Schulpolitik Zu wenig Kinder für drei Systeme

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Metzingen / Simon Wagner 17.11.2013

„Wir können es uns nicht leisten, nicht zu handeln“, sagte Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD) während der Diskussion am Donnerstagabend, zu der der SPD-Kreisverband Reutlingen und der schulpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Klaus Käppeler, in die Mensa der Metzinger Schule eingeladen hatten.

„Man hätte schon viel früher planerisch reagieren müssen", kritisierte der Minister vor rund 70 Zuhörern die Vorgängerregierung und beschrieb den Handlungsdruck, der nun auf der grün-roten Koalition, aber auch auf den Schulen laste. Druck, den Stoch mit Zahlen belegte.

Er rechnet damit, dass die Schülerzahlen im Land bis zum Jahr 2025 weiter um rund 20 Prozent abnehmen. Mit dem Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung komme nun ein weiterer Faktor hinzu. Besuchten 2001 rund 40 000 Schüler die Hauptschulen im Land, waren es 2011 nur noch 23 000. Trotz der „hervorragenden Arbeit“, die dort geleistet werde, gebe es den Trend zumindest zum mittleren Bildungsabschluss. Diese Umstände im Sinn, sieht er dringenden Handlungsbedarf. Angesichts „verheerend geringer Geburtenraten“ machte er aus seiner Prognose kein Geheimnis: „Wir werden auf Dauer kein dreigliedriges Schulsystem aufrechterhalten können.“ Haupt- und Werkrealschulen werden in Zukunft nicht mehr die Rolle spielen, die sie es einmal inne hatten, verteidigte Stoch den regionalen Schulentwicklungsplan.

Vor diesem Hintergrund warb er für das Ablegen von Scheuklappen und um Vertrauen in die Gemeinschaftsschule. Sie könne nicht nur dazu beitragen, ein weiteres Schulsterben etwa in ländlichen Gebieten zu verhindern, sondern stelle auch Chancengleichheit her. Es gehe nicht um „Gleichmacherei“, sondern darum, Schüler nach individuellen Begabungen zu fördern. Kein Kind „zurückzulassen“ sei für ihn die Maßgabe, nicht etwa bildungspolitische Ideologie, betonte er. Um die Lehrer hierfür mit dem pädagogischen Rüstzeug auszustatten, plant er deren Ausbildung neu zu strukturieren. Ziel sei eine ausgewogene Balance zwischen pädagogischen, aber auch fachdidaktischen Inhalten. Bislang hapere es entweder an der einen oder anderen Stelle.

Ebenfalls in Planung ist die Ausweitung des Ganztagsbetriebs an Grundschulen. Zwar sagt Stoch: „Wir zwingen niemanden“, aber so der SPD-Politiker weiter, die Erfahrung bei rhythmisierten und gebundenen Angeboten zeige, dass Schüler so besser lernten. Wenn in ein solches Angebot zudem örtliche Vereine eingebunden seien, führe dies zu einer win-win-Situation, so sein Konter zum Vorwurf, ein schulischer Ganztagsbetrieb trage etwa zum Vereinssterben bei.

Als „nicht der Weisheit letzter Schluss“ wertet Stoch die 44 Gymnasien im Land, die das neunjährige Gymnasium ermöglichen. „Systemisch sinnvoll“ hält er dagegen ein paralleles Angebot, aufgeteilt auf Gemeinschaftsschulen (G9) und Gymnasien (G8). Durch Kooperationen von Gemeinschaftsschulen im ländlichen Raum könne es möglich sein, auch bei Unterschreitung der Mindestschülerzahl von 60, dort die Sekundarstufe II anzubieten.

Bei allen Umbrüchen und Reformen gab Stoch zu, dass sich die Realschulen zu Recht als „vergessenes Kind“ vorkommen müssten. Dabei seien besonders sie vom Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung betroffen: 40 Prozent der Realschüler wären in anderen Schulformen besser aufgehoben. Stoch versprach, für eine schrittweise Entwicklung zu kämpfen: Denn, hier wie dort: „Die Qualität steht an erster Stelle.“ Eine Lanze brach er auch für berufliche Schulen und kritisierte gleichzeitig die Tendenz der „Akademisierung“. Ein Ausbildungsberuf sei bei Weitem keine Sackgasse, hielt er fest.

„Ich hoffe bald mehr über Inhalte statt über Strukturen sprechen zu können“, erwiderte Stoch auf den entsprechenden Wunsch von Metzingens OB Ulrich Fiedler. Als Rathauschef und Schulträger wünscht er sich „verlässliche Planungsgrundlagen.“ In einem sind sich aber beide einig: Bildung ist eine der zentralen, gesellschaftlichen Zukunftsaufgaben.

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