse Zukunft. „Ich befürchte, dass erst einmal ein Loch entsteht – vor allem wenn die Sonne richtig kommt. Möglicherweise finden die ersten Termin damit erst wieder im Herbst statt“, vermutet er. Im Hinblick auf das Studio sei man dann aber bestens aufgestellt. Wie auch viele andere Unternehmer, die derzeit eine Corona-Zwangspause einlegen müssen, nutzen auch der Studio-Boss und seine Kollegin Dani, die an zwei Tagen pro Woche als Tätowiererin im Laden tätig ist, die freie Zeit für Renovierungsarbeiten.

„Ich freue mich sehr darauf, wenn wir mal wieder unser Tattoo-Roulette veranstalten dürfen“, berichtet die junge Frau, die hauptberuflich als Sonderschullehrerin in Mariaberg tätig ist. Bei diesem Event erspielen sich Interessierte an einem provisorischen Roulette-Tisch ein kleines Motiv, das Bildchen wird am selben Tag noch gestochen. „Kai und ich sitzen den ganzen Tag drinnen und arbeiten. Die Kunden haben Spaß und kriegen ein Tattoo zu einem tollen Preis“, ergänzt sie. Der gesamte Erlös des Tages wird an eine gemeinnützige Organisation gespendet. Bei der vergangenen Aktion gingen die Einnahmen an Rüdiger Nehbergs Hilfsprojekt Target, das gegen die weibliche Genitalverstümmelung in Afrika kämpft. Davor wurde für die Wale rund um Island gespendet – Kai Dreher-Schultze ist nämlich zudem überzeugtes und engagiertes  Mitglied von Greenpeace in Münsingen und setzt sich mit ganz viel Herzblut für das Wohl der Menschen und Tiere auf der ganzen Welt ein.