Interview Zurück zu den Wurzeln

Der Metzinger Konfliktberater und Buchautor Johannes Stockmayer findet, dass Christen sich mehr zutrauen sollten.
Der Metzinger Konfliktberater und Buchautor Johannes Stockmayer findet, dass Christen sich mehr zutrauen sollten. © Foto: kiehl
Metzingen / CAROLA EISSLER 02.01.2017

Die Kirchenfürsten kommen nicht gut weg. Welcher Denomination, welcher Gemeinschaft sie auch angehören mögen, Johannes Stockmayer zeichnet in seinem Buch „Christsein in nachchristlichen Zeiten“ ein überaus kritisches Bild einer Kirche, die es sich in einer auseinanderbrechenden Welt bequem eingerichtet hat. Umso mehr fordert der Metzinger Konfliktberater Christen auf, sich den Herausforderungen einer entchristlichten Gesellschaft zu stellen.

Herr Stockmayer, der Papst erteilt seinen Weihnachtssegen, die protestantischen Kirchenfürsten reden ihren Schäflein ins Gewissen und ihre Neujahrsbotschaften werden verbreitet. Wie kommen Sie darauf, dass wir in einer nachchristlichen Zeit leben?

Johannes Stockmayer Ich glaube, dass das christliche Abendland seinem Abend entgegen geht. Die christlichen Werte sind nicht mehr obsolet und nicht mehr bekannt. Weihnachten ist das Fest der Familie und der Gefühle, man weiß also nicht mehr so genau, was ist eigentlich der christliche Glaube. Dass Jesus in diese Welt kommt und diese Welt verändert, das Umstürzende dieses Ereignisses wird nicht mehr wahrgenommen.

Das würde ja bedeuten, dass wir einer Zeit entgegengehen, die nicht mehr von all diesen Werten, auf denen auch unser Grundgesetz fußt, geprägt wird.

Stockmayer Genau das denke ich. Das ist auch der Grundtenor meines Buches. Wir werden uns auf gewaltige Umbrüche einstellen müssen. Aber diese Umbrüche sind nötig, denn sie führen zu Neuem.

Welche Umbrüche?

Auf gesellschaftlicher und religiöser Ebene. Die Christen werden sich nochmals ganz neu sortieren müssen und sich neu besinnen müssen auf den eigentlichen Wert ihres Glaubens.

Sie gehen in ihrem Buch sehr streng mit den Kirchen ins Gericht. Sie schreiben, das christliche Abendland verliere an Relevanz, die Kirchen seien nicht mehr Salz und Licht. Wie kommen Sie zu einer solchen harschen Kritik?

Der christliche Glaube ist ein Stück Kultur geworden. Aber für mich ist es nicht mehr das Eigentliche, was ich aus der Bibel her sehen kann. Salz, etwas, was die Gesellschaft pfeffert und herausfordert, das vermisse ich. Und ich vermisse die Streitkultur. Wir müssen lernen, auf faire Weise miteinander zu streiten, uns über Inhalte auseinanderzsuetzen.

Wie stellen sie sich Kirche vor.

Kirche muss ein Gegenentwurf zur Gesellschaft sein, sie muss ein Stück anders sein. Christen haben eine Hoffnung, sie müssen deshalb nicht rückwärtsgewandt Altes festhalten, sondern können loslassen, weil sie wissen, dass nach dem Abend ein neuer Morgen kommt. Sie bleiben nicht bei den Problemen stehen, sondern suchen nach Lösungen, sie richten sich nicht ein, sondern gehen los – in eine sichere Zukunft.

Sie werfen der Kirche ja vor allem auch vor, sich zu sehr angepasst zu haben.

Das ist für mich das Zeichen einer menschgewordenen Organisation, die es sich im Alltag praktisch eingerichtet hat. Eine Organisation, die nur noch funktioniert, aber nicht mehr ihren eigenen Grundwert kennt und die eigentlichen Wurzeln auch nicht mehr spürt.

Welche Rolle würden Sie den Christen in einer sich verändernden Gesellschaft zuweisen?

Es täte ihnen gut, Freundlichkeit auszustrahlen. Herzlichkeit, Zugewandtheit, nicht verurteilen, sondern aktiv Anteil nehmen, zuerst zuhören, dann antworten.

Ist ihr Buch da eine Antwort auf die derzeit große gesellschaftliche Situation im Angesicht von Terror, Angst und Flüchtlingsströmen?

Das Buch schlummert schon länger in mir. Ich erlebe diese Probleme jetzt allerdings zunehmend. Als Konfliktberater habe ich es mit Problemen und Konflikten zu tun und merke, dass diese Konflikte in unserer Gesellschaft, aber auch bei Christen schärfer werden. Das Thema Angst steht bei vielen Menschen obenan, Angst vor der Zukunft und vor dem Ungewissen.

Welche Gruppen und Menschen kommen denn zu ihnen, um sich Hilfe und Rat zu halten?

Das sind Einzelpersonen, die ganz unterschiedliche Konflikte haben, vielleicht in schwierigen Situationen stecken. Aber ich berate auch bei Ehekonflikten, bei Konflikten innerhalb von Gemeinden und Gemeinschaften, wenn die Zusammenarbeit nicht mehr funktioniert und Menschen einfach nicht mehr miteinander zurecht kommen.

Sie sind selbst kirchlich engagiert. Stoßen sie mit ihrer Kritik auf offene Ohren?.

Schon. Ich merke, in der Kirche bewegt sich vieles, es ist nicht nur ein Brei. Es gibt Pfarrer und Gemeinden, die sich auf den Weg machen, Neues zu entdecken, eine neue Wärme auszustrahlen. Das größte Problem ist doch, dass wir bequem werden und dass alles erkaltet.

Jetzt hat ja gerade 2016 und im Jahr davor unsere Gesellschaft sehr viel Wärme gezeigt, wenn ich da nur das Thema Flüchtlingsaufnahme erwähne.

Die Frage ist ja, wie lange hält es an und wird es auch noch so warmherzig sein, wenn es schwierig wird und nicht so funktioniert, wie man es sich wünscht. Und neben den Flüchtlingen gibt es ja noch mehr Gruppen in unserer Gesellschaft, die diese Wärme brauchen. Der Nachbar in meiner Umgebung, sehe ich den? Wie geht es Kindern, Alten, Alleinerziehenden, Kranken.

Die Politik versucht diesbezüglich die Weichen zu stellen.

Das schon, aber ich sehe es so, dass es die Christen sind, die etwas ändern müssen. Wir dürfen nicht warten. Wir müssen handeln. Wir sollten unseren ganz speziellen Beitrag geben: Liebe und Wertschätzung.

Was raten Sie als Konfliktberater im Blick aufs neue Jahr? Welche Hoffnungen haben Sie ganz persönlich.

Ich wünsche mir, dass wir mehr mit großem Respekt mit anderen umgehen und rücksichtsvoll einander achten. Ich hoffe auf gute Begegnungen, aber ich hoffe für mich persönlich auch auf Begegnungen mit Gott.

Zur Vita von Johannes Stockmayer

Johannes Stockmayer, Jahrgang 1955, hat nach verschiedenen Praktika in Industrie und Landwirtschaft eine Ausbildung zum Gemeindediakon und Sozialpädagogen auf der Karlshöhe in Ludwigsburg absolviert. Nach 15 aktiven Gemeindejahren wechselte er 1993 in eine überregionale Arbeit im Bereich der Württembergischen Landeskirche. Seit 13 Jahren arbeitet der Neuhäuser freiberuflich als Konfliktberater. Außerdem ist er als Autor tätig und hat bereits 20 Bücher publiziert, 2016 das Buch „Christsein in nachchristlichen Zeiten“.