Hechingen Mozart mit klarer Botschaft

Hechingen / Ernst Klett 12.10.2018

Alles rennt nach Tübingen, Reutlingen oder sogar Balingen wenn’s um Kultur geht? Pustekuchen. Hechingen mischt in der Szene munter mit und wird sogar zum Nabel der regionalen Musikwelt, wenn’s um die halb offizielle Eröffnung der Tübinger Jazz- und Klassiktage geht. In der Goldschmiedstraße reichte die Warteschlange bis weit in die Synagogenstraße, als sich Raphael Schenkel, der Meisterklarinettist aus Bremen mit Junginger Wurzeln, mit dem Amaryllis-Quartett zum wiederholten Male die Ehre gab. Erstmals mit dabei im Kreis der hochklassiken Instrumentenbeherrscher war am Donnerstagabend Paco Varoch, ein Flötenvirtuose aus Spanien. Auch beim dritten Auftritt von Schenkel & Co. war für ein ausverkauftes Haus gesorgt, und ebenso für höchst zufriedene Gesichter bei Lothar Vees und Wilfried Schenkel, den Machern der Initiative Hechinger Synaoge. Zwei Schenkel? Wer’s nicht weiß: Der Vater holt den Sohn regelmäßig für Auftritte aus dem hohen Norden in die alte Heimat.

Hin und weg im Gymnasium

Der Aufenthalt war erneut kombiniert mit zwei musikbeseelten Tagen am Hechinger Gymnasium, wo Raphael Schenkel einst das Abitur gemacht hat. Wie berichtet, war das „Klanglabor“ mit Klarinette und Streichern den Fünft- und Sechstklässlern gewidmet. Die sollten Appetit auf Instrumente bekommen, erzählte der junge Mann mit der Bassklarinette seinem Synagogen-Publikum. Es hat ganz offenkundig hingehauen: „Hin und weg“ seien die Musiker von ihrem Zusammenspiel mit den potenziellen Nachwuchstalenten. Die lange Dankesliste für das Zustandekommen des Projektes führten Andrea Nägele und Wolfgang Nägele, Fachbereich Musik in der Heiligkreuzstraße, an.

Anders als andere Künstler in diesen Tagen nutzte Raphael Schenkel sein Konzert für ein ganz klares Bekenntnis zur aktuellen Lage im Land: Wenn alles auseinanderdrifte und Hass den Alltag bestimme, müsse man umso mehr auf die verbindende Sprache der Musik setzen.

Letzterer konnte man, Pause inbegriffen, zwei Stunden lang frönen. Zuhören war ein Hochgenuss, was wiederum nicht anders zu erwarten gewesen war. Da waren lauter Profis am Werk, denen der Auftritt in Hechingen deutlich sichtbar ganz viel Spaß machte. Und das bei einem durchaus spannenden Programmmix.

Kontrast aus Polen

Der Abend begann leicht, beschwingt und entspannend mit einem Mozart-Klassiker, dem ersten Flötenquartett der Salzburger Talentwucht, dem Quartett in D-Dur KV 285. Ach, wie schön das Leben doch sein kann bei solcher Musik. Prompt folgte der größtmögliche Kontrast: das Quartett für Klarinette und Streichtrio des modernen Klassikers Krzysztof Penderecki. Da war’s dann aus mit den entspannten Mienen auf der Bühne, und Raphael Schenkels Bitte, doch die Handys auszuschalten, wurde voll umfänglich verständlich: Wer da nicht konzentriert zuhörte, verpasste den Anschluss. Musik des Polen ist übrigens in Filmen wie „Der Exozist“ zu hören. Kein Wunder, sie hat das Zeug, einen etwas runterzuziehen.

Die Welt kam wieder in Ordnung mit Beethovens Streichtrio Nummer 1 aus dem dreiteiligen Opus 9. Das bedeutete offenkundig Schwerstarbeit für das derzeit zum Trio gewordene Amaryllis-Ensemble, aber der Meister hat bestimmt mitapplaudiert im Klassikhimmel. Das Hechinger Publikum geriet beinahe aus dem Häuschen – und das Mozart-Finale setzte dem noch kräftig eins drauf: Man kann Arien aus der „Zauberflöte“ auch ohne Schmettergesang servieren, wenn man musikalisch das Zeug dazu hat. Den Beweis lieferten drei Streicher, ein Flötist und ein Klarinettist. Von dem hätte man übrigens gerne mehr gehört. Raphael Schenkel machte bei zwei Programmteilen leider Pause. Gut, dass man ihn noch in bester Erinnerung hat: vom Üben bei geöffnetem Dachfenster in der direkten Junginger Nachbarschaft.

Abschluss mit einem Klavier-Soloabend

Das Finale Die Tübinger Jazz- und Klassiktage werden morgen, Samstag, offiziell im LTT eröffnet. Das Finale ist aber wieder in Hechingen: Am Sonntag, 21. Oktober, wird um 19 Uhr Rainer Böhm mit einem Klavier-Soloabend den Abschluss der Reihe in der Alten Synagoge gestalten. Böhm war im vergangenen Jahr mit dem Dieter-Ilg-Trio zu Gast in der Goldschmiedstraße gewesen. Karten gibt es unter www.reservix.de oder an der Abendkasse. Man kann auch per E-Mail an w@wfschenkel.de oder unter Telefon 07477/8611 reservieren.

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