Bad Urach / Von Simon Wagner  Uhr

Die gebürtige Bad Uracherin Seraina Kluf wird am 25. Juni ein Flugzeug betreten, das sie auf einen Kontinent bringt, der zumeist nur in Verbindung mit Negativschlagzeilen ins Bewusstsein der westlichen Welt gerät. Angekommen in Westafrika, genauer in Ghana, wird sie sich an der Neuorganisation eines Waisenhauses beteiligen. Ein Rückflugticket hat sie jedenfalls nicht im Reisegepäck.

Lange gehegter Traum

„Es war schon immer mein Traum  nach Afrika zu gehen“, sagt die 29-Jährige. Aufgewachsen als Teil der evangelischen Kirchengemeinde in Bad Urach, kam sie bereits in jungen Jahren mit Entwicklungshelfern in Kontakt. Ihren Traum hat sich Seraina Kluf indessen schon im September 2016 erfüllt. Zwei Jahre lang leistete sie einen Freiwilligendienst in der Kleinstadt Lawra im Nordwesten Ghanas ab, nahe der Grenze zu Burkina Faso gelegen. Unter dem Dach des „Weltwärts-Programms“, gefördert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), arbeitete sie zusammen mit dem Verein „Kinderhilfe-Westafrika“ an der „Methodist Lawra Clinic“ (MLC). Ein Gesundheitszentrum, zu dem auch ein Heim für Waisen und benachteiligte Kinder gehört.

Unzufrieden mit Lebenssituation

Bevor die gelernte Hauswirtschafterin damals ihre Koffer packte, arbeitete sie mehrere Jahre in einem Restaurant in Lindau am Bodensee. Allmählich keimte in ihr jedoch das Gefühl der Unzufriedenheit auf. Sie setzte sich an ihren Rechner und recherchierte im Internet nach anderen Perspektiven und Möglichkeiten. Damals, mit 27 Jahren, hieß ihre Losung: „Wenn nicht jetzt, dann mache ich es nie.“ Nachdem sie auf das Programm und die Hilfsorganisation mit Sitz in Gera stieß, bewarb sie sich, kündigte ihren Job und ließ sich auf das bevorstehende Abenteuer ein.

Bewegende Schicksale aber auch Hoffnung

Heute sagt sie: „Es hat sich sehr schnell herausgestellt, dass das die richtige Entscheidung war.“ Zusammen mit anderen Freiwilligen assistierte sie in der Klinik, etablierte ein regelmäßiges Spielprogramm für die dortigen Waisenkinder, half in der Verwaltung aus und gab eine helfende Hand, wo immer sie gerade nötig war. Konfrontiert wurde sie dort aber auch mit bewegenden Schicksalen. Ausgerechnet den Namen „Blessing“, das englisch Wort für Segen, trug ein 15 Monate altes Kind, das in der Obhut der Krankenstation an den Folgen einer HIV-Infektion und extremer Unterernährung verstarb. „Solche Kinder haben meist keine Chance“, sagt Kluf über die Abkömmlinge kinderreicher Familien, die es schon aus finanziellen Gründen kaum schaffen, sich um alle Sprösslinge zu kümmern.

Genesung als Wunder

Der Tod des Kleinkinds war für die Bad Uracherin ein Schlüsselerlebnis, das einem Schock gleichkam, wie sie sich erinnert. „Wenn man solch einen Fall sieht, fängt man schon an zu überlegen“, sagt sie.  Doch es gab auch Anlass zu Zuversicht. „Wisdom“, einem weiteren Kind, konnte durch eine Spendenaktion der „Kinderhilfe-Westafrika“ eine lebensrettende Operation ermöglicht werden. Nach zwei weiteren Eingriffen ist der Junge gerettet und entgegen aller Erwartungen beschwerdefrei. Als ein Wunder bezeichnet die Christin die erfolgreiche Genesung.

„Kindern zu helfen, das würde ich gerne weitermachen“, so der Schluss der heute 29-Jährigen. Passend dazu wurde sie von der Hilfsorganisation gefragt, ihr Engagement zu verlängern. Ab 1. Juli gehört sie nun als Projektkoordinatorin zum festangestellten Mitarbeiterstamm, und sie wird nach Ghana zurückkehren, um das derzeit geschlossene Waisenhaus auf neustrukturierte Beine zu stellen. Gleichzeitig will sie in abgelegene Dörfer gehen, um dort medizinische Aufklärung zu betreiben. Ihr Vertrag ist zunächst gültig für ein Jahr, wie lange sie aber im Land bleiben wird, lässt sie bewusst offen. Auch ihren Lebensmittelpunkt ganz nach Afrika zu verlegen, kann sie sich derzeit vorstellen.

Einstellungen haben sich geändert

Denn die beiden Jahre, die sie bisher in Ghana verbrachte, war für sie zwar „eine sehr, sehr besondere Erfahrung“, aber auch eine, die sie nicht missen will. Eine zudem, die sie dazu brachte, sich in das Land zu verlieben, wie sie sagt. „Afrika hat so viele Gesichter“, ärgert sie sich über das westlich geprägte Image eines Kontinents, das zwischen Erlebnis-Safari und hungernden Kindern pendle. „Afrika bietet noch so viel mehr.“ Seit sie auf dem Kontinent gelebt hat, habe sich aber vor allem ihre Einstellung verändert. Dass etwa viele über das hiesige Krankensystem schimpfen, kann sie aufgrund ihrer Erfahrungen in Ghana nicht mehr nachvollziehen. Stattdessen werde in Deutschland „auf sehr hohem Niveau gejammert.“ Dabei beruhe der westliche Reichtum zu einem großen Teil auch auf Ausbeutung und der Zerstörung der afrikanischen Kultur. „Deswegen ist es unsere Pflicht, Verantwortung zu tragen.“ Sie jedenfalls hat sich entschieden: „Ich kann die Verantwortung nicht mehr übernehmen in Deutschland zu leben.“

Sinnhaftes Leben gegen Luxus eintauschen

Sie ist bereit, den westlichen Luxus und die damit einhergehenden Annehmlichkeiten gegen ein für sie sinnhaftes Leben einzutauschen.  Eine Lektion, die sie in diesem Zusammenhang fernab ihrer Heimat mehr als einmal lernte: „Weniger zu haben, macht glücklicher.“ Nun, da möglicherweise ihr Abschied für länger als nur zwei Jahre bevorsteht, sind es durchaus auch ambivalente Gefühle, die sie bewegen. „Der Gedanke fällt schon schwer, der Region, meiner Familie und meinen Freunden den Rücken zu kehren“, gibt sie zu. Aber: „Ich fühle mich wohl damit.“

Spenden an die Kinderhilfe-Westafrika

Spenden an die Kinderhilfe-Westafrika, mit Sitz in Gera, gehen laut Angaben des Vereins zu 100 Prozent in Projekte nach Ghana, Benin und Burkina Faso. Gezielte Spenden für das Klinik- und Waisenprojekt-Projekt in Lawra an: DE03 8305 0000 0000 6521 64 bei der Sparkasse Gera-Greiz. Verwendungszweck: Projekt P33/20 MLC Waisenhaus. wag