Bichishausen/Brüssel / MARIA BLOCHING  Uhr
Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) kämpft um eine bessere Zukunft. Mit Landwirten aus ganz Europa wurde in Brüssel demonstriert, dabei auch Andreas Heideker und Alexander Manz.

"Wer nicht kämpft, hat schon verloren!". Doch den Milchbauern geht es nicht einzig um mehr Geld für ihre Arbeit, sie fordern Regeln auf EU-Ebene, die ihnen künftig ermöglichen, am Markt teilnehmen und kostendeckende Preise erzielen zu können. Laut BDM hat die bisherige Reformausrichtung einseitig die Interessen der Milch- und Ernährungsindustrie im Blick und vernachlässigt dabei die berechtigten Forderungen der Milcherzeuger.

Sie wollen Marktregeln statt Almosen vom Staat, sind deshalb mit ihren Schleppern Anfang letzter Woche nach Brüssel gefahren, nicht jedoch um zu jammern, sondern um ihr "nach vorne gerichtetes und marktorientiertes Denken" kundzutun. Unter ihnen auch Andreas Heideker und Alexander Manz aus Hundersingen, Frank Siefert von den Steighöfen reiste mit anderen Demonstranten mit dem Bus an.

Für die 600 Kilometer nach Brüssel mussten 20 Traktorstunden in Kauf genommen werden, die letzte Strecke mit rund 100 deutschen und belgischen Traktoren wurde unter Polizeieskorte über die Autobahn zurückgelegt. Vor dem EU-Parlament versammelten sich 800 bis 1000 Traktoren aus ganz Europa mit rund 3500 Demonstranten, der Verkehr war laut Andreas Heideker im Regierungsviertel vollkommen zum Erliegen gekommen.

Die Kundgebung verlief überwiegend friedlich, eine Ausnahme machten junge belgische Landwirte, die 15 000 Liter Milch mit einem Feuerwehrschlauch in die Menge spritzten und damit kurz für Aufruhr sorgten. "Dadurch wollten sie berechtigterweise darstellen, dass für Wasser im Laden mehr bezahlt werden muss als für Milch. Das kann einfach nicht sein" macht Frank Siefert deutlich.

Die Brüsselfahrt sei erfolgreich gewesen, nicht zuletzt auch, weil sich zum ersten Mal Agrarkommissar Dacian Ciolos direkt an die Demonstranten gewandt und Gesprächsbereitschaft signalisiert habe. Er räumte in seiner Ansprache ein, dass die im EU-Milchpaket vorgesehenen Maßnahmen nicht ausreichen werden, um den Markt im Gleichgewicht zu halten und so kostendeckende Preise erzielen zu können. Deshalb sagte er zu, eine Expertenanalyse in Auftrag zu geben. Gleichzeitig appellierte Ciolos an das European Milk Board (EMB), dem der BDM-Verband angeschlossen ist, sich hierbei mit eigener Expertise einzubringen.

Die Demonstration in Brüssel hat Frank Siefert gezeigt, wie eng sämtliche europäischen Milcherzeuger beieinander liegen. "Alle befinden sich in der gleichen wirtschaftlichen Situation, deshalb waren wir wie eine große Familie", erzählt er. Sie kamen aus Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, aus Italien, Polen, Spanien und Rumänien. Und selbst aus der Schweiz waren Milchbauern da, die sich nach dem Ausstieg aus der Milchquote 2010 zusammengeschlossen haben und ihren Kollegen nun deutlich machen wollten, dass es ohne eine Regelung auf dem freien Markt keine Chance gibt. "Deshalb brauchen wir Maßnahmen, mit denen man in die Menge eingreifen kann", bekräftigt Siefert.

Die Botschaft der BDMler in Brüssel war klar: Sie fordern zusätzliche Marktkrisenmaßnahmen wie den freiwilligen Produktionsverzicht gegen Ausfallentschädigung, eine Verlängerung der Milchmarktordnung in Verbindung mit flexiblen Marktsteuerungsmechanismen, die Anerkennung des Anbaus von Eiweißpflanzen/Leguminosen und deren Gemenge als Greening-Maßnahmen sowie die Befreiung von Betrieben mit weniger als 15 Hektar Ackerfläche und mehr als 50 Prozent Grünlandanteil von Greening-Maßnahmen.

"Der Kampf wird nie aufhöre", ist Andreas Heideker überzeugt und bedauert, dass viele Bauern im Laufe der Zeit resignieren. Ihnen fehlt die Zeit und irgendwann auch die Kraft, ihre Arbeit politisch zu vertreten. Doch: "Wer nichts tut, geht unter", glaubt er. Ihm selbst hat die Demonstration in Brüssel wieder Auftrieb gegeben. "Wenn man sieht, wie viele Landwirte in der gleichen Lage sind und genau dasselbe denken, schöpft man wieder neuen Mut". Für Heideker war es wie für die anderen rund 3500 Milcherzeuger aus ganz Europa an der Zeit, wieder einmal ein deutliches Zeichen zu setzen, dass akuter Handlungsbedarf besteht. Die Schlepperfahrer haben das Resümee gezogen, dass es sich lohnt, trotz aller Hindernisse weiterzukämpfen.