Internet-Livestreams aus Opernhäusern ins Kino sind im Kommen. Etwas Ähnliches hat die Württembergische Philharmonie Reutlingen (WPR) entwickelt und nun dafür die Auszeichnung „Innovatives Orchester“ erhalten: das „Netz-Werk-Orchester“, ebenfalls ein Musik-Livestream, jedoch für Schüler, aufs Land und – vor allem – interaktiv! Beide Seiten können sich gegenseitig sehen und hören.

An Schüler im ländlichen Raum gerichtet

Adressaten sind Schüler im ländlichen Raum, etwa auf der Alb, für die Konzertbesuche quasi unmöglich sind; sie werden per Livestream und Quizshow an die Orchestermusik herangeführt. Die persönliche Verbindung zwischen dem probenden Orchester und den „Mitspielern“ stellt ein junges Moderatorenteam im Studio der Philharmonie und eine Moderatorin vor Ort her. Als Regieassistent fungiert Oliver Hauser, Musikvermittler der WPR und Mit-Initiator des Projekts. Nach Münsingen und Trochtelfingen war nun Zainingen an der Reihe.

Zwei Gruppen im Wettstreit

In der dortigen Mehrzweckhalle traten nun jedoch keine Zaininger an, sondern Mitglieder der Jugendkapelle des Musikvereins Bad Urach und Schüler der Musikschule Bad Urach, begleitet von ihren Leitern sowie einem kleinen, begeisterungsfähigen Publikum. Vier „griffige“ Orchesterstücke von Bernstein, Saint-Saëns, Glasunov und Glière, dirigiert von Gastdirigent Thomas Herzog, boten Stoff für Aufgaben und Ratespiele; im Reutlinger Studio führten die Schülerinnen Amelie und Malin durchs Programm, in Zainingen moderierte gewandt Anuschka Wagner.

Wie klingen klappernde Skelette?

Während das Orchester im Reutlinger Studio und auf der Zaininger Leinwand die Ouvertüre zu „West Side Story“ spielte, stellten die Rateteams die Sitzordnung in farbigen Karten nach, bei „Tonight“ zählten sie falsche Töne, in der „Danse macabre“ sortierten sie die Handlung – wie klingen die klappernden Skelette? –, eine Melodie wurde auf bunten Röhren nachgespielt, und zwischendurch wurde der Spieß umgedreht: Die Orchestermusiker durften kurze Geschichten erraten und bewerten, die die Schüler auf witzigen Klanggeräten vor der Kamera aufführten. Auch das Publikum wurde einbezogen: Dirigent Thomas Herzog brachte ihm den Viererschlag bei.

In Göteborg gibt’s keine Brezen

Zwischendurch interviewten Amelie und Malin einzelne Musiker. „Warum spielen Sie lieber in Reutlingen als anderswo?“ – „Die WPR ist experimentierfreudig, und in Göteborg gibt’s keine Brezen.“ Einmal musste mittendrin ein „Standbild“ überbrückt werden; überhaupt erwies sich die Technik als nicht ganz zuverlässig: Der Ton kam früher in Zainingen an als das Bild, manchmal störten Ton-Dopplungen. Die zwei Instrumentalschülergruppen lösten ihre Aufgaben bewundernswert gut, nur wenige Punkte fehlten, und das Publikum war voll des Lobes.

Feines Gehör bewiesen

Wer hätte beispielsweise kurz vor Schluss in einer unübersichtlichen Orchesterpartitur – wohlgemerkt: ohne Angabe der Instrumente – die herausgefunden, die gerade nicht musizierten? Zum Schluss war die WPR mal ganz anders, nämlich als Kazoo-Orchester gefordert, die Siegergruppe erhielt zu Tanzmusik-Klängen die „WPR-Trophy“, und nun darf man gespannt sein auf die nächste Runde, die im Februar zeitgleich in Reutlingen und Münsingen über die Bühne geht.

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Teams aus Bad Urach glänzten während des Livestreams der Württembergischen Philharmonie Reutlingen nach Zainingen mit viel Musikwissen und lösten zahlreiche Aufgaben.