Was für manche ein Traumberuf ist, ist für andere frühes Aufstehen oder zu flexible Arbeitszeiten. Der Lehrstellenmarkt hat in den vergangenen Jahren kleine Veränderungen durchgemacht. Viele Handwerksberufe werden unbeliebter und es finden sich schlichtweg nicht genügend Auszubildende. Bei den Industrie- und Handelsberufen sieht es nicht ganz so schwierig aus, wobei es bereits einen merklichen Wandel gibt.  So lassen die Ausbildungszahlen in den Bereichen Versicherung, Druckgewerbe und bei Banken nach, wie die Industrie- und Handelskammer (IHK) Reutlingen bekanntgab. Leicht rückläufig seien zudem die Lehrstellen im Handel.

Einen Grund für die Negativentwicklung sieht Petra Brenner, Bereichsleiterin Ausbildung bei der IHK Reutlingen, bei der derzeit schwierigen Situation der Banken. „Der Beruf der Bankkauffrau war immer beliebt, aber er wird immer weniger angeboten.“

Positiv ist jedoch der allgemeine Anstieg der Lehrstellen im Landkreis Reutlingen. 1054 Ausbildungsverträge wurden bis zum 31. August registriert, das sind 0,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Außerdem verzeichnen die Landkreise Tübingen und Zollernalb ebenfalls einen Zuwachs. Insgesamt sind es 2,7 Prozent mehr Ausbildungsverträge, die sich im technischen Bereich auf 869 Stellen und 1460 in kaufmännische Berufe aufteilen. Einen Zuwachs hat es laut Petra Brenner in der Elektrotechnik, der Textil- und Bekleidungsindustrie gegeben. „Es sind aber noch Stellen unbesetzt.“ Am Freitag, 16. September, gibt es bei der Arbeitsagentur in Reutlingen von 13.30 bis 17.30 Uhr eine Nachvermittlungsaktion, an der sich die IHK beteiligt.

Etwas weniger positiv sieht es hingegen in den handwerklichen Berufen aus. Karl-Heinz Goller, Abteilungsleiter  für den Bereich Ausbildung bei der Handwerkskammer (HWK) Reutlingen, bestätigt, dass in fast allen Branchen Nachwuchs gesucht wird. Besonders stark trifft es den Lebensmittelbereich, dort herrsche ein großer Mangel an Auszubildenden, so Goller. Ein Grund für den Rückgang sieht er in der Grundschulempfehlung und dem Wunsch, eine lange schulische Ausbildung zu absolvieren. „Abitur und Studium sind heute die Ziele“, erklärt der Abteilungsleiter, „aber dabei fällt die duale Ausbildung hinten runter.“ Außerdem stellen sich viele Auszubildende die Frage, ob sie lieber bei einem Großunternehmen oder einer kleinen Firma in die Lehre gehen. Die Jugendlichen würden sich weitaus weniger mit handwerklichen Berufen auseinandersetzen, was Goller bedauert. Dabei sei die duale Ausbildung ein guter Weg zu studieren und gleichzeitig eine Fachausbildung zu absolvieren. „Es muss nicht nur Häuptlinge geben, sondern auch Indianer.“ Über 40 Prozent der Auszubildenden verfügen über die mittlere Reife, 15 Prozent über ein Abitur und etwa 40 Prozent über einen Hauptschulabschluss. „Vor zehn Jahren sah das noch anders aus“, erklärt Goller. Mit rund 75 Prozent waren die meisten Azubis Hauptschulabsolventen.

Positiv wertet er aber die langsame Auflösung der typischen Jungen- und Mädchenberufe. „Zunächst waren es Einzelfälle, aber die nehmen in jeder Branche zu.“ Trotz aller Bedenken und Schwierigkeiten ist die Zahl der Ausbildungsverträge im Landkreis Reutlingen auf 609 gestiegen, was 1,3 Prozent entspricht. Insgesamt verzeichnet die Handwerkskammer aber einen Rückgang. Im vergangenen Jahr waren es noch 1932 neue Lehrverträge, im September 2016 sind es 2,4 Prozent weniger, also 1885.

Flüchtlinge in Ausbildung ist sowohl bei der IHK wie auch bei der HWK ein Thema. Beide Institutionen sprechen sich dafür aus, dass gute Sprachkenntnisse der Schlüssel für eine gute Ausbildung sind. Die Zahl der Lehrstellen, die an Flüchtlinge vergeben worden, ist bisher gering.

Entgegen der Statistik sind Berufe im  Hotel und der Gastronomie zumindest im „Schwanen“ in Metzingen beliebt. Etwa 50 Bewerbungen erhielten Dieter und Anna-Maria Wetzel. Zwölf Azubis haben nun ihre Lehre begonnen. Vier Köche, eine BA Studentin und sieben Hotelfach- und Restaurantfachfrauen. Aber wie schafft es ein Unternehmen konstant viele Bewerbungen zu erhalten? Selbstverständlich habe dies verschiedene Gründe, aber allem voran stehe der Ruf des Unternehmens im Fokus für die Suchenden, erklärt Geschäftsführer Dieter Wetzel. „Die angehenden Azubis informieren sich darüber wer wir sind, was wir anbieten und welchen Stil wir haben“, so Wetzel weiter. Aber auch eine aussagekräftige Präsenz in den sozialen Netzwerken ist von Vorteil. Ein weiterer Faktor ist die Betreuung der Auszubildenden. So gibt es gemeinsame Ausflüge, einen Ansprechpartner für jeden Azubi und individuelle Förderung durch den Arbeitgeber. „Wir bilden auch mit dem Wissen aus, dass wir in naher Zukunft Fachkräfte benötigen“, sagt Dieter Wetzel. Die Übernahmechancen sind also gegeben. Flexible Arbeitszeiten gibt es in der Gastronomie, wie in vielen weiteren Berufen, merken Anna-Maria und Dieter Wetzel an. Noah Keno-Hell ist mit der Arbeitsatmosphäre im Schwanen absolut zufrieden. „Die Leute sind gut drauf“, so der 20-jährige Koch-Azubi. „Ich wollte mit Menschen arbeiten“, erklärt Filloreta Osmanaj. Die 19-Jährige macht eine Ausbildung zur Hotelfachfrau mit Zusatzqualifikation. Mit Ehrgeiz und Freude geht Madeleine Lang im Schwanen an die Arbeit. Sie hat ebenfalls nur Lob übrig und hofft, dass sie im Restaurantfach gute Leistungen bringt.

Lehrstellenbörse

Für alle, die noch auf der Suche nach der passenden Ausbildung sind, bieten die Handwerkskammer und die IHK Reutlingen je eine Lehrstellenbörse. Unter www.hwk-reutlingen.de/fileadmin/hwk/php/xlehrstellenboerse.php oder www.ihk-lehrstellenboerse.de/ gibt es die Möglichkeit, sich über offene Lehrstellen und Praktika zu informieren. Außerdem hilft der „Lehrstellenradar“ für Smartphones weiter.