Reutlingen / Von Alexander Thomys  Uhr

Die Perspektive kann sich gewaltig verändern, wenn man ein Produkt aus einem anderen Blickwinkel sieht. So erging es gestern auch rund 60 Lesern, die bei zwei Führungen der SÜDWEST PRESSE das Druckzentrum Neckar-Alb im Reutlinger Industriegebiet West besichtigten. Dort werden unter anderem das Metzinger-Uracher Volksblatt und die Reutlinger Nachrichten gedruckt. „Insgesamt sind es zwölf Zeitungstitel mit einer Gesamtauflage von 135 000 Exemplaren – pro Tag“, erklärte Rolf Steinke, der die Gruppen fachkundig durch das große Druckzentrum führte. Steinke arbeitete 20 Jahre im Druckzentrum, ehe er in den Ruhestand ging. Dem Zeitungsdruck blieb der Rentner bis heute treu – immer wieder führt Steinke Gruppen durch seine heiligen Hallen.

Zuerst begrüßte aber SWP-Geschäftsführer Thomas Scherf-Clavel die Abonnenten unserer Zeitung, die im Rahmen der Mehrwert-Touren den Blick hinter die Kulissen des Druckzentrums gewonnen hatten. „Danke für Ihr Kommen und dafür, dass Sie sehen möchten, wie eine Zeitung produziert wird“, sagte Scherf-Clavel einleitend. Insgesamt würden die Zeitungstitel der SÜDWEST PRESSE in sieben Druckzentren auf Papier gebracht, ordnete der Geschäftsführer das Druckzentrum Neckar-Alb in die baden-württembergische Medienlandschaft ein. Zur Logistik gehört indes weit mehr, als nur ein schneller Zeitungsdruck. So wird etwa der Münsinger Alb Bote in Ulm gedruckt – weil die Kurierfahrer von dort aus schneller in die Albgemeinden kommen, wo die Austräger die Zeitungspakete in den frühen Morgenstunden in Empfang nehmen.

Von der redaktionellen Erarbeitung bis hin zum Zeitungsdruck und der Auslieferung: Es ist immer wieder aufs Neue eine logistische Meisterleistung, die Zeitungen pünktlich in die Briefkästen der Leser zu bekommen. „Wir glauben an die Zukunft der gedruckten Zeitung“, betonte Scherf-Clavel, der zugleich auf die hohen Glaubwürdigkeitswerte der Printmedien verwies. Mit rund 30 Lokalredakteuren, insgesamt 105 Mitarbeitern an den Standorten in Metzingen, Münsingen und Reutlingen und insgesamt 750 Austrägern würde tagtäglich daran gearbeitet, den Lesern eine gute Zeitung an die Hand zu geben. „Verantwortungsvoller Journalismus“ sei dabei ein wesentliches Standbein, betonte Scherf-Clavel. Aber auch vor der Arbeit der Drucker und der Austräger könne er nur „den Hut ziehen“, so der SWP-Geschäftsführer.

Anschließend führte Rolf Steinke durch das beeindruckende Druckzentrum. Zwei verschiedene Zeitungen können auf der Rotationsdruckmaschine gleichzeitig gedruckt werden – darüber wachen die Drucker an gleich sechs Leitständen, um die Qualität der Zeitungen zu garantieren. 600 Exemplare werden so pro Minute gedruckt, das Papier kommt dabei von bis zu 1800 Kilogramm schweren Rollen aus Altpapier, die breit genug sind, um vier Zeitungsseiten gleichzeitig zu bedrucken. Zuvor werden die Zeitungsseiten auf Aluminiumdruckplatten abgebildet, täglich kommen 800 Platten zusammen. Die können nur ein Mal verwendet werden, gehen dann zurück in das Aluminiumwerk, werden eingeschmolzen und kehren als frische Druckplatten wieder zurück.

„Heute ist es wichtiger denn je, alles zu verwerten, was man nochmal verwerten kann“, weiß Steinke. Das gilt auch für das Druckzentrum, das tatsächlich große Mengen an Ressourcen benötigt. Pro Jahr sind es zum Beispiel rund 470 Lastwagenlieferungen, die allein die Papierrollen aus Werken in Aalen, Bayern und Finnland nach Reutlingen bringen. Hinzu kommt der Wasserverbrauch: 515 Liter pro Stunde benötigen die Feuchtwalzen, die dafür Sorgen, dass die Druckfarbe auf den Druckplatten nur dort anhaftet, wo sie hingehört. 13 500 Liter Wasser sorgen zudem im Kühlkreislauf dafür, dass die 750 Tonnen schwere Rotationsmaschine die Betriebstemperatur nicht überschreitet. Pro Jahr benötigt das Druckzentrum die dreifache Menge des Wassers, das sich im Reutlinger Freibad in allen Becken findet.

Damit die Rotationsmaschine überhaupt einen festen Stand hat, wurden beim Bau des Druckzentrums Neckar-Alb, welches vier Verlage gemeinsam betreiben, etwa 2500 Tonnen Beton und Stahl im Fundament verbaut. Schwingdämpfungsplatten sorgen dafür, dass die Maschine trotz der hohen Druckgeschwindigkeit nicht zittert. Bedruckt werden 11,5 Meter pro Sekunde. Übrigens mit ganz wenig Farbe: Im Schnitt sind es nur zwei Gramm, die sich in einer kompletten Tageszeitung finden. Die Mengen sind dennoch gewaltig: Pro Tag verbraucht das Druckzentrum im Schnitt 200 Kilogramm Schwarz und 150 Kilogramm an farbiger Farbe.

Während tagsüber Amtsblätter und Wochenzeitungen gedruckt werden, macht das Druckzentrum ab dem späten Abend „die Nacht zum Tag“, wie es in einem Imagefilm heißt. Gegen 22 Uhr werden die ersten Druckplatten belichtet und in die Rotationsmaschine eingespannt, um 23 Uhr beginnt der Andruck. Vier Stunden später sind alle Zeitungen nicht nur gedruckt, sondern auch zusammengefaltet, mit Werbung bestückt und in Paketen für die Austräger verschnürt. Über ein Fließband laufen die Zeitungspakete direkt in die bereitstehenden Transportfahrzeuge.

Fast 80 Millionen Zeitungen verlassen so jährlich das Druckzentrum Neckar-Alb. Und das in „beeindruckender Präzision“, wie eine Leserin staunend feststellte. Während die erste Tour am gestrigen Nachmittag beim Druck der Wochenblätter zuschauen konnte, durften die Leser der Abendführung sogar die Zeitung von heute schon gestern mitnehmen: Die ersten Exemplare der frisch gedruckten Hohenzollerischen Zeitung aus Hechingen, die stets als erstes gedruckt wird.