Münsingen „Blindflug“ muss tabu sein

Mit dem Smartphone am Steuer: Ein absolutes „No-Go“, doch Simone Lumpp vom Präventionsteam des Reutlinger Polizeipräsidiums lässt die Schüler am Fahrsimulator der Jugendverkehrsschule Münsingen genau dies tun, um die Gefahren zu veranschaulichen.
Mit dem Smartphone am Steuer: Ein absolutes „No-Go“, doch Simone Lumpp vom Präventionsteam des Reutlinger Polizeipräsidiums lässt die Schüler am Fahrsimulator der Jugendverkehrsschule Münsingen genau dies tun, um die Gefahren zu veranschaulichen. © Foto: Ralf Ott
Münsingen / Von Ralf Ott 06.02.2019

Wer im Straßenverkehr unterwegs ist, egal ob als Fußgänger, Radler, Motorrad- oder Autofahrer, ist immer einem Risiko ausgesetzt. Doch viele Gefahren lassen sich vermeiden. In besonderem Maße gilt dies für jüngere Leute. So ist die Altersgruppe der 16- bis 24-Jährigen überproportional oft an Unfällen beteiligt. Häufig liegt dies an einer falschen Einschätzung der Situation oder dem mangelnden Bewusstsein für Risiken. Hier setzt der praxisorientierte Verkehrsunterricht für Schüler der neunten Klassen des Polizeipräsidiums Reutlingen an. In der Jugendverkehrsschule in Münsingen haben jetzt wieder Stefan Schwörer, der für die hiesige Region zuständig ist, sowie Simone Lumpp, die Reutlingen betreut und Manuel Mulzer (Ermstal und Pfullingen) vom Präventionsteam des Polizeipräsidiums Schülern aus insgesamt sechs Klassen an drei Vormittagen praxisnahe Einblicke in mögliche Gefahren und Risiken ermöglicht.

Es gibt vielfältige Ursachen für Unfälle, die in der jeweiligen Person zu suchen sind. „Komplett unnötig“, so Mulzer, „sind zum Beispiel Alkohol und Drogen“. Etwas schwieriger wird es, wenn die eigenen Fähigkeiten überschätzt werden, Freunde oder das Handy für Ablenkung sorgen oder es darum geht, möglichst „cool zu sein, um der Clique zu imponieren“. Mit einer dreiminütigen Bilderfolge verdeutlichte Schwörer eingangs, wie Interessen und Gewohnheiten die Aufmerksamkeit beeinflussen. Das geschieht nahezu automatisch, wird also nicht bemerkt und kann daher im Straßenverkehr gefährlich werden.

Wer zu schnell unterwegs ist, schraubt das Gefahrenpotential ebenfalls deutlich in die Höhe, da sich der Weg, bis das Fahrzeug steht, verlängert. Dieser setzt sich aus dem Reaktionsweg und dem Bremsweg zusammen. Rund eine Sekunde benötigt ein Mensch im Schnitt, bis er nach dem Erkennen einer Gefahr auf die Bremse tritt.

In der Praxis kann das auch länger dauern, wie die in drei Gruppen eingeteilten Schüler der Gustav-Mesmer-Realschule an jenem Vormittag bei einem Test am Fahrsimulator erkennen konnten. Nämlich dann, wenn zum Beispiel die Mitfahrer auf einen einreden oder es darum geht, nur mal eben eine Nachricht auf dem Smartphone zu lesen. Wer bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h nur eine Sekunde lang nicht auf die Straße sieht, ist 13 Meter im „Blindflug“ unterwegs, unterstrich Lumpp. Auch wer innerorts zu schnell fährt, verlängert den Anhalteweg und riskiert bei unvorhergesehenen Hindernissen oder gar Menschen, die plötzlich auf die Fahrbahn laufen, einen Zusammenstoß.

Auch und gerade Alkohol oder andere Drogen machen die Teilnahme am Straßenverkehr zu einem bisweilen unkalkulierbaren Risiko. Ein Test mit der „Alkoholbrille“ verdeutlichte dies anschaulich. Selbst bei den winterlich kalten Temperaturen sorgte der Praxistest, den die Schüler auf dem Verkehrsplatz unternahmen, für viele Lacher. Die Brille simuliert die Beeinträchtigung der Sehkraft bei 0,8 Promille. Die Schüler mussten über eine Linie und durch einen kurzen Hütchenparcours laufen sowie ihre motorischen Fähigkeiten testen. Zielsicher griffen sie neben den Tennisball in den Schnee. „Dabei ist ja nur das Sehvermögen beeinträchtigt, ansonsten seid ihr nüchtern“, betonte Mulzer.

Deutlich wurde auch die immense Bedeutung des Gehörs für die Einschätzung von Gefahren im Straßenverkehr. „Der Mensch ist biologisch darauf eingerichtet, daher können wir die Ohren auch, im Unterschied zu den Augen, nicht schließen“, verdeutlichte Schwörer. Zwei Problembereiche spielen bei Jugendlichen und in der Gesellschaft eine Rolle: Zum einen der Kopfhörer mit der Lieblingsmusik auf oder als Stöpsel in den Ohren. Das Innenohr aber ist, wie ein Mediziner erläuterte, nicht in der Lage neben der Musik noch die Geräusche des Straßenverkehrs wahrzunehmen – auch wenn der Schall physikalisch gesehen dort ankommt. Ein 16-jähriges Mädchen, das Kopfhörer aufhatte und Musik hörte, wurde vor einiger Zeit von einer Straßenbahn überrollt, von der sie nichts bemerkt hatte. Auf der anderen Seite bereiten die bei niedrigen Geschwindigkeiten nicht hörbaren Elektroautos vor allem blinden Menschen Probleme. Daher müssen diese bis zu einem Tempo von 20 Stundenkilometern jetzt akustisch warnen.

Das Gehör erfüllt also die Rolle eines Warninstruments. Geräusche, die etwa ein Lastwagen verursacht, werden noch bevor das Fahrzeug sichtbar ist, wahrgenommen und sorgen für erhöhte Aufmerksamkeit.

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