Bis zur Industrialisierung galt die Schwäbische Alb in Württemberg als rückständiges, unwirtliches und klimatisch benachteiligtes Gebiet und das, obwohl schwäbische Dichter und Hobbyforscher wie der Pfarrer Eduard Mörike bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts die wilde Romantik der Mittelgebirgslandschaft erkannten. Noch lange wurde die „Rauhe Alb“ sogar in Schulbüchern als steiniges, wasserarmes Land mit kümmerlichen Wiesen und armseligen Dörfern dargestellt. Erst mit der fortschreitenden Konzentration der Menschen in den Städten entstand das Bedürfnis nach einem Ausgleich in der Natur. So entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts die Wanderbewegung, Naturfreunde- und Verschönerungsvereine wurden gegründet, die es sich zur Aufgabe machten, das Naturerlebnis durch den Bau von Wanderwegen, Aussichtstürmen und Ruhebänken zu erleichtern.

Schwäbischer Albverein wird ins Leben gerufen

Im Jahr 1888 wurde aus einer Delegiertenversammlung regionaler Verschönerungsvereine heraus der Schwäbische Albverein gegründet, der bereits nach zehn Jahren 22 000 Mitglieder zählte. Von Anfang an machten es sich die Mitglieder zur Aufgabe, ein Wanderwegenetz über die gesamte Schwäbische Alb zu legen, das heute neben beschilderten Wegen auch zahlreiche Wanderheime und Aussichtstürme beinhaltet. Wichtiger Bestandteil der Vereinsarbeit sind die Wanderkarten, die gemeinsam mit dem Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung herausgegeben werden. Auch wenn der Albverein heute aufgrund verpasster Neuausrichtungen wie beispielsweise zum Thema „Klettern“ oder „Mountainbiken“, mit Nachwuchssorgen zu kämpfen hat und nicht mehr alle Wege gewartet werden können, ist er mit seinen über 100 000 Mitgliedern noch immer der maßgebliche Verband für den Wandertourismus in diesem Mittelgebirge.

„Ski Heil“ auf der Alb heißt es ab 1910

Ein weiterer Impuls für den Tagestourismus war das Aufkommen des Skifahrens ab etwa 1910. Da die Bevölkerung noch nicht in dem Maße motorisiert war, wie heute, war man auf Sonderzüge auf die Alb angewiesen, die vor allem aus dem Großraum Stuttgart und aus Ulm starteten. Im Lauf der Jahre etablierte sich auf der Alb auch das Skispringen, was viel Publikum anzog. Beispielsweise kamen bis ins Jahr 1969 zu den Skispringwettbewerben in der Urach bis zu 10 000 Zuschauer. Heute zeugen nur noch wenige Überbleibsel im Wald von dieser Zeit. Im Gegensatz dazu gibt es auf der ganzen Alb noch immer viele Skilifte, die den durch den Klimawandel milderen Wintern zu trotzen versuchen.

Nachdem mit der Bahnstrecke Stuttgart-Ulm im Jahr 1850 die wichtigste Hauptstrecke über die Alb gebaut worden war, schlossen sich bis zum beginnenden 20. Jahrhundert die Neben- und Nahverkehrsstrecken in den Albtälern an, die es ermöglichten, die Alb zu bereisen. Der Bau war oft eine technische Meisterleistung, beispielsweise bei der legendären Strecke von Reutlingen über Honau und Münsingen nach Schelklingen und Ulm, wo der steile Albtrauf mithilfe einer Zahnradbahn überwunden wurde.

Schienen und Straßen kurbeln Tourismus an

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die touristische Erschließung mit der „Schwäbischen Alb Straße“ vorangetrieben. Der im Zuge 50er Jahre zunehmende Wohlstand ermöglichte es einer größer werdenden Bevölkerungsgruppe, sich zu motorisieren und zu sonntäglichen Familienausflügen auf die Alb zu kommen. Die geschrumpfte zeitliche Distanz zu den großen Städten im Albvorland entpuppte sich in den Folgejahren als Fluch und Segen für den Albtourismus: Einerseits strömten das ganze Jahr über Städter auf die Alb, andererseits war es für diese kein Problem, am Abend wieder nach Hause zu fahren. Anders als beispielsweise im Schwarzwald kurbelten so kaum Übernachtungsgäste die Wirtschaft an.

Nachhaltigkeit oder Tourismusförderung?

In den letzten Jahren hat sich der Albtourismus stark gewandelt. Im Zuge eines Wanderboomes kommen selbstverständlich auch immer mehr Menschen auf die Schwäbische Alb. Abgesehen davon gibt es einen Aufwärtstrend bei allen Outdoor-Sportarten, was sich auch auf der Alb bei den Touristenzahlen deutlich bemerkbar macht. Aber nicht nur Tagestourismus ist im Steigen begriffen, auch die Übernachtungszahlen vervielfachten sich allein in den letzten zehn Jahren. Ein Grund dafür sind, neben einer professionalisierten Vermarktung der Region, die im neuen Jahrtausend entstandenen Großgebiete, der UNESCO-Geopark und das UNESCO-Biosphärenreservat auf der Mittleren Alb.

Bei beiden spielen Aspekte des nachhaltigen Reisens und der Konsum regionaler Produkte eine wichtige Rolle, wodurch auf umweltfreundliche Weise die regionale Wertschöpfung gesteigert werden soll. Bei manchen Entwicklungen ist jedoch die Frage berechtigt, ob hier noch Nachhaltigkeit der Maßstab ist oder die reine Steigerung der Übernachtungszahlen im Mittelpunkt steht.

Das könnte dich auch interessieren:

Dettingen

Die Alb: Region für Kenner und Fans (10)


Wenn man in den Urlaub fährt, macht man sich Gedanken über  Land und Leute,  die Geschichte, die Landschaft und ihre Entstehung, natürlich auch über das Klima und das Wetter. Aber wie ist das zu Hause? Einmal im Monat schreibt Michael Hägele, Geografielehrer in Münsingen,  was die Alb zu einer herausragenden  Region macht – landeskundlich und geografisch.