Ist Klopapier wirklich rar? Ein Blick in die Kläranlage des Abwasserzweckverbands Ermstal in Metzingen lässt diesen Schluss nicht zu, wie auch deren Betriebsleiter, Jaroslaw Wozniak, bestätigt. Klopapier wird in gewohnter Weise angeschwemmt und entsorgt. Dass es in den Supermärkten zu Versorgungsengpässen mit Klopapier kommt, dass die doppel- oder dreilagigen Rollen im Internet zu überhöhten Preisen gehandelt werden, spiegelt sich in der Kläranlage nicht wider. Da nimmt alles seinen gewohnten Gang.

Feuchttücher nicht ins Klo

Wäre dem nicht so, würde Jaroslaw Wozniak das bemerken. Freilich führt er keine Statistik darüber, wie hoch der Anteil von Klopapier im Schmutzwasser der Kanalisation ist, wäre es aber in manchen Haushalten nicht mehr verfügbar, fände er die jeweiligen Ersatzprodukte. Und da kommen ja so furchtbar viele nicht in Frage. „Die aktuellen Ereignisse wirken sich derzeit nicht auf den Betrieb der Kläranlage aus. Es sind weder Mengenveränderungen der Faserstoffe wahrzunehmen, ebenso ist kein vermehrter Einsatz  von Ersatz-Stoffen, etwa Feuchttücher vorzufinden“, sagt der oberste Klärwärter.

Bad Urach

Es wäre schön, bliebe das auch weiterhin so, wünscht sich Wozniak. Grundsätzlich warnt er davor, Feuchttücher mit der Klospülung zu entsorgen. Diese lösen sich in Verbindung mit Wasser nur schwer auf, was zu Schwierigkeiten in der mechanischen Reinigung der Kläranlage führen kann. „Diese müsste dann mit erheblichem Aufwand gesäubert werden“, sagt er. Also erst mal stilllegen, dann reinigen, und erst danach wieder in Betrieb nehmen.“

Das Einbringen von solchen Hygieneartikeln in das Abwassersystem sollte auch im Interesse des Haus- oder Wohnungseigentümers vermieden werden, da sich dadurch auch vermehrt Verstopfungen in der hauseigenen Installation bilden können. Das bereut man gleich zwei Mal: Wenn das Wasser nicht mehr abläuft, spätestens aber, wenn die Rechnung des Rohrreinigungsdienst zugestellt wird.

In den Supermärkten und Drogerien braucht es derzeit wirklich Glück, um eine Packung Klopapier zu ergattern, weil es zu Hamsterkäufen kommt. Warum eigentlich, wo es doch genug davon gibt. Und, das zeigt das Beispiel der Kläranlage, in den Haushalten noch genügend vorrätig ist?

Dies beantworten Volksökonomen. Es gibt unterschiedliche Ansätze. Die erste Variante geht davon aus, dass sich Individuen nur dann rational verhalten, wenn sie das auch von ihren Mitmenschen erwarten. Kaufen die ersten große Mengen Klopapier, lösen sie dadurch bei anderen einen Reflex aus. Die sagen sich zwar, „die spinnen ja“, kaufen aber vorsichtshalber auch mehr Klopapier. Nur für den Fall, dass noch mehr spinnen, und es irgendwann kein Klopapier mehr gibt.

Die zweite Variante hat mit Rationalität ebenfalls wenig zu tun: Es geht um die Angst vor Kontrollverlust und um Risikominimierung. Ins reale Leben übersetzt: Gegen Corona können einzelne zwar etwas tun (Kontaktsperre einhalten etwa), aber das Ergebnis ist nicht sofort sichtbar. Ein gut gefülltes Lager an Klopapier indessen bedeutet: „Seht her, in dieser Angelegenheit habe ich alles im Griff.“

Sollte doch mal die Regale leer sein, das ist das Dumme an dieser Angelegenheit, scheitern die Pläne B, C und fortfolgende.

Papiertaschentücher erlaubt?

Der Kläranlage schadet es nicht, wenn ersatzweise zu Tempo, Zewa  oder zu vergleichbaren Produkten gegriffen wird. Jaroslaw Wozniak erklärt: „Für den einwandfreien Betrieb der Kläranlage ist keine Beeinträchtigung zu erwarten“, denn Taschentücher und Küchenpapier sind ebenso wie Klopapier Faserstoffe. Doch sie sind strapazierfähiger, bis zu einem gewissen Grad sogar reißfest. Sie lösen sich dementsprechend langsamer auf. Das kann bei der Abwasser-Inneninstallation der Gebäude zu Verstopfungen führen.

Unbedingt rät der Klärmeister von der Verwendung von Zeitungspapier ab: „Das gehört wie auch Kosmetiktücher, Zahnseide, Wattestäbchen oder Tampons in dafür vorgesehene Entsorgungs-Behälter.“ Die einen in den Mülleimer, die Zeitung ins Altpapier.

Schadet die Desinfektion?

In den Supermärkten ebenfalls vergriffen ist Desinfektionsmittel. Der Logik folgend, wird der in Coronazeiten wichtige Hygieneartikel auch verwendet. Also könnte Desinfektionsmittel in großen Mengen in der Kläranlage ankommen und dort den Mikroorganismen zusetzen. Diese aber zerstören ihrerseits unliebsame Stoffe und reinigen dadurch das Abwasser. Noch kann Betriebsleiter Wozniak Entwarnung geben: „Bis zum Zulauf der Kläranlage hat eine starke Verdünnung des Abwassers stattgefunden. Wir haben auf der Kläranlage keine Veränderungen der wesentlichen Parameter festgestellt.“ Händewaschen ist ein Muss, sie zu desinfizieren zwar nicht immer notwendig, aber zumindest schadet es eher der Haut als dem Mikroklima in der Kläranlage.

Wenn es um die Entsorgung geht


Beim Abwasserverbandes Ermstal gibt Betriebsleiter Jaroslaw Wozniak unter Telefon (0 71 23) 9 47 53 10 Infos zum Thema Entsorgung. Auf der Internetseite der Stadtwerke Metzingen (www.stadtwerke-metzingen.de) erhalten die Kunden weitere Infos zum Thema Abfall-Entsorgung.