Metzingen Wheelmap-Projekt: Gut zu Rad in der Stadt

Robin Moreira (links) und Felix Dlugosch beim Ausmessen der Stufenhöhe.
Robin Moreira (links) und Felix Dlugosch beim Ausmessen der Stufenhöhe. © Foto: Robin Moreira (links) und Felix Dlugosch beim Ausmessen der Stufenhöhe. Foto: Nicole Wieden
Metzingen / Von Nicole Wieden 20.07.2018

Um in den Blumenladen an der Schönbeinstraße einzutreten, müssen nur zwei kleine Stufen erklommen werden. Um selbstständig hineinzukommen, ist das für einen Rollstuhlfahrer allerdings eine zu viel. Damit das mit dem Blumenkauf trotzdem klappt, trägt die Floristin in einem solchen Fall einige ihrer Produkte nach draußen. Und falls der Rollstuhl nicht zu schwer ist, gelingt es mit vereinten Kräften vielleicht doch, den Kunden in den Laden zu bringen.

Ob die Blumenhandlung damit doch noch als eingeschränkt barrierefrei deklariert werden kann, darüber werden Felix Dlugosch und Robin Moreira heute, am letzten Tag des „Wheelmap“-Projektes, noch einmal mit ihren Mitschülern diskutieren. Denn seit Dienstag sind 15 Acht- und Neuntklässler der Schönbein-Realschule im Rahmen einer Projektwoche in kleinen Gruppen unterwegs, um die Metzinger Innenstadt auf ihre Barrierefreiheit für Rollstühle und Rollatoren zu testen.

Ihre Ergebnisse werden die Schüler heute auswerten und anschließend in das Kartenmaterial der App „Wheelmap“ integrieren. Mit ihr können in Zukunft auch in Metzingen ortsfremde Rollstuhlfahrer anhand ihres Smartphones feststellen, welche Geschäfte für sie zugänglich sind.

Auf der Inspektionstour begleitet werden die Schüler von ihrer Lehrerin Sarah Bieber und der Metzinger Inklusionsbeauftragten Ute Kern-Waidelich, die das Projekt gemeinsam betreuen. Unterstützung erhalten sie außerdem von Silvana Gentile-Schneider. Die Stuttgarterin ist auf einen Rollstuhl angewiesen und hat sich bereits in der Vergangenheit bei diversen Projekten rund um das Thema Barrierefreiheit ehrenamtlich engagiert. Auf dem Rundgang durch die Stadt schärft sie den Blick der Jugendlichen und erklärt, wo der Eintritt schwer fällt oder sogar unmöglich ist.

Dabei ist das Ergebnis für die Metzinger Innenstadt durchwachsen, nach persönlicher Einschätzung von Sarah Bieber aber dennoch erfreulicher als erwartet: „Bei den Neubauten sind die Zugänge immer ebenerdig, aber bei den Altbauten sieht das nunmal anders aus.“ Aufgrund der erhöhten Keller nämlich führen bei diesen Gebäuden häufig mehrere Stufen zum Eingang. „Da kann man bautechnisch nicht viel machen“, hält Bieber nüchtern fest.

Bei ihrer Inspektion gehen die Schüler routinemäßig vor, wobei zunächst die Zugangsmöglichkeiten überprüft werden. Führen tatsächlich mehrere Stufen zur Tür, erkundigt man sich nach einem möglicherweise barrierefreien Hintereingang. Handelt es sich dagegen um nur eine Stufe, legen die Schüler den Maßstab an: Bei einer Höhe von weniger als sieben Zentimetern können Rollstuhlfahrer selbstständig die Stufe überwinden. Wird diese Maximalhöhe überstiegen, kann mit einer mobilen Rampe einfache Abhilfe geschaffen werden.

Im zweiten Schritt wird nun der Eingang ins Visier genommen: Ist die Türe breit genug, um den Rollstuhl samt Fahrer hineintragen zu können? Welches Gewicht hat die Türe oder öffnet sie sich womöglich automatisch? Ähnlich geht es im Innenbau weiter. Hier halten die Schüler Ausschau nach Stufen, schätzen im Gespräch die Hilfsbereitschaft der Verkäufer ein und erkundigen sich nach einem rollstuhlgerechten WC.

All diese Informationen werden notiert und im Anschluss von den Schülern bewertet: „Die drei Tage in der Stadt haben meinen Blick verändert“, bemerkt Felix Dlugosch. „Mir fallen jetzt Dinge auf, über die ich vorher nicht nachgedacht habe.“

Wheelmap.org: Rollstuhlgerechte Orte finden

Auf Initiative des Rollstuhlfahrers Raul Aguayo-Krauthausen haben die „Sozialhelden e.V.“ im Jahr 2010 die App „Wheelmap“ entwickelt. Dabei handelt es sich um eine Onlinekarte zum Suchen, Finden und Markieren rollstuhlgerechter Orte. Anhand des Ampelsystems werden die eingetragenen Orte in Bezug auf ihre Barrierefreiheit bewertet: Grüne Markierungen weisen auf voll zugängliche Orte hin, gelbe auf eingeschränkt zugängliche, rote auf vollständig unzugängliche. Mittlerweile haben die Nutzer mehr als 860 000 Orte eingetragen. Die App bietet weltweites Kartenmaterial, wobei derzeit etwa ein Drittel aller bestehenden Markierungen außerhalb Deutschlands liegen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel