Gomadingen Auch soziale Aspekte spielen Rolle

Auf der Eichhalde bei Buttenhausen wurde gestern das Projekt „Albgemacht“ vorgestellt. Unser Foto zeigt von links Johanna und Thomas von Mackensen, Rainer Striebel, Julian Schmid, Andre Baumann und Klaus Tappeser.
Auf der Eichhalde bei Buttenhausen wurde gestern das Projekt „Albgemacht“ vorgestellt. Unser Foto zeigt von links Johanna und Thomas von Mackensen, Rainer Striebel, Julian Schmid, Andre Baumann und Klaus Tappeser. © Foto: Reiner Frenz
Münsingen / Reiner Frenz 22.06.2018

Zehn Jahre ist es her, dass das erste Biosphärengebiet Baden-Württembergs eingerichtet wurde, auf der Mittleren Schwäbischen Alb rund um Münsingen herum. Ein Jahr später erfolgte die Anerkennung des rund 85 000 Hektar großen Gebiets durch die UNESCO. Aktuell sind die Arbeiten zur ersten, alle zehn Jahre anstehenden Evaluierung des Gebiets im Gange. Dies war gestern Anlass einer Exkursion an zwei Standorte in Gomadingen und Buttenhausen, an der Staatssekretär Dr. Andre Baumann und Regierungspräsident Klaus Tappeser teilnahmen.

Station 1 war der Wanderparkplatz Braikestal am Sternberg, von wo aus es zu Fuß ein ganzes Stück weit hinauf in die hier typische Wacholderheide ging. Klaus Tappeser  erklärte in seiner Begrüßung, dass das Biosphärengebiet Schwäbische Alb ein Vorzeigegebiet ist, in dem es sehr gut gelungen sei, Ökologie und Ökonomie zu vereinen. Die Devise laute „Schützen durch Nützen“. Nur was in Gebrauch sei, werde auch so behandelt, dass es auf lange Sicht brauchbar sei, meinte der Regierungspräsident. Im Biosphärengebiet würden Menschen im Einklang mit der Natur leben und arbeiten.

Andre Baumann nannte die Wacholderheide, auf der man stehe, ein enorm wertvolles Kulturerbe, das es hier schon seit zum Teil 4000 Jahren ununterbrochen gebe. Die Alb sei die Region, auf der diese Heide weltweit die größte Verbreitung habe. Das Biosphärengebiet bezeichnete er als Modellregion, wie Baden-Württemberg, wie Europa einmal aussehen könne in sozialer, ökologischer und ökonomischer Hinsicht. Baumann: „Hier ist man der Zeit schon mehrere Jahre voraus“.

Einer der Hauptsponsoren des Biosphärengebiets ist die Allianz Umweltstiftung. Eine Million Euro fließen in zehn Jahren in die vielen Projekte. Deren Vorsitzender Dr. Lutz Spandau war eigens aus Berlin angereist, um sich ein Bild von den Arbeiten zur anstehenden Evaluierung des Gebiets zu machen. Ihm ist es ein Anliegen, dass auch soziale Projekte in das Ganze einfließen: Wir versuchen Menschen hinzuzuziehen, die per se nicht unbedingt Zugang zur Ökologie haben“. Die Hauptaufgaben im Biosphärengebiet würden in den Pflegezonen liegen, wo man schauen müsse, welche Flächen man erhalten und welche man aufgeben müsse.

Achim Nagel, Geschäftsführer des Biosphärenzentrums in Auingen, nannte das Programm „Der Weg ist das Ziel“, das als erstes vorgestellt wurde, „modellhaft“. Es zeige auf, wie Ökologie mit Sozialem verknüpft werden könne, aber auch, wie schwierig es ist, dies unter einen Hut zu bringen.

Johanna Kulessa von der Biosphären-Geschäftsstelle informierte über das Projekt „Der Weg ist das Ziel“, an dem drei Sozialträger beteiligt seien, die KfB, die BruderhausDiakonie sowie das Samariterstift.

Ganz konkret würden dabei die Menschen in sozialen Einrichtungen im Vordergrund stehen, „die unser Biosphärengebiet kennenlernen sollen“, aber nicht durch Vorträge, sondern sinnlich, durch riechen, fühlen oder schmecken. Die am Sternberg charakteristische Wacholderheide solle auf verschiedene Weise näher gebracht werden. So wolle man mit den Samariterstift-Bewohnern und einem Fotografen auf die Pirsch gehen, sich Pflanzen und Tiere anschauen. Die dabei entstehenden Fotos sollen in einer Ausstellung im Biosphärenzentrum gezeigt werden. Oder aber ein Koch nimmt die Menschen mit Behinderung an die Hand, läuft mit ihnen auf den Sternberg, schaut, was alles am Wegrand wächst und sammelt dies mit ihnen, um danach gemeinsam zu kochen. Außerdem sei es ja sehr wichtig, dass die Heide offen bleibe, so Kulessa. Hierzu könne ein Beitrag geleistet werden, indem die Betreffenden unter Anleitung junge Kiefern und Fichten ausreißen. Aber auch Wacholderbüsche sollten nicht zu hoch wachsen, müssten gestutzt werden. Aus dem dabei geernteten Holz werden in der Werkstatt auf der Schanz Späne hergestellt, die zum Beispiel über Manufactum vertrieben würden, war von Samariterstift-Leiter Markus Mörike zu erfahren.

Im Biosphärengebiet entstehen Prädikatswanderwege, führte Achim Nagel aus, während man noch ein Stück die „Hochgehberge“ hinauf spazierte. Das sei nicht unumstritten, werde man doch Menschen anlocken. Aber alle Wege seien intensiv mit dem Naturschutz geplant worden und man werde die Besucher lenken. Sie können zu wichtigen ökonomischen Faktoren werden, weil die Wanderer ja auch einkehren oder zum Bäcker gehen.

Über den Biotopverbund von Kalkmagerrasen im Biosphärengebiet sprach Dr. Rüdiger Jooß von der Biosphärengebiet-Geschäftsstelle. Anhand von Luftbildern und Karten konnte er aufzeigen, wie groß die Abnahme der Wacholderheideflächen in der Region ist. Bebauung und Wald hätten hingegen in den vergangenen 80 Jahren stark zugenommen. Damit sich Arten ausbreiten können, sei Biotopverbundpflege nötig. Jooß nannte die Biotopverbünde die Antwort des Naturschutzes auf den Klimawandel. Arten müsse es ermöglicht werden, dort hinzukommen, wo sie künftig leben könnten.

Konkret bedeute dies in Gomadingen, dass Fichten und Kiefern aus der Wacholderheide verschwinden müssen, dass man in Abstimmung mit der Forstverwaltung schauen müsse, wo dies auch an Waldrändern möglich sei. Das diene auch der Schäferei, weil große Gehölzgruppen die Schafe ablenken würden, wusste Jooß. Schäfer müssten verstärkt unterstützt werden, nicht nur finanziell, sondern beispielsweise auch durch den Bau von Schafställen etwa durch Kommunen. Andre Baumann ergänzte: „Es ist fast eine patriotische Aufgabe Lammfleisch von der Alb zu essen“.

Zweiter Halt der Exkursion war die Eichhalde bei Buttenhausen, wo das Schäferehepaar von Mackensen auf die Gäste wartete. Sie sind Mitglied des Vereins „Albgemacht“. Rainer Striebel von der Geschäftsstelle Biosphärengebiet ging auf den Werdegang dieser Regionalmarke ein, die im Herbst an den Start gehen soll. Vor vier Jahren habe man begonnen, sich Gedanken über eine solche Marke zu machen. Im weiteren Prozess wurden Kriterien entwickelt wie Gentechnikfreiheit, Tierwohl, Artenvielfalt oder Transparenz. „Nur die Verortung des Betriebs im Biosphärengebiet war zu wenig“, sagte Striebel. Gerade das Thema Artenvielfalt sei sehr wichtig. Wer bei Albgemacht mitmache, müsse zum Beispiel 15 Prozent seiner Wiesen extensiv bewirtschaften oder fünf Prozent der Ackerfläche.

Aktuell sind sechs Erzeuger und zwei Vermarkter am Start, die Mühle Lichtenstein, Schäferei von Mackensen, die Hofmolkerei Schmid in Bremelau – Julian Schmid ist Vereinsvorsitzender – die Weingenossenschaften in Metzingen und Hohenneuffen, Rewe Südwest und ein Rewe-Kaufmann in Ehingen sowie die Metzgerei Zeeb in Reutlingen.

Johanna von Mackensen meinte, dass sie im Punkt Artenvielfalt mit der Schäferei keine Probleme habe. Sie und ihr Mann haben eine Herde mit 600 Muttertieren, die zwischen Gomadingen und Buttenhausen auf 160 Hektar weiden, zudem ein Ziegenprojekt. „Wir betreiben seit 22 Jahren Landschaftspflege in Reinform bei einem Durchschnittsverdienst von 6,20 Euro in der Stunde.“

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