Seine Geschichte zeigt wie bedeutend und wie belanglos das Bergsteigen ist. Der Lohn aller Strapazen ist es, auf dem Gipfel zu stehen. Und wer ganz hoch hinaus will, dorthin, wo keine Steigerung mehr möglich ist, der fixiert den Mount Everest. Mit seinen 8848 Metern ist er in der Gruppe der 14 Achttausender die unbestrittene Nummer eins, obwohl neun andere Massive als gefährlicher eingestuft sind.

Am Donnerstagabend erzählte Dr. Matthias Baumann bei einem Vortrag in der Münsinger Kreissparkasse (Mitveranstalter war der Deutsche Alpenverein, Sektion Reutlingen), was ihn auf die Spitze treibt, was ihn an der Bergwelt fasziniert. Erste Klettererfahrungen im Donautal spornten ihn an, in China bezwang er den Muztagh Ata (7546 Meter) und den Cho Oyu (8201 Meter). "Man muss kein fantastischer Held sein, um bestimmte Dinge zu erreichen - um erfolgreich zu sein. Man kann ein normaler Kerl sein, der ausreichend motiviert ist, um Herausforderungen zu meistern." Mit diesen Worten zitiert er Edmund Hillary und kommt damit direkt zu seiner Expedition im Jahr 2011, die in Lhasa beginnt und zur Nordseite des Everest führt, einer Route, die über drei Hochlager führt.

Das Wetter macht mit. Seine Bilder zeigen die verschneiten mächtigen Flanken unter tiefblauem Himmel, kurze Filmausschnitte geben die enorme Anstrengung wieder, wie wichtig Trittsicherheit und ein langer Atem ist. Die Luft wird immer dünner, der Blick über die Wolkendecke im Lager 3 auf 8300 Metern scheint unendlich zu sein. Um 21 Uhr soll es losgehen zum Gipfel, doch der Sherpa von Baumann verspätet sich und so müssen sie sich als letzte kleine Gruppe hinter zirka 40 Bergsteigern einreihen. Sie überwinden die schwierigen Felsaufschwünge und schaffen es bis zum "Second Step" auf 8600 Meter. Der Gipfel ist zum Greifen nah. Baumann will seine Sauerstoffflasche austauschen, aber die Flasche ist leer. Sein Sherpa hat aus Versehen in der Hektik des Aufbruches aus Lager 3 die Flaschen vertauscht. Während die anderen den Gipfel erreichen, steigt er notgedrungen ab. Die Enttäuschung ist groß. Trotzdem sieht er es positiv: "Es war schön, am Everest unterwegs zu sein."

Seine zweite Chance erhält er im Frühjahr 2014. Eine amerikanisch-argentinische Expedition mit nur vier Bergsteigern sucht einen begleitenden Arzt. "Diesmal kommst du da rauf", sagt er sich voller Erwartung. Tatsächlich läuft alles nach Plan. Das Team wächst zusammen, besonders die Sherpas Dawa und Phurba strahlen in die Kamera und sind nicht nur für Baumann "die wahren Helden" und nicht "die Wasserträger der Sieger", wie es oft heißt. Die Lamas geben in einer Puja, einer religiösen Zeremonie, ihren Segen. Im Basislager, einem Zeltdorf, in dem sich die ganze Welt auf einer Höhe von 5350 Metern trifft, herrscht ausgesprochen gute Stimmung. Sie klettern durch den Khumbu-Eisbruch, auf einer Route, die jedes Jahr von einer Gruppe Sherpas den sogenannten "Eis-Doktoren" vorbereitet wird. Er warnt davor, diesen Streckenabschnitt zu unterschätzen, ein falscher Schritt und nichts geht mehr. Zurück im Basislager soll der Körper wieder zur Ruhe kommen und sich an die Höhenverhältnisse gewöhnen. Für den nächsten Morgen ist ein zweiter Anstieg geplant . . .

Morgens um sechs Uhr hört Matthias Baumann ein Donnern. Danach ist es totenstill. Über dem Gletscher hat sich ein riesiger Eisblock gelöst, sechzehn Sherpas liegen unter der Lawine begraben. Die Verletzten werden geborgen, von Baumann und anderen Ärzten aus der ganzen Welt behandelt ("Wir Ärzte haben wie Roboter funktioniert") und möglichst schnell ausgeflogen. Noch kann niemand diese Tragödie auch nur im Ansatz begreifen. Baumann zieht sich zurück, besteigt einen Sechstausender und begreift, dass er dieses traurige Kapitel nicht einfach abschließen kann. Er besucht die Familien der Toten. Das jüngste Kind ist erst wenige Wochen alt, sein Vater hat es nur einmal gesehen. Ein Mädchen läuft ihm acht Stunden entgegen, gemeinsam gehen sie zurück zu ihrer Mutter, den Geschwistern, die in einem winzigen Dorf an der tibetischen Grenze leben. Priester sind da, um für den Verstorbenen zu beten. Auch in Kathmandu nimmt er später an Zeremonien für die Toten teil, versucht zu trösten, die richtigen Worte zu finden. Diesen folgen Taten. Matthias Baumann hat die Everest Sherpa Foundation gegründet. Langfristig übernimmt er die Patenschaft für 40 Kinder und Jugendliche. Bleibt noch eine Frage: Wird er es noch einmal versuchen? Kein Zweifel "Der Traum bleibt bestehen."

Info Weitere Infos bei Dr. Matthias Baumann, www.faszination-everest.de, E-Mail baumann.matthias@gmx.net, Spendenkonto: Himalayan Project, Kreissparkasse Biberach, IBAN DE45 6545 0070 0007 0581 89, BIC SBCRDE66, Kennwort: "Sherpa Lawinenopfer".