Die Woche Peter Kiedaisch über die Sommerzeit und die Normalität Wem die Sonne scheint

Peter Kiedaisch.
Peter Kiedaisch. © Foto: Thomas Kiehl
Metzingen / Von Peter Kiedaisch 15.09.2018

Was ist schon normal? Diese Frage beschäftigt die Menschheit, seit die ersten Linkshänder die Theaterbretter dieser Welt betreten haben. Aber so wenig wie damals erwartet heute jemand eine ernsthafte Antwort darauf, denn wesentlich einfacher ist es, das Abnormale zu greifen. Was also ist abnormal? Am Beispiel der Mühlwiesenstraße in Metzingen lässt sich dies exemplifizieren. Diese Straße liegt in der Tempo-30-Zone und sollte Anliegern vorbehalten bleiben. Gestern, es ging auf halbzwei am frühen Nachmittag, war ein schwarzer Audi mit Göppinger Kennzeichen in Richtung Lindenplatz auf der Mühlwiesenstraße unterwegs. Mit so hoher Geschwindigkeit, dass es einige Passanten nach einem kurzen Sprung zur Seite vorzogen, sich dicht an die Friedhofsmauer zu drücken. Aus Gründen der subjektiven Sicherheit, die das abnormal schnelle Geschoss auf vier Rädern für einen kurzen Moment außer Kraft setzte und eine ganz normale Reaktion der Entrüstung bei den erschrockenen Spaziergängern auslöste. Manchmal scheint das Normale indes eine Frage der Quantität zu sein. Das ist nicht immer im Sinne rationalen Denkvermögens, aber was ist schon rational? Und wozu bedarf es des Nachdenkens, wo doch die Welt auch ohne derlei aufwendige Kaspereien gut funktioniert? Und warum nur fällt einem dazu immer wieder dieser Herr mit gelben Haaren und diesem schrecklich emporgestreckten Zeigefinger ein? Weil er nicht normal ist, vermutlich. Um der Wahrheit Genüge zu tun: Er ist nicht normal im Sinne dessen, was ein Großteil der Menschheit von einem Staatsoberhaupt erwartet. Aber er wäre sicherlich normal genug, um sich in der Debatte über die zwei Mal jährliche Zeitumstellung auf die Seite der ewig Sommerlichen zu schlagen. Denn die sind in einer durchaus fragwürdigen Internetumfrage mehrheitlich der Meinung, das ganze Jahr über Sommerzeit zu wollen. Nun wäre es ja sogar schmeichelhaft, könnte man diesen Leuten zugutehalten, vorschnell reagiert zu haben. Weil sie in der Vorfreude, die ewige Party des Lebens nun auch in den Winter zu retten, gar nichts anderes hören wollen. Schon gar keine Bedenken. Dass etwa eine viel zu lange morgendliche Dunkelheit im Winterhalbjahr die Menschen krank macht. Aber nein. Diese Entscheidung haben die Befürworter gar nicht vorschnell getroffen, sondern nur, ohne nachzudenken. Das aber macht ja Schule. Und ist ganz normal.

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