Hundersingen "Synagogen und Schulen mit Feuer anstecken"

"Die Juden lassen sich genauso wenig bekehren, wie der Teufel": Martin Luther auf einem Bild von Lucas Cranach d. Älteren, Hofmaler am kursächsischen Hof.
"Die Juden lassen sich genauso wenig bekehren, wie der Teufel": Martin Luther auf einem Bild von Lucas Cranach d. Älteren, Hofmaler am kursächsischen Hof.
Hundersingen / RALF OTT 06.03.2015
Mit einer Ausstellung und Vorträgen beschreitet der Kirchenbezirk Bad Urach-Münsingen den Weg hin zum Jubiläum "500 Jahre Reformation" in 2017. Thema ist das Verhältnis Martin Luthers zu den Juden.

Im evangelischen Gemeindehaus in Hundersingen wird am Sonntag, 8. März, um 17 Uhr die Ausstellung "Ertragen können wir sie nicht" über das Verhältnis von Martin Luther zu den Juden eröffnet. Luther - Urheber der Reformation - wollte 1517 mit der Veröffentlichung seiner 95 Thesen den Missbrauch des Ablasses als reine Geldeinnahmequelle für die Kirche anprangern. Der Ablasshandel war für ihn der Anlass, für eine grundlegende Reform der Kirche einzutreten. Entscheidend war der Gedanke der Gerechtigkeit Gottes allein aus der Gnade heraus, die dem zuteil wird, der an Jesus Christus glaubt. Einen anderen Weg gab es für Luther nicht. Folglich war es unmöglich, sich nach der Zahlung einer Geldsumme mit Hilfe eines Ablassbriefs den Erlass von zeitlich befristeten Sündenstrafen im Fegefeuer bescheinigen zu lassen.

Im Mittelpunkt stand sein Ziel, "die biblischen Schriften zu studieren und den christlichen Glauben immer wieder neu im biblischen Wort zu begründen", heißt es im Begleitheft zur Ausstellung, die erstmals in der Region zu sehen ist und auf 17 Tafelreitern ausführliche Informationen kurzweilig aufbereitet bietet. Konzipiert wurde diese von Pfarrerin Hanna Lehming, Beauftragte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland für den christlich-jüdischen Dialog.

Luther selbst hatte die Christen dazu aufgefordert, "nicht mit Gewalt sondern mit dem Wort" ihre theologischen und religiösen Auseinandersetzungen zu führen. An diesem Punkt jedoch gehen die Lehre Luthers als Reformator und sein Verhalten als Mensch auseinander. Heißt es auf der einen Seite "Ein Christ ist ein solcher Mensch, der gar keinen Hass noch Feindschaft wieder jemanden weiß", so wettert der Reformator auf der anderen Seite mit den Worten "O Herr Gott, wo solcher Geist in den Bauern auch ist, wie hohe Zeit ist's, dass sie erwürgt werden wie die tollen Hunde" gegen Bauern, die sich auf ihre Freiheitsrechte beriefen und dabei die Bibel - wie von Luther gewollt - als alleinige Quelle ("sola scriptura") heranziehen.

Besonders drastisch wird dies am Beispiel der Juden deutlich, die Luther drei Jahre vor seinem Tod in der Schrift "Wider die Juden und ihre Lügen" als "rechte Teufel" brandmarkt. Luther rät den Christen, Synagogen oder Schulen der Juden zu verbrennen, ihre Häuser zu zerstören, ihnen die Gebetbücher zu nehmen und den Rabbinern die Berufsausübung zu untersagen. Diese extreme Haltung erklärt sich aus seiner Entwicklung. "Zunächst war es sein Ziel, die Juden zum christlichen Glauben zu bekehren", erläuterte Pfarrer Matthias Backhaus im Pressegespräch. "Natürlich hatten die Juden keinen Anlass, zum Christentum zu konvertieren und daher war Luther später verbittert", fügt Pfarrerin Marlies Haist hinzu. Sie wird zusammen mit Backhaus den zweiten Vortragsabend (siehe Kasten unten links) gestalten und die Judenfeindschaft Luthers in seinen Spätschriften anhand von Textbeispielen untersuchen.

In Verbindung mit dem Jubiläum 500 Jahre Reformation möchte die evangelische Kirche "durch Forschung und kritische Lektüre benennen, wie Luther sich tatsächlich gegenüber den Juden verhalten hat", wie es Backhaus formuliert. Dabei soll das lutherische Schriftverständnis im Sinne der Kategorien "Freiheit" und dem Denken in Gewissenskategorien die Grundlage, erklärt Haist. Während die theologisch verwendeten Kategorien "Freiheit", "Gewissen" und "Rechtfertigung des Menschen vor Gott" als Grundlagen europäischer Geistesgeschichte gelten, wurde Luther im 19. Jahrhundert zum deutschen Nationalisten stilisiert. "Jede Zeit hat ihre Interpretation von Luther produziert", sagt Backhaus.

Musikalisch begleitet wird die Eröffnung der Ausstellung am kommenden Sonntag im evangelischen Gemeindehaus in Hundersingen durch Bezirkskantor Stefan Lust.

Reformationsjubiläum: Ausstellung und zwei Vorträge

Auf dem Weg zum Jubiläum "500 Jahre Reformation" 2017 informiert die Kirchengemeinde Buttenhausen-Apfelstetten mit einer Ausstellung und zwei Vorträgen über Martin Luther und sein Verhältnis zu den Juden. Eröffnet wird die Ausstellung "Ertragen können wir sie nicht" am Sonntag, 8. März, um 17 Uhr im evangelischen Gemeindehaus Hundersingen.

Sibylle Biermann-Rau hält am Dienstag, 10. März, um 19.30 Uhr in der Bernheimerschen Realschule in Buttenhausen den Vortrag "Luthers Judenfeindschaft und ihre Wirkung im Dritten Reich". Eine Woche später, am 17. März, werden Pfarrerin Marlies Haist und Pfarrer Matthias Backhaus im evangelischen Gemeindehaus Hundersingen "Luthers Judenfeindschaft in seinen Spätschriften 1537 bis 1543" mit Einführung und Gespräch beleuchten. Beginn ist um 19.30 Uhr.

SWP

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