Viele Jugendliche traf der Lockdown besonders hart: Keine Schule, keine Freunde treffen und die Eltern waren bei der Arbeit. Langeweile und Frust pur! Doch dagegen, dass die jungen Leute allein daheim vor ihrem PC oder dem Fernseher versauern, hatte Khang Huynh, seit sechs Jahren Schulsozialarbeiter in Engstingen, ein äußerst gelungenes Rezept in petto: eine digitale Musik Challenge, an der schulübergreifend alle Interessierten dabei sein können.

Werbung über Instagram lässt die Fangemeinde wachsen

Die zündende Idee kam dem 30-Jährigen dank eines seit vielen Jahren gepflegten Rituals. Khang Huynh und Janina Preusch komponieren bereits gemeinsam Lieder, seit die Schülerin die sechste Klasse besucht hat. Als er sich durch die Neuigkeiten auf Instagram klickte, entdeckte Khani – wie ihn die Musiker nennen – ein neues Gitarrenstück in Janinas Story und dachte sich: Warum nicht auch andere mit ins Boot holen? Schließlich galt es, gerade in dieser schwierigen Zeit, in engem Kontakt zu bleiben, auch wenn man sich nicht persönlich treffen durfte. Gesagt getan! Die beiden luden auf Instagram öffentlich dazu ein, mitzumachen oder ein paar Zeilen zu schicken, aus denen dann Songs kreiert werden. Das Projekt begeisterte, die kleine Community wuchs beständig. Schnell waren auch Adrian Matuschik, ein Gitarrist – insbesondere im Rockbereich – die Chorsängerin Emily Hoffmann, die ebenfalls Gitarre zockt, und das Nesthäkchen Pia Grimme, die voller Power Texte einsprechen und singen kann.

23 Lieder um dem Unmut über das Coronavirus Luft zu machen

Auch die Resonanz an eingesendeten Texten, aus denen dann in stimmiger Teamarbeit insgesamt 23 originelle Songs entstanden, war enorm. Es wurde gerappt, zart gesungen und sogar eine Metal-Version über das ständige „Haten“ und das darauffolgende regelnde Karma wurde von den jungen Musikern erschaffen. Die Themenvielfalt war breit. Freilich wurde der Unmut über das Corona-Virus und das lästige Tragen der Masken zum Ausdruck gebracht, aber es gab auch jede Menge positive Botschaften, beispielsweise in dem von Elisa Vöhringer  und Ida Schmidt gekonnt eingesprochenen Song „Ich weiß, was ich heute mache“,  der die positiven Seiten des Leben in den Mittelpunkt rückt und daran erinnert, an die Schwächeren zu denken. Selbst ein Stück über die beliebte Engelbert Strauß-Hose und ein Malle-Song gehören zum Repertoire der Künstlergruppe. „Mir war es  wichtig, den Jugendlichen eine Bühne zu geben, um das zu verkünden, was ihnen auf dem Herzen liegt“, erläutert Huynh.

Jugendlichen aus Engstingen, Hohenstein, Reutlingen und Sigmaringen

Manche Sätze waren knifflig in der Umsetzung, schließlich sollten die Melodien ja stimmig sein und die Aussagen optimal zur Geltung bringen. So konnte etwa Tanja Stoof mit ihren eingängigen Klavier-Akkorden manchem Stück den letzten peppigen Schliff verleihen. Ein Highlight waren sicherlich auch die Beats von Melina Steiner. „Melina hat innerhalb von zehn Minuten den perfekten Beat abgeliefert“, erinnert sich Khang Huynh stolz grinsend zurück, der die Texte gezielt an Teams vergeben hat. Die Inhalte kamen jedoch nicht ausschließlich von außen.
Die Gruppe, zu der Jugendliche aus Engstingen, Hohenstein, Reutlingen und Sigmaringen gehören, war selbstverständlich auch selbst aktiv. Lina Adam lieferte immer wieder tiefgründige Zeilen, beispielsweise über Herzschmerz, ab. „Hauptsächlich ging es dabei um eigene Erfahrungen“, berichtet sie.
Einen wichtigen Part hatte zudem Jan Loewe inne. Er ist nämlich nicht nur ein talentierter Fotograf, sondern auch noch topfit in Sachen Filmschnitt. So entstanden zwei spannende Musikvideos. „Das zweite Video wurde über 1000 Mal angeklickt“, freut sich Huynh. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen, die Klang- und Bildqualität ist bestens. „Alles hat perfekt geklappt, man merkt gar nicht, dass alles über Instagram aufgenommen wurde. Es war fast wie in einem Tonstudio“, berichtet Ida Schmidt. Dennoch gab es auch kleine Hindernisse zu überwinden. „Klavier spielt man teilweise zweihändig, da ist das Filmen schwierig“, so Tanja Stoof. Also wurde einfach kurz ihre Mutter eingespannt und die Szene war im Kasten.

45 Teilnehmer zwischen 13 und 19 Jahren

Insgesamt haben sich 45 Personen an dem Projekt beteiligt, die Musiker selbst sind alle zwischen 13 und 19 Jahre alt, Texte wurden von allen Altersklassen eingesendet – von 11 bis 50 Jahren. Dass Instagram die perfekte Plattform für die Aktion war, davon ist Lina Adam überzeugt. „Mein Arbeitgeber, die Mariaberger Tochtergesellschaft Ausbildung und Service, hat uns auf Instagram aufmerksam gemacht. Ich wollte einfach mehr tun, als nur zu posten, dass ich für die Jugendlichen da bin. Ich wollte aktiv den Kontakt bewahren“, erläutert Huynh sein Verständnis von echter Schulsozialarbeit. Und die ist eben aufwändig, an einem Song hat er sogar rund 30 Stunden gesessen. Und das wissen auch die Jugendlichen zu schätzen. „Manchmal ist er bis morgens um halb vier gesessen und ich hab ihn gefühlt mit 20 000 Audios bombardiert“, lobt Emily Hoffmann, die sich während der Corona-Zeit auf das Abi vorbereitet hat und die Abwechslung sehr genossen hat, den Einsatz.

Musik-Challenge derzeit nicht aktiv, aber trotzdem abrufbar

Dass man immer ein Gesprächsthema hatte, auch mit älteren Bekannten, die begeistert von dem Projekt waren, darüber sind sich alle einig. Neue Kontakte wurden geknüpft, die triste Lockdown-Phase gekonnt als Chance genutzt und die mutigen Schüler konnten ihre Talente präsentieren. „Es war beeindruckend, das Können der Jugendlichen zu sehen und zu hören“, resümiert Khang Huynh. Zum krönenden Abschluss gab es vergangene Woche ein gemeinsames Essen. Derzeit liegt die Musik Challenge erst einmal auf Eis, aber wer weiß, vielleicht gibt es ja doch noch eine zweite Runde.
Nach wie vor können alle Kompositionen und Videos unter www.instagram.com/Khani.schulsozialarbeit bewundert und geliked werden.