Münsingen "Krebs ist primär eine Erkrankung des Alters"

Professor Dr. Lothar Kanz sprach in einem ausführlichen und interessanten Vortrag an der Beruflichen Schule über Tumorerkrankungen. Foto: Maria Bloching
Professor Dr. Lothar Kanz sprach in einem ausführlichen und interessanten Vortrag an der Beruflichen Schule über Tumorerkrankungen. Foto: Maria Bloching
Münsingen / MARIA BLOCHING 31.03.2012
Rauchen, falsche Ernährung und Bewegungsmangel sind laut Professor. Dr. Lothar Kanz die Hauptursachen für Krebs. Am Donnerstag sprach der Arzt an der Beruflichen Schule über Tumorerkrankungen.

Rund zwei Drittel aller Krebserkrankungen könnten vermieden werden, wenn die Menschen die Warnungen der Mediziner beherzigten und auf Nikotin verzichten, sich gesünder ernähren und Sport treiben würden. Denn laut Professor Dr. Lothar Kanz, Ärztlicher Direktor der Abteilung Onkologie, Hämatologie, Klinische Immunologie, Rheumatologie und Pulmologie am Universitätsklinikum Tübingen, sind diese Faktoren hauptsächlich dafür verantwortlich, dass Gene mutieren und für eine defekte DNA sorgen, so dass es zu "ungeregeltem Wachstum" verrückt spielender Zellen im Körper kommt. Fast jeder zweite Mensch in der westlichen Welt bekommt im Laufe seines Lebens einen Tumor, die Hälfte davon ist heilbar.

Jeder vierte Mensch stirbt an Krebs, der mit 28 Prozent nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache darstellt. "Krebs entsteht aufgrund eines genetischen Unfalls", machte der Medizinexperte deutlich. Jedes Organ hätte eine typische Struktur und bestehe aus Zellen mit genetischem Material. Nicht alle Gene seien gleichermaßen aktiv: "In der DNA findet ein hochkomplexer Vorgang statt und es wird kritisch, wenn es zu Störungen kommt".

In einer einzigen Zelle ginge es zu wie in einer U-Bahn-Station einer Großstadt, "der Zug fährt los, hält an verschiedenen Haltestellen und muss Signale beachten". Ist das Gewebe gesund, verfügt der Mensch über eine intakte DNA und es findet ein "geregeltes" Wachstum statt.

Am Beispiel von Lungenkrebs, einer der häufigsten und gefürchtetsten bösartigen Tumorerkrankungen wird es deutlich: Zellen vermehren sich massiv und behindern schließlich die Atmung, sie verteilen sich dann im ganzen Körper. Eine Mutation liegt vor, wenn es an einer Gen-Stelle zur Veränderung kommt. Die Kontrolle geht verloren, Zellen können nicht mehr geordnet wachsen und sorgen dafür, dass auch die Schutz-Gene ihre Wirksamkeit verlieren.

Frauen erkranken überwiegend an Brustkrebs, Darmkrebs und Lungenkrebs, Männer an Prostatakrebs, Darmkrebs und Lungenkrebs. Während die Zahl der an Lungenkrebs Verstorbenen bei den Männern seit Jahren zurückgeht, nimmt sie bei den Frauen zu: "Das ist auf die Rauchgewohnheit zurückzuführen. Männer rauchen weniger, Frauen mehr", so Kanz. Die Häufigkeit der tödlichen Darmkrebserkrankungen ist sowohl bei Männern als auch bei Frauen zurückgegangen. Grund hierfür sind die vermehrt durchgeführten Vorsorgeuntersuchungen, die auch die Zahl der Brustkrebstoten deutlich senken. "Krebs ist primär eine Erkrankung des Alters".

So steigt laut Kanz ab dem 50. Lebensjahr das Risiko zu erkranken deutlich an, jenseits der 60 Jahren nimmt es sogar "massiv" zu. Männer erkranken häufiger als Frauen, haben aber ebenso wie diese künftig größere Chancen als noch in den vergangenen Jahrzehnt, mit ihrer Tumorerkrankung wesentlich länger zu leben. "Die Häufigkeit von Krebsvorkommen im Alter wird zunehmen, weil die Menschen älter werden, aber Tumorerkrankungen werden auch besser behandelbar sein". Prinzipiell dürfe man eine Therapie in keinem Alter versagen: "Bei alten Menschen wirkt sie ebenso gut wie bei jungen". Allerdings müsse die Behandlungsform vom Zustand der Patienten abhängig gemacht und insbesondere das Ziel, die Lebensqualität zu verbessern, an erste Stelle gesetzt werden. Letztendlich sei immer ein Fehlverhalten der DNA für eine Tumorbildung verantwortlich, deshalb gehe die Entwicklung dahin, dass bei Krebspatienten die gesamte DNA sequentiert werde. Kanz forderte eine bessere Aufklärung der Politik in Bezug auf die Wirkung von Rauchen, schlechter Ernährung, Übergewicht und Bewegungsmangel: "Dieses Thema müsste viel radikaler angegangen werden". Dickdarmkrebs kommt aufgrund des großen Fleischkonsums am häufigsten in Europa, insbesondere in Deutschland vor. Über die Hälfte könnte durch bewusste Ernährung vermieden werden. Und auch beim Brustkrebs besteht ein Zusammenhang mit dem Verzehr von fettreichen Nahrungsmitteln. Lediglich 15 Prozent der Lungenkrebspatienten sind Nichtraucher, aber als Passivrauchen dennoch Giftstoffen ausgesetzt. Rauchen sorgt in der DNA für eine Veränderung der Gene, da setzt nun die Medizin an. Mit einem Hemmstoff in Tablettenform soll das Tumor-stimulierende Molekül in Schach gehalten werden, was allerdings nur kurze Zeit gelingt. Wie in der gesamten Onkologie läuft die Forschung in diesem Bereich auf Höchsttouren, innerhalb kürzester Zeit werden heute Medikamente entwickelt, die für die Betroffenen große Fortschritte bringen. "Aber Vorsicht - das ist immer noch kein Durchbruch und keine schlagartige Heilung", mahnte Kanz.