Wie gefährlich ein Gewitter werden kann, haben die Bürger im Landkreis Reutlingen am 28. Juli 2013 erlebt. Das Unwetter, das an jenem Sonntagnachmittag über die Region hereingebrochen ist, hat einen materiellen Schaden von mehr als 1,3 Milliarden Euro hinterlassen. Riesige Hagelkörner krachten damals wie Geschosse gegen Hausfassaden, durchschlugen Dachziegel und Fenster, demolierten Autos und vernichteten Teile der Ernte. Seither sitzt manchem Ermstäler die Angst vor einem erneuten, schweren Hagelschlag im Nacken, wenn über dem Roßfeld und der Alb der Donner grollt und die Blitze zucken.

Droht uns ein Sommer mit Hitzewellen und Unwettern?

Noch scheint im Südwesten alles in Ordnung. Für die kommenden Tage sind viel Sonne, blauer Himmel und Temperaturen bis zu 29 Grad vorhergesagt - es bleibt freundlich und sehr warm. Noch wärmer soll es bis zum Wochenende werden. Am Freitag könnten laut dem Deutschen Wetter Dienst Maximaltemperaturen von bis zu 37 Grad erreicht werden. Selbst nachts können die Temperaturen örtlich bei mehr als 20 Grad liegen.
Doch das Wetter ist derzeit zweischneidig. So zu sehen in Bayern. Dort hatte es am Dienstag ein schweres Unwetter gegeben, das vor allem bei Regensburg Dächer abdeckte, Bäume umstürzten lies und zahlreiche Menschen verletzte. Der US-Wetterdienst „Accuweather“ warnt laut Medienberichten vor Hitzewellen und schwere Unwetter über den Sommer hinweg in gesamt Europa. Ganz so dramatisch wird es jedoch nicht werden. Wie sich herausstellte bewertete der amerikanische Wetterdienst Europa als eine einzige große Klimazone.
Was es mit dem aktuellen Wetter tatsächlich auf sich hat erklärt der Deutsche Wetter Dienst in einem Video:

Youtube

Inzwischen ist die Region Reutlingen besser gewappnet als vor sieben Jahren: Schnell nach dem Unwetter entstand der Verein zur Hagelabwehr für den Landkreis Reutlingen, der inzwischen rund 1100 Mitglieder hat, wie dessen Erste Vorsitzende Gabriele Gaiser erklärt.

Wie funktioniert der Hagelflieger und wie kann er Hagel verhindern?

Die drei Piloten, die im Auftrag des Hagelfliegervereins abwechselnd im Cockpit sitzen, fliegen bei ihren Einsätzen unterhalb der Wolkendecke und verbrennen dabei Silberjodid.
Dadurch entstehen kleinste Staubpartikel, die direkt in die Wolken gezogen werden. „Das funktioniert wie bei einem Aufzug“, erläutert Günter Hau. An die Staubpartikel lagern sich sofort die Wassertropfen an, die sich in den Gewitterwolken befinden. Je mehr Partikel vorhanden sind, desto mehr Möglichkeiten gibt es für die Wassertropfen, sich anzulagern. Gibt es dagegen nur wenige Partikel, verteilen sich die Tropfen auf diese wenigen Kristallisationskerne, dadurch entstehen entsprechend große Hagelkörner. Bleiben die Hagelkörner dagegen klein, schmelzen sie im besten Falle auf ihrem Weg nach unten und kommen als Regen am Boden an.
Das Silberjodid wird während des Einsatzes komplett verbrannt, Rückstände gibt es nicht, es entstehen lediglich die feinen Staubpartikel. Deren Konzentration in der Luft sei freilich so minimal, dass sie kaum nachweisbar seien.

Für ausreichend Arbeit, braucht der Verein zur Hagelabwehr noch Mitglieder

Die Stadt Metzingen und die Gemeinde Grafenberg unterstützen die Vereinsarbeit ebenso wie die Weingärtnergenossenschaft Metzingen-Neuhausen. Dennoch können die Piloten auch in diesem Jahr nur rund sechs Wochen lang fliegen, erklärt der zweite Vorsitzende des Vereins, der Neuhäuser Günter Hau. Denn der Verein hat nicht genug Geld, um die gesamte Saison, die von Mai bis September dauert, abzudecken. Damit die komplette Zeit finanziert werden kann, bräuchte der Verein um die 3000 Mitglieder, da pro Tag zwischen 800 und 900 Euro für den Hagelflieger bezahlt werden müssen, erläutern Gaiser und Hau. Um eine komplette Saison abdecken zu können, werden also pro Jahr rund 130 000 Euro benötigt.
Das Flugzeug, das im Fall der Fälle über dem Kreis Reutlingen zum Einsatz kommt, ist angemietet und steht aufgetankt am Stuttgarter Flughafen bereit. Die Piloten, die eine Zusatzausbildung als Hagelflieger absolviert haben, sind per App mit dem Deutschen Wetterdienst verbunden und beurteilen anhand der Daten, ob und wann sie starten. Zwei Mal hob das Flugzeug in der laufenden Saison bereits ab, zuletzt am 1. Juli.

Mitglied werden


Mitglied im Verein zur Hagelabwehr für den Landkreis Reutlingen können Privatleute, Vereine, Verbände, Kommunen und Firmen werden. Pro Jahr bezahlt eine Privatperson einen Mitgliedsbeitrag von 20 Euro, Vereine bezahlen 50 Euro, Kommunen je Einwohner 25 Cent. Die Beitragshöhe für Firmen hängt von der Zahl der Beschäftigten ab, wer bis zu zehn Anstellte hat, der zahlt 50 Euro. Der Mitgliedsantrag ist zu finden unter www.hagelabwehr-lk-reutlingen.de. Dort gibt es auch weitere Informationen über den Verein. Infos über die Arbeit des Vereins und über die aktuellen Einsätze des Hagelfliegers gibt es auch auf Facebook unter Hagelabwehr für den Landkreis Reutlingen.