In Emsdetten war der 32-Jährige als Erster ins Ziel gekommen. Nach einem sportlichen Wettbewerb, für den die meisten Menschen wohl mehrere Tage brauchen würden: 7,6 Kilometer schwamm Widmer in 2:13.15 Stunden, anschließend ging es auf das Rad: 360 Kilometer absolvierte der Weltmeister in 12:18.23 Stunden. Damit nicht genug: 84,4 Kilometer war die abschließende Laufstrecke, die Widmer in 8:07.03 Stunden abspulte. Acht Runden zu je 1,4 Kilometern musste der Ausdauersportler dabei aufholen, um mit Mark Hohe-Dorst ins Ziel einzulaufen. Nach insgesamt 22 Stunden, 33 Minuten und 30 Sekunden.

Fünf Tage später sieht man dem 32-Jährigen die Strapazen nicht mehr an. Bei der Jugendfreizeit des DLRG Zwiefalten, indem sich Widmer seit seiner Jugend engagiert, bückt und hockt sich der Erziehungswissenschaftsstudent stets problemlos zu den Kindern hinunter, auf Augenhöhe. Zuvor hatte er noch am selben Tag an der Universität Tübingen eine seiner letzten Prüfungen absolviert. Wie klappt das, die Vorbereitung auf die Studienprüfungen und auf derart herausfordernde sportliche Wettbewerbe? „Ich verwende viele Hörbücher und zeichne Vorlesungen auf“, sagt Widmer. „Beim Radfahren oder Laufen wird dann angehört – so lässt sich die Zeit doppelt nutzen.“

Kaum erwähnenswert, dass er die Strecke von der Unistadt bis in die Münstergemeinde ebenfalls per Fahrrad zurückgelegt hat. „Am Montag hatte ich ein bisschen Muskelkater, am Dienstag war er dann wieder weg“, lautet die Antwort auf die Frage nach seinem Befinden. Und dann erzählt Widmer, fast beiläufig, dass er schon direkt nach dem Ultra-Triathlon auf dem Rad unterwegs war – rund 80 Kilometer bis zum Bahnhof nach Hamm.

Einen Rummel machen will er um seine sportlichen Leistungen aber nicht. Auch seine zwei Weltmeistertitel hat Widmer nicht genutzt, um Sponsoren an Land zu ziehen. Stattdessen nennt er sich einen „Wohlfühlsportler“ und genießt schlicht den Umstand, jederzeit aus eigener Kraft von A nach B zu kommen – wie weit entfernt die Punkte von einander sind, spielt da tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle.

„Es ist schön, unabhängig zu sein und aus eigener Kraft voran zu kommen“, sagt der drahtige Zwiefalter. „Ich mache gern vieles selbstständig“. Nicht nur in Sachen Sport: Widmer kocht, kann selber nähen und auch die Möbel in seiner Wohnung in Lörrach sind Marke Eigenbau. Ein Handy dagegen besitzt er nicht. „Als plötzlich alle das haben wollten, hat mich das eher distanziert“, erklärt Widmer.

Der Wille zur Selbstständigkeit ist eine Motivation. Doch zum Ausdauersport kam Widmer eigentlich eher nebenbei. In Biberach ging der heutige Student ins Gymnasium – und legte die Strecke immer wieder mit dem Fahrrad zurück. „In den Ferien bin ich dann als Beschäftigung viel Rad gefahren“, erzählt Widmer. Und dabei ist er gut herum gekommen: Eine Tour führte nach Südspanien, einmal ging es an der Donau entlang bis nach Istanbul.

Über die deutschen Hochschulmeisterschaften kam Widmer zum Triathlon-Sport. 2006 folgte in Zürich sein erster Ironman. „Solche Massenveranstaltungen liegen mir aber nicht“, blickt der Zwiefalter zurück. „Mich reizen die richtig langen Distanzen“. Da seien die Wettbewerbe seltener, die Atmosphäre dagegen familiärer. „Menschen, die die Ultra-Distanzen angehen, sind weniger wettkämpferisch eingestellt“, ist sein Eindruck. Stattdessen helfe man sich gegenseitig, achte aufeinander und feuere sich noch gegenseitig an. Freundschaften sind dadurch schon entstanden. „Das ist alles nicht so kommerzialisiert wie der Ironman“, sagt der angehende Pädagoge. Das zeigt sich schon bei der Ausrüstung, meint Widmer.

„Man sieht bei unseren Wettbewerben kaum mal jemanden, der die neueste Sportkleidung oder das modernste Fahrrad hat, da sieht man auch mal ein Supermarktrad“. Auch Widmer ist da keine Ausnahme. „Mein Fahrrad habe ich vor acht Jahren bei ebay gebraucht gekauft – mit einer Acht-Gang-Schaltung“. Seinem Erfolg tut das keinen Abbruch. Dabei betont Widmer stets, nicht ehrgeizig dem Sieg entgegenzustreben. Das zeigte sich auch in Emsdetten, als der Student zeitgleich mit Mark Hohe-Dorst ins Ziel lief. Ohne einen finalen Endspurt – darauf hatten sich beide vorher geeinigt. Widmer liegt stattdessen seine Gesundheit am Herzen. „Wer so viel Sport macht, lernt, auf seinen Körper zu hören“, sagt der Zwiefalter.

Ein anderer Punkt ist die richtige Mentalität, die gesunde Einstellung, auch in schwierigen Situationen das Positive für sich zu sehen. Etwa bei den Triathlon-Wettbewerben, wenn es nicht einem Ziel entgegen geht, sondern stets im Kreis gelaufen und gefahren wird. Was andere als eintönig wahrnehmen, bietet für Widmer einen entscheidenden Vorteil: „Man lernt die Strecke genau kennen, weiß wo jeder Gullideckel ist und kann dann richtig Vollgas geben.“

Durchstarten will der Sozialpädagoge nun nach dem Ende seines Studiums auch beruflich. Ihn zieht es in die Jugendarbeit. Zuvor will Widmer weiter sportlich Gas geben: Nach Marseille und über die Alpenpässe soll es gehen, außerdem mit der Freundin auf eine Nordseeinsel. Zuvor steht auch der Triple-Ultra-Triathlon in Lensahn am 24. Juli an. Die Weltmeisterschaft in Ungarn lässt Widmer aber saußen. Mit einer für ihn eher ungewöhnlichen Begründung: „Das ist mir zu weit“. Andererseits passt sie zu dem ungewöhnlichen Sportler – der sich von seinem Gefühl leiten lässt.