Es war ein Abend der ganz großen Emotionen und intensiven Eindrücken. Opernsängerin Karina Aßfalg und Tänzerin Gitte Wax warteten zum Auftakt des 500. Reformationsjubiläums mit einer absolut sehenswerten Vorstellung auf, die Gesang und Tanz auf ergreifende Weise miteinander verband und Räume der Freiheit eröffnete.

Von Beginn an verzauberten die beiden Künstlerinnen als ungewöhnliches und interdisziplinäres Duo. Was sie als fließende Einheit schufen, war ein Hör- und Seherlebnis par excellence, eine Wohltat für Ohren, Augen und Gefühl. Sie verwandelten den Altarraum in der Martinskirche zu einer sakralen Bühne, die sie dazu nutzten, dem mit herrlichen Lichteffekten hervorgehobenen Jesus am Kreuz zu huldigen und ihn in das weltliche Geschehen mit einzubeziehen.

Das „Duo Sistere“ aus Zwiefalten hat es geschafft die bislang getrennten Kunstformen Gesang und Tanz miteinander zu verbinden. Es wurde eine völlig neue, umfassende Sicht- und Wahrnehmungsweise von Kunst und Kultur geboten. Aßfalg und Wax schufen aus Musik und Tanz eine harmonische und ineinander fließende Einheit, die Gänsehaut erzeugte. Die gesangliche Darbietung weltlicher und sakraler, klassischer und moderner Musik von Karina Aßfalg wurde durch den sensibel gestalteten Ausdruckstanz von Gitte Wax direkt sichtbar gemacht.

Durch das Verweben des Auditiven mit dem Visuellen und der persönlichen Ausdrucksformen beider Künstlerinnen entstanden ein abgeschirmter Raum und eine zusätzliche Wahrnehmungsebene, verstärkt durch den spirituellen und sakralen Charakter der Kirche. Die Zuschauer hörten, sahen und erlebten durch das Auflösen von digitalem und beengendem Zeiterleben die Ursprünglichkeit der Kunst durch intensive Wahrnehmung.

Der glockenreine und gefühlvolle Gesang der Sopranistin schwang in Formationen durch den Raum und erweckte Kraft, Hingabe und Erleichterung. Gitte Wax gab den Liedern ein Gesicht: verträumt und liebevoll schwebte sie durch die Musik, herausfordernd und provokativ nahm sie die Auseinandersetzung auf, leidenschaftlich und rebellisch wirbelte sie um die Sängerin herum.

Während sich die Künstlerinnen zu jedem Stück in ein neues, wunderbares Kleid hüllten, trug Gitte Wax aus dem Off Texte vor, die als sinnvolle und gleichzeitig sinnlose gedankliche Wirbel wie in einem nächtlichen Traum wirkten und die Besucher in eine Subjektivität führten, aus der heraus sie das Gebotene neu wahrnehmen konnten. Und Gitte Wax richtete ihren Ausdruckstanz an das persönliche Fühlen, verwob ihn mit fließendem Licht und dem grandiosen Gesang von Karina Aßfalg zu einer Form, die in der Kunst übliche Rezeptionsgewohnheiten transzendiert. Dieser Auftritt war eine absolute Premiere. In der Region haben sich beide Künstlerinnen längst jede für sich einen Namen gemacht. „Da wir uns persönlich sehr gut verstehen und unsere künstlerische Tätigkeiten gegenseitig schätzen, haben wir vor fast einem Jahr damit begonnen, sie intuitiv und kreativ zusammenzufügen“, erklärte Gitte Wax.

Entstanden ist das Programm „Sapere Aude – wage es weise zu sein“, das auf dem Leitspruch zur Aufklärung von Immanuel Kant basiert: „Wage es deinen eigenen Weg der Erkenntnis zu gehen“.

Beide Künstlerinnen überschritten in einer Zeit des fragmentierten, spezialisierten und objektiven Wissens Grenzen und boten eine Möglichkeit, die Welt insbesondere in der Kunst als Ganzes wahrzunehmen und ein persönliches Bild zuzulassen, das eine eigene Stellungnahme ermöglicht.

Ihr beeindruckendes und absolut sehenswertes Programm beinhaltete bekannte klassische und aktuelle Werke von namhaften Komponisten wie Wolfgang Amadeus Mozart, Georges Bizet, Vincenzo Bellini, Alfredo Catalani, Andrew Lloyd Webber, William Gomez, Luc Bessen, Tarja Turunen und Leona Lewis. Klänge, Bewegungen und Gedanken verschmolzen miteinander und ließen ein persönliches Berührtsein und Betroffensein zu. Und auch wenn „Sapere Aude“ nicht speziell für dieses Jubiläumsjahr entstanden und im engeren Sinn kein sakrales Programm ist, so vermochte es doch in Dapfen spirituelle und weltliche Aspekte Grenzen überschreitend zu verbinden und ein beeindrucktes Publikum zurückzulassen.