St. Johann Wie Funksignale aus dem All

Übersee-Connection von St. Johann nach St. John's in Kanada: 1. Deutsches Stromorchester auf der Hohen Warte.
Übersee-Connection von St. Johann nach St. John's in Kanada: 1. Deutsches Stromorchester auf der Hohen Warte. © Foto: Spiess
St. Johann / JÜRGEN SPIESS 18.09.2015
Wie Morsesignale oder Sinustöne aus dem All: Am Mittwoch gab das 1. Deutsche Stromorchester ein Konzert auf der Hohen Warte bei St. Johann. Dabei baute es eine transatlantische Brücke nach Neufundland.

Es ist, als hätten befreundete Musiker zu einer kleinen Klanglabor-Party an einem ungewöhnlichen Ort gebeten. Gelb gekleidete Performer wandeln durch den engen Treppengang, hören mit Trichtern die Steinwände ab, auf dem Rücken haben sie kleine Verstärker umgeschnallt. Sinustöne und schwebende Geräusche kriechen das Mauerwerk empor, begleitet von Trompetenklängen und hämmernden Morsesignalen.

Wir befinden uns im Aussichtsturm auf der Hohen Warte oberhalb des Gestütshofs St. Johann. Nach einem 15-minütigen Fußmarsch durch den Wald mutet das Konzert mit elektronischen Klangerzeugern wie ein unwirkliches Spiel an.

Ein Spiel mit der Realität und seiner Assoziation, mit offensichtlichen und unsichtbaren Koordinaten. Ein Spiel mit elektrischer Spannung und Ikonen der elektronischen Musik. Das 1. Deutsche Stromorchester setzt auf die Neugier und das Interesse des Publikums, das sich in überschaubarer Zahl eingefunden hat.

Sie sind gekommen um zu erleben, wie sich Strom zum Klingen bringen lässt, wie durch Mini-Quadrophone, mobile Synthesizer, Trompete, Harmonika, Bassklarinette, Rasierapparat, Fön und Laubsauger Musik entsteht. Aus allen Ecken des Treppenaufgangs erklingen Synthieklänge und Morse-Geräusche, fast wähnt man sich auf einem Konzert des legendären Mike Oldfield. Der 47-jährige Kölner Trompeter Rochus Aust ist der Komponist und Kopf des am Mittwoch siebenköpfigen Ensembles.

Mit seinem Stromorchester tourt er seit Mai diesen Jahres durch die ganze Welt, um Orte gleichen Namens auf verschiedenen Kontinenten elektronisch miteinander zu verbinden. Im russischen Moskau und amerikanischen Moscow ist das Ensemble ebenso aufgetreten wie in Rom, Montreal, Paris, New York, Amsterdam und ihren jeweiligen Namensgeschwistern. Jeder Ort hat ein individuell auf ihn zugeschnittenes Instrumentarium, und auch die Musik ist jedes Mal ganz unterschiedlich. Das elektronische Pendant zu St. Johann ist das gleichnamige Städtchen St. John's im kanadischen Neufundland.

Gespielt wird hier wie dort Rochus Austs 9. Sinfonie mit einem Instrumentarium, das mit nur 120 Volt betrieben wird.

Beim Konzert in Neufundland stellte sich Aust die Frage, was passiert mit dem Energiegefälle zwischen Kanada und Deutschland, wenn ein Adapter wissentlich weggelassen wird - wo doch das Instrumentarium in Deutschland mit 230 Volt und überwiegend mit Batterien betrieben wird.

Das Ergebnis erlebten nun die Besucher bei einem 35-minütigen Konzert. Die gelb gekleideten Musiker Rochus Aust, Heinz Friedl, Fosco Perinti, Oxana Omelchuk, Tobias Hartmann, Bosco Pohontsch und Florian Zwissler drehen an alten 70er-Jahre-Synthesizer-Reglern, hacken in Laptops, wandeln mit dem Fön am Ohr die Treppenstufen empor und halten Klangtrichter an die Steinwände.

Und tatsächlich gelingt es, wabernde, weiche Klänge zu produzieren und eine Dramaturgie des Intimen, des ineinander Verschmelzens zu entwickeln.

Das Zusammenspiel von elektrisch betriebenen Alltagsgegenständen sowie Trompete, Bassklarinette, Harmonika und elektronischen Musikinstrumenten kreiert ein Werk voller utopischer Ideen. Ein Werk der Konzentration, der Komprimierung, zugleich aber eines, das die Klangzonen ausweitet, einen weiten Atem in sich birgt und diesen Atem immer wieder in sich selbst aufspürt.

Die Musik entwickelt sich in konzentrischen Kreisen, als behutsames Hineintasten in Töne, Klänge, Linien - bis hin zum Amorphen, beinahe Tonlosen. Das 1. Deutsche Stromorchester ist eine durchweg spannungsreiche Angelegenheit von monoton über filigran bis überwältigend. Am Ende gibt es für diese "ortsspezifische Intervention transatlantischer Funkwellen", wie es Orchesterleiter Rochus Aust nennt, langen Applaus.

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