Metzingen Wie die Welt von oben aussieht

Hülben / Von Peter Kiedaisch 08.11.2018

Na ja, im Grunde ist es Ansichtssache. Ein Passagier von Frieder Haas beschreibt es so: „Beim Landeanflug stand das Flugzeug fast komplett quer.“ Das war dem Seitenwind geschuldet, jedenfalls erhöhte es Puls und Blutdruck des Mannes auf dem Sitz neben dem Piloten in einem Maße, wie er es sonst nur kurz vor einer Zahnwurzelbehandlung kennt. „Schau doch mal nach vorne“, wollte er zum Piloten sagen, beließ es aber bei der vorsichtigen Feststellung: „Wir sind ganz schön schief unterwegs.“ Aber vollkommen normal. Genauso wie das Gefühl des Durchsackens, aber nicht nur gerade nach unten, sondern seitlich versetzt: „Wer auch immer das Ding gebaut hat“, beschrieb es der Mitflieger hinterher nach dem Aussteigen, „der muss sich mit Physik auskennen.“

Bestimmt ist es so. Dass Flugzeuge da oben bleiben, ist tatsächlich eine trickreiche Angelegenheit, bei der es darum geht, die Schwerkraft zu überwinden. Aber es funktioniert. Der Dettinger Frieder Haas ist 25 Jahre alt. Als Kind war er mal während des Sommerferienprogramms in Glems beim Flugsportverein Roßfeld. Segelfliegen! Das wollte er auch. Aber für den Schein war er damals noch zu jung, und so verwarf er diesen Gedanken wieder. Erst ein Kumpel machte ihm Jahre später Appetit aufs Fliegen. Er nahm ihn mit im Ultraleichtflugzeug der Fliegergruppe Hülben. Das war’s. Die Initialzündung. Es dauerte dann nicht mehr lange, und Frieder Haas büffelte die Theorie und übte sich in der Praxis, er nahm Flugstunden und bestand seine Prüfungen. Seit drei Jahren darf er Ultraleichtflugzeuge fliegen. In der Welt der Fliegerei erfreuen sich Ultraleichtpiloten an der relativ simplen Logistik dieses Hobbys: „Kommen, fliegen, gehen“, nennt es Frieder Haas. Während Segelflugpiloten ein ganzes Helferteam benötigen, um in die Luft zu kommen, setzt er sich in sein 470 Kilogramm schweres Fluggerät und hebt ab.

Beim Start beginnt das Kribbeln, wie er es beschreibt: „Wenn ich den Gashebel reinschiebe. Der Flieger wird immer schneller, dann beginnt er zu springen, und irgendwann ist er weg.“ In Hülben startet er meist in Richtung Tal. Es geht leicht bergab, sobald er etwas an Höhe gewonnen hat, überfliegt er den Albtrauf, und unter ihm tut sich die Tiefe auf. Schlagartig. Wer das nicht kennt, zuckt da als Passagier gern mal zusammen und beschreibt dieses Gefühl als atemberaubend oder beeindruckend. Frieder Haas hat dann die Wahl, er kann nach rechts abdrehen ins Neuffener Tal oder geradeaus übers Ermstal fliegen. In jedem Fall hat er gleich nach dem Start ordentlich Höhe. Das ist immer gut, denn Höhe bedeutet für Flieger Sicherheit. Im Falle eines Falles bleibt dann noch Zeit zu reagieren.

Seinen ersten Alleinflug hat er noch gut in Erinnerung: „Ich war plötzlich so allein da oben.“ Kein Grund zur Panik, im Gegenteil, weitab des Trubels hört er kein sinnloses Geplapper, „und die Sorgen der Welt da unten interessieren mich nicht mehr.“ Ganz so relaxed geht er es freilich doch nicht an: „Es ist schon anders als in der Hängematte zu liegen.“ An manchen Tagen ist nämlich auch da oben einiges los, oder wie er es sagt: „Es ist voll in der Luft.“ Als Pilot schaut man ständig um sich, achtet auf andere Flugzeuge, auf Wolkenformationen, auf den Wind. So eine Böe kündigt sich nicht an wie etwa ein Schlagloch, das Autofahrer schon aus 100 Meter Entfernung erkennen und ihm ausweichen können. Eine Turbulenz kommt schlagartig, „dann erschrickt man geschwind“, sagt Frieder Haas, der aber glaubt, im Laufe der Jahre gelassener zu werden. Fliegen hat ja auch viel mit Erfahrung zu tun. Er vergleicht es gerne mit dem Unterschied zwischen Auto- und Motorradfahren. Vom Auto zum Motorrad nimmt der Stress zu. Dennoch genießen Motorradfahrer ihre Ausfahrten mehr. Fliegen ist nochmals anspruchsvoller, schließlich, so Haas, kommt die dritte Dimension dazu. Dafür aber wird er da oben entschädigt. Der Ausblick, die Weite, die Tiefe, das Erhabene: All das kann er in ein paar hundert Metern Höhe erleben, als sei der Traum vom Fliegen Wahrheit geworden. Aber das ist er ja auch längst! Flugpioniere wie die Gebrüder Wright oder Otto Lilienthal haben die Sache mit der Physik und dem Auftrieb durchschaut. Und Liedermacher Reinhard Mey hat dem Fliegen eine Ode gewidmet: „Wind Nord/Ost, Startbahn null-drei, bis hier hör‘ ich die Motoren, wie ein Pfeil zieht sie vorbei, und es dröhnt in meinen Ohren.“

Doch irgendwann geht es auch für Frieder Haas wieder nach unten. Beharrlich kommt der Albtrauf näher, die schroffe Kante ängstigt seinen Passagier, dann kommt der Seitenwind hinzu, der die leichte Maschine quer stellt, und der Mann rechts neben dem Piloten äußert vorsichtige Zweifel, ob die Sache gut ausgehen möchte. Wenige Sekunden später setzt Frieder Haas sein Ultraleichtflugzeug auf. Es hoppelt, wird langsamer und rollt dem Hangar zu. Dort bleibt die kleine Maschine dann stehen, bis sie mal wieder abhebt und schwebt, und vielleicht sogar der Sonne entgegen.

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