Neckartenzlingen / SWP  Uhr
In einem Vortrag in der Alten Schule in Neckartenzlingen ging Prof. André Reichel der Frage nach: "Wieviel Wachstum brauchen wir?" Der Ökonom fordert, über neue Modelle des Wachstums nachzudenken.

In einer sehr gut besuchten Veranstaltung in der Alten Schule in Neckartenzlingen mit dem Titel "Wieviel Wachstum brauchen wir?" erläuterte Prof. André Reichel seine Erkenntnisse zum derzeitigen, auf Wachstum angewiesenem Wirtschaftssystem.

Der Postwachstumsökonom an der Karlshochschule International University in Karlsruhe und Regionalrat der Region Stuttgart für Bündnis 90/Die Grünen, erwies sich als ein ausgewiesener Fachmann für diese Fragestellung.

In seinem Vortrag erläuterte er zunächst den Begriff Wachstum, der jedoch nichts mit Glück und Zufriedenheit zu tun habe. In der öffentlichen Diskussion meine Wachstum immer das wirtschaftliche Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) - also das finanzielle Wachstum. Von da aus ging er auf die kritischen Entwicklungen des Wachstumszwangs ein, wie zum Beispiel die Erfindung von neuen, undurchsichtigen Finanzprodukten, um die Rendite des Geldes zu steigern oder die Ausbeutung von Rohstoffen unter immer umweltschädlicheren Förderbedingungen.

Die Grenzen des Wachstums auf Grund begrenzter Rohstoffe hat in den 1970er Jahren schon Richard Meadows in seinem aufsehenerregenden Bericht an den Club of Rome aufgezeigt, so Reichel. Neue wissenschaftliche Untersuchungen würden inzwischen die damaligen Szenarien bestätigen. Das von seiner eigenen Partei propagierte Grüne Wachstum als Lösung des Problems funktioniert laut Reichel vielleicht in Teilen in Deutschland, weltweit trägt es aber nicht zur Lösung bei.

So habe man es in Deutschland zwar geschafft, die derzeitige Steigerung des BIPs bei gleichbleibendem Energieverbrauch zu schaffen, von einer Reduzierung des Energieverbrauchs sei man aber noch weit entfernt. Global gesehen ist dieser Weg aus Sicht von Reichel durch den Aufholungsprozess und das Bevölkerungswachstum der aufstrebenden Länder des Südens nicht erfolgsversprechend. "Wir müssen über neue Strategien jenseits dem immerwährenden Wachstumszwang nachdenken", führte André Reichel weiter aus. Hier sieht er neue Modelle der Gemeinwohlorientierung, des gemeinschaftlichen Handelns und unentgeltlichen Wirtschaftens als einen ersten Weg - also Modelle bei denen eine Leistung mit einer Leistung und nicht mit Geld "bezahlt" wird. Als Beispiele führte er das Urban Gardening Projekt im Züblin-Parkhaus in Stuttgart und den österreichischen Tauschring "Talente" an. Dann sei aber zu klären, wie zukünftig der Staat sich und seine Aufgaben finanzieren soll, ist doch das aktuelle Steuermodell darauf ausgerichtet Gewinne und Einkommen aus Erwerbsarbeit zu besteuern. Bei einer Reduzierung der entgeltlich erbrachten Arbeit würden dem Staat weniger Mittel zur Verfügung stehen. Reichel hält es deshalb für dringend angebracht über eine sozial-ökologische Steuerreform nachzudenken, die Ressourcenverbrauch und Vermögen besteuert.

Zum Schluss gefragt, was man denn tun könne, empfahl André Reichel: "Warten sie nicht, bis jemand von oben sagt, wie es geht oder was zu tun ist. Werden sie selbst aktiv." Walburga Duong vom Veranstalter, dem Ortsverband Aichtal-Neckartal Bündnis 90/Die Grünen, versprach, dass der Ortsverband sich weiter mit diesem wichtigen Thema auseinandersetzen werde.