Seit Tagen war es bereits abzusehen, was seit gestern nun bitter notwendige Realität ist: die meisten öffentlichen Einrichtungen sind bis auf weiteres geschlossen. Manch einer mag sich nun sicherlich darüber ärgern, dass Kinobesuche und der Gang ins Fitnessstudio vorerst tabu sind. Andere nutzen die Corona-Krise, die global für große Einschränkungen und Verunsicherung sorgt, als Chance, das Wir-Gefühl zu stärken und die Menschlichkeit dahin zu rücken, wo sie stehen soll: in den Mittelpunkt jedes Handels.  Zahlreiche Menschen befinden sich derzeit in Quarantäne, andere sind in ihrer Mobilität eingeschränkt, weil sie zum gefährdeten Personenkreis gehören und soziale Kontakte so weit wie möglich einschränken sollen. So wuchs in Handball-Abteilungsleiter des TV Großengstingen Peter Staneker die Idee, das Konzept „Helfen statt trainieren“ ins Leben zu rufen. Schließlich könne man die durch das ausgesetzte Training freigewordenen Kapazitäten sinnvoll einsetzten.

Verantwortung übernehmen

Der grundlegende Gedanke dahinter ist, die Versorgung der Engstinger Bürger sicherzustellen und insbesondere die Risikogruppe zu schützen. „Ich wachte am frühen Morgen auf und dachte, man muss doch was tun. Es gibt da draußen viele Menschen, die Hilfe benötigen“, beschreibt Initiator Peter Staneker.  Schnell informierte er die anderen Ausschussmitglieder und Simone Bortot, Spielleiterin der Frauenmannschaft, und stieß durchweg auf Begeisterung. Schnell war ein wahrer Schneeballeffekt losgetreten, die gesamte Abteilung stand geschlossen hinter dem Vorhaben und verschiedenste Herangehensweisen wurden diskutiert. Auch die nötige Hardware war schnell besorgt: „Wir haben eine SIM-Karte in der Halle, die als Router für das Internet dient. Diese haben wir in ein altes Handy gepackt und so ohne große Mühen eine Telefonnummer für den Bestellservice eingerichtet“.

Ob denn insbesondere für die älteren Bürger eine WhatsApp-Gruppe und ein Kontakt über Facebook oder Instagram sinnvoll sei, wurde gründlich überlegt. Schließlich entschloss man sich dazu, Flyer zu drucken und an alle Haushalte zu verteilen. „Ich stand den ganzen Tag am Vereinskopierer, die anderen haben die Flyer geschnitten und verteilt“, freut sich Staneker über das tolle Teamwork, das alle Mitwirkenden an den Tag gelegt haben. Sogar das jüngste Mitglied der Handballfamilie Kalle Hummel zeigte vollen Einsatz und verteilte die druckfrischen Informationen an die Haushalte. So verstrichen am vergangenen Samstag gerade einmal drei bis vier Stunden von dem ersten Gedankenblitz bis hin zur aktiven Umsetzung. Etwa 1600 bis 1800 Flyer wurden großflächig verteilt. Schnell folgten Anrufe von anderen Vereinen und Privatpersonen, die das Konzept unterstützen wollten und ihre umfangreiche Unterstützung anboten. „Auch die Fußballer und die Volleyballer haben sofort ihre Mitarbeit angeboten“, ergänzt Dennis Bordt, der die Pressearbeit der Initiative übernommen hat.

Die optimale Basis geschaffen

Dank wichtiger Beiträge der vielen Ehrenamtlichen konnte das anfänglich noch rudimentäre Konzept  verfeinert und ausgebaut werden. Themen wie Hygiene und Datenschutz etwa wurden intensiv beleuchtet, schließlich sollen die Nutzer des Dienstes gesund und anonym bleiben und nicht zum Ortsgespräch werden. Auf Basis verschiedener Szenarien wurde ein einfaches Ablaufschema erstellt und als Leitfaden für intern und extern auf der Homepage veröffentlicht.

Um die Beschaffung von Lebensmitteln und anderem im Alltag benötigtem Nachschub auch im Extremfall zu garantieren, führten die rührigen Sportler bereits Gespräche mit den umliegenden Supermärkten. „Diese waren sehr erfolgreich. Wenn unsere Einkäufer die Bestellformulare vorlegen, dürfen diese auch größere Mengen als die derzeitige Regelung „nur haushaltsübliche Mengen“ beziehen“, zeigt sich Dennis Bordt begeistert von der Kooperationsbereitschaft der Zuständigen. Aber auch hier wäre zusätzliche Unterstützung zwingend notwendig, stellte das Sport-Team schnell fest. „Bei den Angestellten in den Märkten ist völlig Land unter“, berichtet Bordt. Allerdings gibt es diesbezüglich noch einige bürokratische Hürden zu überwinden: „Klar haben wir angeboten, ob wir ehrenamtliche Helfer für die Morgenstunden bereitstellen sollen. Diese könnten etwa Waren verräumen“, aus versicherungstechnischen Gründen war dies allerdings nicht möglich, „hätte sich beispielsweise ein nicht angestellter Engagierter ein Bein gebrochen, würde dies zu Problemen führen.“ Dennoch hatte sich die Filialleiterin sehr über das Entgegenkommen gefreut. Vielleicht werden in den kommenden Tagen ja auch noch Barrieren abgebaut, um die angespannte Situation zu entschärfen. Wie das junge und in der Regel auch arbeitende Team einen möglichen Ansturm wuppen wolle, erklärt Dennis Bordt so: „Einige der Handballer sind Studenten, die haben ja nun auch viel Zeit, um anderen Menschen zu helfen.“

Einen echten Kunden von der Engstinger Bevölkerung gab es bisher noch nicht, aber man ist bestens gerüstet – konzeptionell wie personell. „Gleich am Samstag hat eine ältere Dame angerufen, die sich riesig über das Angebot gefreut hat. Bisher braucht sie noch nichts, aber wenn die Vorräte knapp werden, wollen sie und ihr Mann unseren Dienst sehr gerne in Anspruch nehmen. Wahrscheinlich wird sich die erste Bestellung um Waschmittel handeln“, freut sich Peter Staneker. Und am Montag folgte dann eine kleine Order aus den internen Kreisen. „Dabei handelt es sich um einen Kollegen von uns, der in Quarantäne das Haus hüten muss. Es war nichts Großes, aber dennoch ein guter Testlauf für uns“, erzählt Bordt.

Best-Practise zum Nachmachen

Eigentlich sei die Initiative in Engstingen gar nicht zwingend notwendig, schließlich helfe man sich in ländlichen Gebieten erfahrungsgemäß ohnehin gegenseitig. Aber sicher ist eben sicher. „Vielleicht nutzen letztendlich nur zwei Haushalte unseren Dienst, dann hat es sich schon gelohnt“, sind sich Staneker und Bordt einig. Vor allem nämlich gilt es, Zeichen zu setzten.  Wunsch und Hoffnung der fleißigen Helfer ist es, dass sich die Aktion herumspricht und auch größere Städte, in denen es oftmals anonymer zugeht, nachziehen. „Wir sind inzwischen gut aufgestellt und haben ein detailliertes Dokument für den Ablauf und die Verhaltensregeln aller Beteiligten erstellt. Dies und ein mustergültiges Bestellformular kann auf unserer Homepage heruntergeladen werden. Gerne stehen wir auch anderen Vereinen und Kommunen beratend zur Verfügung, falls diese ein ähnliches Angebot etablieren möchten“, so die beiden Verantwortlichen.

Nachahmen ausdrücklich erwünscht „Helfen statt trainieren“


Mit der Initiative „Helfen statt trainieren“ wollen die Handballer des TVG Groß-
engstingen die Einkäufe und Botengänge für Menschen, die sich in Quarantäne befinden, oder zur Risikogruppe zählen, übernehmen.

Unter Einkauf@tvgrossengstingen.de oder per Telefon (01 51) 287 74 187 können alle Einwohner der Gemeinde Engstingen, die durch die Corona-Krise in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, ihre Einkaufswünsche durchgeben.

Ein Koordinator, der als Schnittstelle zum Kunden fungiert, nimmt Bestellung und Kontaktdaten des Kunden auf und gibt diese an einen ausgewählten Einkäufer weiter. Dieser legt die Kosten für den Einkauf aus und macht den Betrag anhand der Quittung beim Kunden geltend.

Im Falle einer Lieferung an einen Corona-Infizierten wird der zu zahlende Betrag dem Kunden vor der Übergabe der Ware mitgeteilt. Dieser muss dem Lieferanten, der hierfür mit Einweghandschuhen ausgestattet ist, in einem Umschlag übergeben werden. Verstaut in einem mitgebrachtene ZIP-Beutel landet der Beutel anschließend auf dem Tisch der Vereinsleitung, wo der Einkäufer seine Auslagen zurückerhält.

Die Einkäufer dürfen die Wohnung der Kunden nicht betreten und keine Spenden, die fünf Euro überschreiten, entgegennehmen. Fahrtkosten werden durch Spenden finanziert.