Die Alb ist eine aufstrebende Tourismusregion, Münsingen mittendrin. Sich immer wieder neue Zielgruppen zu erschließen ist Programm: zum Beispiel Menschen mit Einschränkungen. Wie kann man für sie die Landschaft erlebbar machen, was muss man ändern, was neu einrichten? Wo lassen sich entsprechende Angebote schaffen?

Bürgermeister Mike Münzing, Vorsitzender des lokalen Arbeitskreises Inklusion, brachte in der jüngsten Sitzung auch Grafeneck zur Sprache. Das Schloss ist praktisch ungenutzt, könnte dort für den ganzen Hügel im Tourismus nicht eine Perspektive liegen, fragte er. Und das gelte auch für andere diakonische Einrichtungen. Zum einen wisse man da, was gebraucht werde, zum anderen ließen sich darüber auch Arbeitsplätze für Menschen mit Handicap schaffen.

Viele Hindernisse

Mit Kerstin Abele aus Aalen war in der jüngsten Sitzung gewissermaßen eine Fachfrau zu Gast. Die Rollstuhlfahrerin hat zusammen mit der örtlichen Agenda-Gruppe einen Stadtführer „Aalen für alle“ entwickelt, ist außerdem viel im In- und Ausland mit ihrem Handbike unterwegs. Sie weiß, was Menschen mit Behinderung brauchen, was die Gesetze vorschreiben – und hat natürlich viele Erfahrungen gemacht.

Wenige davon, so der Tenor ihres Vortrags, waren uneingeschränkt positiv. „Tourismus hat keinen Wert, wenn es keine adäquaten Übernachtungsmöglichkeiten gibt“, erklärte sie, die zu 80 Prozent alleine unterwegs ist. Um schon alleine ins Restaurant oder Hotelzimmer oder eine Touristinfo zu kommen, gelte es meist einige Hindernisse zu überwinden: viel zu steile Rampen, Treppenstufen, schwere Türen. „Und das verdirbt einem dann die Freude am Urlaub“, erklärte sie.

Elektrische Türen bei Touristinfo

Ein Beispiel dafür, das Münsingen barrierefrei weiterdenkt, sind die neuen elektrischen Schiebetüren bei der Touristinfo. Die haben 9800 Euro gekostet. Nicht eben günstig. Aber, so die Integrationsbeauftragte der Stadt, Rebecca Hummel, wenn man bei neuen Projekten entsprechende Einrichtungen gleich mitplane, sei das nie so teuer, als wenn man nachrüsten müsse.

Behindertentoiletten, in denen die Haltegriffe falsch angebracht, Duschen bei den die Armaturen außerhalb der Reichweite, Parkplätze die schlecht markiert sind: Mit Fotos zeigte Kerstin Abele anschaulich auf, dass es noch viel zu verbessern gibt. Dabei gab sie immer wieder zu bedenken, dass viele Hilfen für Menschen mit Handicap auch Senioren, Menschen mit Rollatoren oder mit Kinderwägen das Leben erleichtern können.

Tipps geben konnte sie auch Vertretern der Arbeitsgemeinschaft „Barrierefreie Wanderwege“, zu dem sich zehn Gymnasiasten unter Leitung von Geographielehrer Michael Hägele sowie Albverein und Stadt zusammen getan haben. Wanderwege, befahrbar mit dem Rollstuhl, wollen sie ausarbeiten. Bei der Frage, ob denn Gras- und Schotterwege geeignet seien, ging bei Abele der Daumen nach unten. Ohne Begleitung erklärte sie, sei das praktisch nicht möglich.

Die Gruppe hat inzwischen bei ihren Exkursionen die Erfahrung gemacht, dass es auf der Kuppenalb keinen Weg gibt, der uneingeschränkt tauglich ist. Entweder ist eine zu steile Steigung drin oder eben ein ungeeigneter Belag. Einen knapp fünf Kilometer langen Beutenlay-Rundweg haben die Schüler inzwischen konkret unter die Lupe genommen, arbeiten an einer genauen Beschreibung. Dazu gab es von Kerstin Abele eine Anregung: Die Strecke sei zu lang, zwei Kilometer „reichen vollkommen aus“.

Kurze Strecken

Aus der Mitte des Gremiums kamen dann Ideen für Routen. Zum Beispiel von der Zehntscheuer hinaus nach Auingen, Wege im Lautertal und im ehemaligen Truppenübungsplatz, einen Rundkurs im Wiestal, denkbar auch als Themenweg. Auf weitere Vorschläge freut sich die Gruppe (siehe Infokasten). Sie möchte im Frühsommer ein bis zwei Wege mit Beschreibung präsentieren.

Außerdem berichtete Annika Randecker von der evangelischen Kirchengemeinde Münsingen, über das Projekt „Vielfalt entdecken“, das die Sozialpädagogin betreut. Zusammen mit Samariterstiftung und Münsinger Alb Stiftung Zeit für Menschen hat das die Kirchengemeinde ins Leben gerufen. Ziel: Menschen mit Behinderung ins Kirchenleben zu integrieren, sie mit ehrenamtlichen Aufgaben zu betrauen.

Ins Ehrenamt integrieren

Und es gibt Erfolge zu vermelden. So hat die Messnerin inzwischen Hilfe beim Putzen der Kirche sowie beim Gestalten des Altarschmucks,  und der Hausmeister im Gemeindehaus muss die Tische für Veranstaltungen nicht mehr alleine schleppen. Beim Austragen des Gemeindebriefs wird es in absehbarer Zeit möglich, dass ein Mann mit Hanicap diese Aufgabe ganz selbstständig übernimmt. Auch in verschiedenen Gottesdiensten sind behinderte Menschen dabei, haben einen aktiven Part.

Für die Inklusion engagiert sich der ganze Kreis Reutlingen, verschiedene Gruppen kümmern sich um Verbesserungen im Alltag für Menschen mit Einschränkungen. Diese Inklusionskonferenz gibt es seit fünf Jahren. Jetzt hat der Kreistag das Projekt für weitere fünf Jahre verlängert.

Barrierefreie Rundwege: Vorschläge gesucht


Ansprechpartnerin in Sachen Inklusion ist bei der Stadtverwaltung Münsingen Rebecca Hummel, Telefon (0 73 81) 182-168, E-Mail: rebecca.hummel@muensingen.de.

Wer Ideen hat für barrierefreie Strecken in und um Münsingen, am besten Rundkurse, kann die Vorschläge bei ihr einreichen. Sie wird sie dann an die Gruppe im Münsinger Gymnasium, die im Moment dabei ist entsprechende Wege zu untersuchen, weiterleiten. Die Arbeitsgemeinschaft unter Leitung von Michael Hägele freut sich über Anregungen.

7,8


Millionen Bürger haben zurzeit in der Bundesrepublik einen Schwerbehindertenausweis. Jedes Jahr gibt es in Deutschland zwischen 1200 und 1600 neue Querschnittsgelähmte.