Münsingen Ära Leichtle ist zu Ende gegangen

Münsingen / REINER FRENZ 10.05.2013
Am Schluss gab es sogar stehende Ovationen: Im Rahmen der Vertreterversammlung der Volksbank Münsingen wurde deren langjähriger Vorstandssprecher Werner Leichtle in den Ruhestand verabschiedet.

So voll war die Münsinger Alenberghalle bei einer Volksbank-Vertreterversammlung wohl noch nie, und wohl noch nie dauerte der offizielle Teil dieser Veranstaltung bis 23 Uhr. Beides hatte seinen Grund, einen Grund, und der hieß Werner Leichtle. Bis Ende 2011 war er Vorstandssprecher der Bank, danach noch ein weiteres Jahr die Geschäftsleitung unterstützend tätig. Seine Verabschiedung hatte viel Prominenz in die Halle gebracht, darunter Münsingens Altbürgermeister Rolf Keller, der eigens aus Ungarn angereist war, Hayingens Bürgermeister Robert Riehle, Dekan Michael Scheiberg, um nur einige zu nennen.

"Was für eine Erfolgsleiter", zollte Aufsichtsratsvorsitzender Dieter Weible dem scheidenden "Bänker" Respekt. Vom Banklehrling im Jahr 1961 habe es Leichtle zum Bankdirektor und Vorstandssprecher geschafft. Parallel dazu sei die erfolgreiche Entwicklung der Münsinger Volksbank zu sehen, deren Bilanzsumme von damals 1,8 auf heute 391 Millionen Euro gestiegen ist. Viele glücklich gepaarte Eigenschaften seien es gewesen, die Werner Leichtle habe in die Waagschale werfen können. Er habe über ein gutes Gespür für Risiken verfügt, sei immer ganz nah am Bürger gewesen, habe Daten und Fakten im Kopf parat gehabt. Neben seiner Tätigkeit für seine Volksbank sei die Mitarbeit im öffentlichen Leben gekommen, in Vereinen und der Kirche, so Weible: "Der Vorstand und Aufsichtsrat danken ihm für dessen weit über den üblichen Rahmen hinausreichendes Engagement".

Ulrich Reichle vom Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband berichtete von seinem ersten persönlichen Kontakt mit Leichtle vor 30 Jahren, als er Azubi in Bad Urach gewesen sei. Er erinnerte an die Fusionen mit Zwiefalten, Hayingen, Römerstein und Gomadingen - Leichtle fügte noch die mit Rietheim hinzu - und nannte den Ruheständler ein "genossenschaftliches Urgewächs". Reichle: "Die Wahrnehmung der Bank, das Denken und Handeln der Mitarbeiter, all das trägt ihre Handschrift".

Leichtle habe sich immer wieder geänderten Situationen stellen müssen und die Herausforderungen des Bankgeschäfts über einen langen Zeitraum angenommen und er habe ein Stück Genossenschaftsgeschichte mitgestaltet, "auf das Sie stolz sein können".

Bernd-Dieter Reusch, Vorsitzender der Bezirksvereinigung der Volksbanken und Raiffeisenbanken, wusste von Zeiten zu berichten, als es eine eigenständige Münsinger Bezirksvereinigung gegeben habe, deren Vorsitzender Werner Leichtle war. Damals seien es noch mehr als 30 kleine Raibas gewesen, heute sinds im Kreis noch acht. Er attestierte Leichtle, immer mit hohem Verantwortungsbewusstsein agiert zu haben und im Vorstandsgremium stets ein angenehmer Gesprächspartner gewesen zu sein.

Bürgermeister Mike Münzing sprach davon, dass sich die Region entgegen jeder Prognose dynamisch entwickelt habe, dazu hätten die Menschen beigetragen, "angetrieben vom Willen, aus dem Wenigen, was uns die Natur mitgegeben hat, etwas zu machen". Die Volksbank Münsingen habe den Weg freigemacht für die Bürger, die Wirtschaft und die Landwirtschaft, baute Münzing den Bank-Slogan in seine Rede ein. Die Volksbank sei ein engagierter Partner der Region, der Vereine, Schulen und Kindergärten unterstütze und nicht zuletzt wichtiger Steuerzahler sei.

Vom "Stift" zum Vorstandssprecher: Das werde es in künftigen Generationen kaum mehr geben, ging Münzing auf Leichtles Werdegang ein. Dieser habe sich neben seinem Beruf in vielen Vereinen und Organisationen eingebracht, darunter dem Musikverein Magolsheim, dessen Kassier Leichtle von 1968 bis 1995 war, in der Kirchengemeinde, bei Pro Münsingen, wo er bis vor wenigen Tagen mehr als 30 Jahre lang Vorstandsmitglied gewesen sei, bei der Baugenossenschaft und der Lebenshilfe. Leichtle sei Mitglied im Kreistag gewesen und noch immer ehrenamtlicher Richter.

All dies hat Münzing dazu bewogen, beim Ministerpräsidenten eine besondere Ehrung zu beantragen, die er am Dienstagabend auch vornehmen konnte. Er heftete Leichtle die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg ans Anzug-Revers.

Der Geehrte selbst sprach von einem Tag des Rückblicks, einem Tag der Freude und der Dankbarkeit. Als er 1961 Auszubildender bei der Volksbank Münsingen geworden sei, habe die Vergütung 109 Mark im Monat betragen. Die Volksbank habe damals aus drei Räumen bestanden, einen Jahresgewinn von 11000 Euro erzielt. Er habe nach der Bankkaufmann-Lehre Steuerberater werden wollen, sich aber doch überreden lassen, zu bleiben. 1977 sei das Angebot gekommen, sich zum Vorstand weiterbilden zu können, was er mit sehr gutem Erfolg getan habe. 1980 sei er schließlich zum Vorstandsmitglied bestellt worden, blickte Leichtle zurück. Ihn habe die genossenschaftliche Idee von Anfang an fasziniert, "weil der Mensch im Mittelpunkt steht". Leichtles besonderer Dank galt seinem langjährigen Vorstandskollegen Jürgen Ruff.

Nach seiner Rede gab es stehende Ovationen. Zuvor viele Geschenke, unter anderem von den Mitarbeitern, die schließlich allesamt auf der Bühne zusammen mit Leichtle zum Gruppenbild versammelt waren.

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