Ein wenig Fasnets-Atmosphäre machte sich am Samstag in der Kulturhalle in Ertingen breit. Kein Wunder, denn die Vereinigung Freier Oberschwäbischer Narrenzünfte feierte ihr 50-jähriges Bestehen und zwar an jenem Ort, an dem erste Überlegungen zu ihrer Gründung angestellt wurden. Mit Fritz Eisele – damals Zunftmeister in Scheer - war der letzte noch lebende Mann der ersten Stunde unter den Gästen und wurde mit stehenden Ovationen gefeiert.

Hochkarätiges Publikum

Die Bedeutung des Jubiläums wurde auch in der Gästeliste deutlich. Regierungspräsident Klaus Tappeser war mit seiner Frau Priska nach Ertingen gekommen. Der Biberacher Landrat Dr. Heiko Schmid und sein einstiger Kollege aus Sigmaringen, Dirk Gaerte, ebenfalls in Begleitung seiner Frau Regine, sangen das Ringlinden-Lied inbrünstig mit. Eine ganze Reihe von Bürgermeistern machte den Narren die Ehre, unter ihnen der Zwiefalter Schultes Matthias Henne.

Jubiläums-Tanten gratulierten

Klar, dass Festreden gehalten wurden, aber auch das närrisch Komödiantische kam nicht zu kurz. Allen voran gratulierten Lore Herter und Heidi Allmendinger aus Hayingen als „Jubiläums-Tanten“ in Reimen und musikalisch und würdigten alles, was die VFON ausmacht: die Präsidiums-Mitglieder, die Frauen, die „zu Haus“ bleiben, aber auch die Narrenzünfte als Fasnets-Begleiter. Monika Stark aus Ostrach hatte sich als Mona Lisa einen Rahmen gegeben und den Männern in den Spitzenpositionen den Rat, mehr Frauen in die Präsidien aufzunehmen. Ihre gute Kondition bewiesen lange vor der närrischen Saison die Ballett-Mädchen aus Dürmentingen, die bunt und fetzig vermittelten, Helden zu sein. Mit akrobatischen Elementen wartete das Männer-Ballett aus Mengen auf, das als Hennen-Schar über die  Bühne gackerte.

Für exzellente Hintergrundmusik sorgte die „Klangwerkstatt“  aus Bad Buchau, angesagt von Florian Siegle, der durch das Programm führte und schließlich mit den „Wondeers“ zum Tanze lud.

Davor freilich war es sehr offiziell und festlich, wie es einem Jubiläum gebührt, inklusive Sektempfang und leckerem Buffet, an dem sich außer den Ehrengästen Vertreter der 27 Mitglieds-Zünfte labten. Die Freude über die Begegnung außerhalb der Fasnet war vielen ins Gesicht geschrieben und Begrüßungen fielen sehr herzlich aus. Dies galt auch für die Worte des VFON-Präsidenten Reinhard Siegle, der ganz besonders seinen Vorgänger und Ehrenpräsidenten Peter Neudert willkommen hieß, sowie die Träger der Hubert-Missel-Medaille Lore Herter, Raimund Bulander und Fritz Eisele. „Schon 50 Jahre, sagen die Einen, erst 50 Jahre sagen die Anderen“, philosophierte er und erklärte als Motivation für ein Jubiläum: den Blick zurück auf das, was man erreicht habe, aber auch auf das, was noch kommen mag. Als ganz wichtig erachtete er die „erlebte Gegenwart“, das  Hier  und Heute, die Mitte zwischen Vergangenem und Zukünftigem“ und als solche solle man den Festabend erleben.

Die Gründungszeiten

Seinem Vize Gerhard Fetscher oblag es, die Geschichte der Vereinigung Oberschwäbischer Narrenzünfte zu beleuchten: die erste Zusammenkunft am 15. Mai 1968 im Ratskeller in Ertingen, die Gründung am 27. September 1969, bei dem sich die OHA-Zünfte Altshausen, Herbertingen und Ostrach, Scheer und die Gabelzünfte Bad Buchau, Dürmentingen, Ertingen und Zwiefalten zur VFON zusammenschlossen und Hubert Missel aus Ostrach zum „Oberzunftmeister“, Wilhelm Schlegel aus Bad Buchau zu seinem Vize und Konrad Schulz aus Herbertingen zum Säckelmeister bestimmten. Ein Ringtreffen hatten sie bereits davor ausgerichtet. 1971 trafen sich die Vertreter – nach Satzungsänderungen und der Erweiterung um den Brauchtumsmeister Heinz Hummel aus Zwiefalten – erstmals im Haus Forellental in Gossenzugen zur Eröffnung der Fasnet und pflanzten  eine Narrentanne, „deren Wachstum das Gedeihen der Vereinigung symbolisieren soll“, so Fetscher. Das „Dännelesmessen“ dort fand bis 2002 statt. 2003 wurde eine Linde in Heudorf gepflanzt und wird seither jährlich vermessen.

2002 fand der Wechsel von Hubert Missel zu Peter Neudert an der Präsidiums-Spitze statt. In seiner Ägide wurde die „Goldene Saublodr“ geschaffen, ein Fasnetspreis, der bislang Friedrich Ströbele alias „Max der Landstreicher“ verliehen wurde, Ministerpräsident a.D. Erwin Teufel, Roland Wehrle, dem Präsidenten der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte, Sparkassenverbandspräsident Peter Schneider, Regierungspräsident Hermann Strampfer, EU-Kommissar Günther Oettinger und der Fernseh-Moderatorin Sonja Faber-Schrecklein.

Seit 2011 ist Reinhard Siegle Präsident. An seiner Seite sitzen als Vize Gerhard Fetscher, Jochen Grosse als Kanzellar und Säckelmeister, Uwe Seiferth als Zuständiger für die Öffentlichkeitsarbeit,  Elmar Herter als Brauchtumsmeister und Nadine Wassmer als Jugendvertreterin. Sie und die weiteren knapp 300 Festgäste hörten nach dem gemeinsam gesungenen Ringlinden-Lied, angestimmt von den Textdichterinnen Lore Herter und Heidi Allmendinger sowie Zwiefaltens Zunftmeister Jochen Fundel und Moderator Florian Siegle die Grußworte. Landrat Dr. Heiko Schmid gratulierte in wohlgesetzten Reimen, lobte das ehrenamtliche Engagement und bezeichnete die Narren als „große Herzenswärmer“.

Immaterielles Kulturerbe

Der Ertinger Bürgermeister  Jürgen Köhler als Hausherr hob die Pflege der Kameradschaft hervor und erinnerte an das Jubiläumstreffen, ausgerichtet von den vier  Gabelzünften in Bad Buchau. Sie hätten damit Maßstäbe gesetzt und gezeigt, dass kleine Narrenzünfte gemeinsam ein großes Treffen ausrichten können.

Sehr launig war die Rede von Rainer Hespeler als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft südwestdeutscher Narrenvereinigungen und Narrenverbände, der die VFON scherzhaft „Verband für ordentliche Narren“ nannte und weitere Wortspiele parat hatte. Doch er beleuchtete auch den ernsten Grund des Zusammenschlusses: Probleme gemeinsam anzugehen und einer Lösung zuzuführen, wie den Abbau bürokratischer Hürden oder die Stärkung des Ehrenamts. Gemeinsame Aufgabe sei, Sorge dafür zu tragen, dass die zum immateriellen Kulturerbe erhobene Fasnet als solche erhalten bleibe. Der  Zusammenschluss diene aber auch der Freundschaftspflege.

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