Die Lage im Handel und für die Gastronomie ist katastrophal“: Einig in dieser Beurteilung waren sich gestern im Gespräch mit unserer Zeitung Thomas Gut, Vorsitzender von Pro Münsingen sowie Jürgen Schwald, Vorstand der Fachgruppe für den Handel. Gut verglich die Situation mit einem Landwirt, der, zum Beispiel als Folge einer Dürre, einen Totalausfall seiner Ernte hinnehmen muss. Betroffen von den durch die Landesregierung angeordneten „Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus“ sind eine Vielzahl von Mitgliedsbetrieben (Ausnahmen in der Verordnung im Infokasten).

Dramatische Umsatzeinbrüche

Bereiche, wie beispielsweise die Werkstatt, die dem Radsport-Geschäft von Schwald angegliedert ist, dürfen zwar ihre Dienstleistungen weiter anbieten, „aber es kommt derzeit niemand“, hat er beobachtet. Ähnlich ergeht es Gut mit dem Optikergeschäft, das ebenfalls weiterhin seine Dienstleistungen anbieten darf. „Am Donnerstag kamen nur vier Kunden in den Laden“.

Der Umsatz im Handel ist drastisch eingebrochen, an den laufenden Kosten ändert sich jedoch nichts. „Die Miete muss genauso bezahlt werden, wie Warenlieferungen und die Ausgaben für die Angestellten“, gibt Gut zu bedenken. Innerhalb der ersten beiden Tage nach dem Erlass der Landesregierung haben die Münsinger Geschäfte reagiert und dafür gesorgt, dass sie weiterhin für ihre Kunden erreichbar sind und einen Bestell- und Lieferservice auf die Beine gestellt. „Wer Waren in einem Geschäft bestellt, bekommt diese ohne Zusatzkosten nach Hause geliefert“, versichert Gut. Das kann etwas sein, dass im Schaufenster entdeckt oder in der „Münsingen App“ angeboten wurde. Diese wollen die Händler in der Stadt jetzt verstärkt als Angebotsplattform nutzen. „Eine eigene, professionell gestaltete Verkaufsplattform im Internet lässt sich so schnell nicht umsetzen und verursacht zudem hohe Kosten“, gibt Schwald zu bedenken.

Hoffnung auf Treue der Stammkunden

So rufen die Mitglieder von Pro Münsingen gemeinsam mit der Stadtverwaltung dazu auf, weiterhin dem Motto „Kauf lokal in Münsingen“ zu folgen. Schwald sieht hier durchaus Potential. „Wir haben viele Stammkunden, die uns sicher treu bleiben“, ist er überzeugt. Und er hofft darauf, dass der eine oder andere Kaufwunsch vielleicht aufgeschoben wird, bis die Geschäfte wieder öffnen können und direkt für die Kunden da sind.

Andererseits ist natürlich jetzt Saison für die Frühlingsware. „Die Kollektionen wurden im Herbst bestellt, sind ausgeliefert und müssen bezahlt werden“, so Gut, „der Verkauf im Laden ist aber untersagt“. So entstehen riesige finanzielle Belastungen, die unter Umständen nicht lange verkraftet werden können. Und im Herbst will keiner mehr Frühlingsware, die sich allenfalls noch mit hohen Preisabschlägen verkaufen lässt.

Gaststätten jetzt ganz geschlossen

Genauso dramatisch stellt sich die Situation für die Gastronomie dar. Zimmer wurden fast alle storniert. „Wenn die Beschränkungen aufgehoben werden, lässt sich das nicht wieder wettmachen, da die Auslastung eines Zimmers nicht gesteigert werden kann“. Die Gaststätten konnten nur bis gestern tagsüber noch öffnen, auch das ist jetzt untersagt. So bleibt nur noch der Abhol- oder Lieferservice übrig, den in der Region eine ganze Reihe von Betrieben anbieten – eine Übersicht findet sich auf der Homepage des Tourismusverbands Schwäbische Alb unter „www.schwaebischealb.de“. Allerdings lässt sich auch die Küche eines Restaurants nur mit einer gewissen Mindestanzahl von Essen wirtschaftlich betreiben, fügt Schwald hinzu.

„Soforthilfe“ ist jetzt unerlässlich

Daher fordert Gut in jedem Fall „Soforthilfe“ von der Landesregierung in Form einer Übernahme von Mietkosten. „Es ist wie wenn jemand seinen Job verliert, aber kein Arbeitslosengeld erhalten würde“, betont Gut. Auch Vermieter können, wenn es für sie wirtschaftlich tragbar ist, mit Stundungen oder dem Erlass der Miete für einen begrenzten Zeitraum, die aktuelle Notlage der Geschäfte abmildern. Das hatten die Wirtschaftsförderungen von Tübingen, Metzingen, Mössingen, Albstadt, Bad Urach, Rottenburg, Balingen, Pfullingen, Reutlingen und Münsingen sowie die IHK bereits am Mittwoch in einer gemeinsamen Erklärung vorgeschlagen. Doch um die drohende Insolvenz der Einzelhandelsgeschäfte zu verhindern, sind weitere Hilfen erforderlich, betont Gut und erinnert an die Zahlungsverpflichtungen. „Wer seinen Lieferanten bezahlen muss und nichts verkaufen kann, benötigt dringend einen Überbrückungskredit“.

An Kurzarbeit führt aus der Sicht der beiden Geschäftsleute dennoch kein Weg vorbei. „Wenn es keine Einnahmen und keine Arbeit gibt, können wir die Löhne der Angestellten nicht mehr bezahlen“. Allenfalls ein bis zwei Wochen lassen sich nach Einschätzung von Gut durch den Abbau von Überstunden und Resturlaub herausholen. „Das Schlimmste ist die Ungewissheit, weil wir ja nicht wissen, wie lange diese Situation dauern wird“, zieht Schwald als trauriges Fazit aus der derzeitigen Situation.

Das könnte Dich auch interessieren:

Einschränkungen für Ladengeschäfte


Geschäfte, die weiterhin geöffnet haben: Einzelhandel für Lebensmittel, Wochenmärkte, Abhol- und Lieferdienste, Getränkemärkte, Apotheken, Sanitätshäuser, Drogerien, Tankstellen, Banken und Sparkassen, Poststellen, Frisöre, Reinigungen, Waschsalons, der Zeitungsverkauf, Bau-, Gartenbau- und Tierbedarfsmärkte, der Großhandel sowie Hofläden und Raiffeisenmärkte. Diese können jetzt auch an Sonn- und Feiertagen öffnen. swp