Tübingen Wahres Glück? Im Auto singen!

Thomas Krupa inszeniert "König Ödipus" am Landestheater Tübingen (LTT). Foto: pr/LTT/Patrick Pfeiffer
Thomas Krupa inszeniert "König Ödipus" am Landestheater Tübingen (LTT). Foto: pr/LTT/Patrick Pfeiffer
Tübingen / KATHRIN KIPP 30.04.2014
Führt Selbsterkenntnis als erster (und letzter) Schritt ins Unheil? Thomas Krupa inszeniert Sophokles Tragödie als Systemkrimi in Schwarz-Weiß - mit einem ziemlich wahrheitsgierigen Griechen-König Ödipus.

Ein antiker Tatort mit klassischer "Wer wars?"-Dramaturgie, nur dass die Zuschauer schon am Anfang wissen, wers war, - und und dabei zuschauen, wie sich der Ermittler so nach und nach selbst als Täter entlarven muss.

Thomas Krupa, der den Sophokles-Klassiker "Ödipus" jetzt fürs LTT inszeniert hat, spult ihn als hochkonzentrierten Krimi in plakativem Schwarz-Weiß ab, ohne dass in Gut und Böse unterteilt wird. Denn als Teil des Kollektivs wird hier jeder mehr oder weniger schuldig. So sind alle Protagonisten schwarz gewandet, verspielen sich und ihr Schicksal vor einer beengend großen weißen Wand (Bühnenbild: Andreas Jander), die als Projektionsfläche auffallend leer bleibt.

Was lässt sich auch noch zu einem Stück sagen, zu dem schon so viel gesagt und an dem schon so viel heruminterpretiert wurde? Und so verlässt sich Krupa ohne viel Schnickschnack auf den Text, in dem ja alle großen Themen verhandelt werden, die die abendländische Kultur so bietet: Leben, Wahrheit, Tod, Individuum, Kollektiv, Inzest, Schuld und und und. Nicht weniger als die Götter und ihr Schicksalsgehabe stehen auf dem Spiel. Alles kann gleichzeitig "schlimm und gut sein", die reine Dialektik.

Immer, wenn sie nicht mehr weiterwissen, rennen die Menschen nach Delphi und holen den Rat der Götter ein, mit dem sie dann nichts anfangen können. Schade, dass es heute sowas nicht mehr gibt. Aber vielleicht auch besser so, denn Delphi verheißt selten was Gutes.

Und so stemmen sich alle mit aller Gewalt gegen das prophezeite Schicksal. Aber je mehr sie dagegen ankämpfen, desto mehr kommt das Schicksal über sie. Ein sehr deterministisches Weltbild, da kann Ödipus noch so viel handeln und wissen wollen und fragen und kämpfen - das bringt eh alles nichts. Thomas Krupa wiederum zeigt das Stück in all seiner Gewaltigkeit und Blöße. Er deutet die Sache eher faustisch und vor allem systemisch: Das Kollektiv ist immer präsent. Und wer sich in ein System begibt, kommt darin um. Oder wird zumindest mitschuldig. Der Raum, in dem das Kollektiv agieren kann, ist durch die weiße Wand ein recht beengter. Und so rückt das Kollektiv den LTT-Zuschauern ziemlich auf die Pelle.

Ein paar Gimmicks erlaubt sich die Regie dann doch noch. Ödipus darf beispielsweise einen Glückskeks öffnen: "Wahres Glück ist, im Auto aus Leibeskräften zu singen, während andere Leute dich anstarren." Und so tun die Protagonisten, als wären sie der Mittelpunkt der Welt, aber im Grunde sind sie nur Spielfiguren in den Händen der Götter oder eben anderer höherer - jederzeit austauschbarer - Mächte. Ödipus (Steffen Riekers) ist einer, ders wissen will.

Einer, der unbedingt vom Baum der Erkenntnis naschen möchte. Ihn treibt eine Art Wahrheitsgier. Er forscht und forscht, auch wenn ihn alle warnen. Er tut es ja für sein Land: "Es geht doch um den Staat", lautet sein Credo.

Das behaupten ja viele. Und so erforscht er sich sehenden und blinden Auges ins Verderben hinein und wird am Ende aus seinem selbstgeschaffenen Paradies vertrieben. Steffen Riekers wiederum zeichnet seinen Ödipus ziemlich spannend und zieht die Zuschauer in seinen Bann, gibt sich aufbrausend, aber nicht allzu theatralisch, auch wenn es in der Tragödie vor lauter Drama nur so trieft und die Leute immer gleich bis ans Äußerste gehen. Sein Ödipus ist der Rätsellöser, der für sich selbst keine Lösung parat hat. Selbstzerstörung durch Selbsterkenntnis.

Immer wieder schießen ihm kleine Rotlicht-Flashbacks ins Bewusstsein, wie er den Laios samt Gefolge damals erschossen hat. Der Rest der Mannschaft: grundsolide dramatisch. Nur Patrick Schnicke darf als verleumdeter Kreon kurz mal die heulende Witzfigur geben. Martin Maria Eschenbach als blinder Seher sieht alles, aber auf ihn will mal wieder keiner hören. Iokaste (Jessica Higgins) kann die Tragödie auch nicht abwenden und wählt den radikalen Abgang, während Ödipus seine Schuld bei lebendigem Leibe sühnen will.

Udo Rau spielt den Chor der Ahnungslosen, der trotzdem immer seinen Senf abgibt - ein recht zeitloser Typus. Fazit: Reden hilft nicht immer. Die Inszenierung demonstriert: Schulstoff kann auch mal ganz spannend aufbereitet sein. Und die Botschaft könnte lauten: Lieber nicht das Orakel fragen. . .

Weitere Termine
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel