Geschichte Vortrag erinnert an Theodor Dipper

Die Pfarrer Martin Dürr (links) und Sebastian Roos deuten auf die Tafel in der Andreaskirche, auf der die Namen der Würtinger Pfarrer verzeichnet sind.
Die Pfarrer Martin Dürr (links) und Sebastian Roos deuten auf die Tafel in der Andreaskirche, auf der die Namen der Würtinger Pfarrer verzeichnet sind. © Foto: Alexander Thomys
Würtingen / Alexander Thomys 13.09.2017

Als Martin Dürr 1976 die Pfarrstelle der evangelischen Kirchengemeinde in Würtingen übernahm, war die Zeit noch nicht reif für eine Auseinandersetzung mit einem seiner Vorgänger, Theodor Dipper. Der Theologe war von 1930 bis 1935 in Würtingen tätig und wagte es damals, seine kritische Haltung zu den Nationalsozialisten offen auszusprechen. Mit der Gründung der „Bekennenden Kirche“ wandte sich Dipper früh gegen die von den Nationalsozialisten geplante Staatskirche. Später versteckte er in seinem Pfarrhaus in Reichenbach an der Fils Juden vor den Schergen des Regimes. Vom Staat Israel wurde Dipper posthum als einer der „Gerechten unter den Völkern“ geehrt.

„Vor 35 Jahren war das schwierig“, erinnert sich Dürr an die ersten Versuche, in Würtingen an Dipper zu erinnern. Zwar sei der politisierende Pfarrer im Ort beliebt und angesehen gewesen – doch auch die Familien derjenigen, die damals zum NS-Staat hielten, gehörten zum Dorf. Die Erinnerung war frisch, die Angst vor Vorwürfen groß.

Für Martin Dürr, der als Pfarrer im Ruhestand nach St. Johann zurückkehrte, steht eines aber unumstößlich fest: „Würtingen und Theodor Dipper, das gehört zusammen.“ Und so hat Dürr zusammen mit Würtingens Kirchengemeinde und Pfarrer Sebastian Roos einen Vortrag in der Andreaskirche organisiert. Am Freitag, 15. September, wird Pfarrerin Dr. Karin Oehlmann unter dem Titel „Pfarrer Theodor Dipper und die Anfänge des Kirchen-Kampfes in Württemberg“ über das Leben und Wirken Dippers berichten. Beginn des Vortrages ist um 19.30 Uhr. Der Posaunenchor wird den Vortrag musikalisch begleiten.

Oehlmann beschäftigte sich bereits im Rahmen ihrer Doktorarbeit mit Dipper, hat dessen Wirkungsstätte in Würtingen aber selbst noch nie besucht. Das holt die Theologin nun nach. Und Dürr freut sich, dass dadurch an das Wirken Dippers erinnert wird. „Es sind 80 Jahre vorüber gegangen. Jetzt kann man da anders darüber sprechen“, ist sich Dürr sicher. Pfarrer Roos hat eine große Offenheit bei den Würtingern bemerkt: „Die Überraschung ist zwar groß, dass das Thema jetzt kommt. Aber die älteren Gemeindemitglieder finden es wichtig, dass das im Gedächtnis bleibt. Und auch von außerhalb Würtingens habe ich einige Anfragen bekommen, das Interesse an Dipper ist groß.“

„Dipper hat seine Linie auch in schweren Zeiten durchgehalten“, erklärt Dürr, weshalb ihm die Erinnerung an Dipper so wichtig ist. Dabei sei Dipper auch ein Kind seiner Zeit gewesen. „Er war deutschnational gesinnt“, weiß Dürr. „Aber er wollte keine Unterwanderung der Kirche durch die Nationalsozialisten.“ Die belegten den mutigen Kirchenmann später mit einem Redeverbot und nahmen ihn in „Schutzhaft“. Doch auch diese Repressalien hielten Dipper nicht davon ab, im Rahmen der von ihm mitgegründeten „Württembergischen Pfarrhauskette“ verfolgten Juden Unterschlupf zu gewähren. Die Würtinger unterstützten sein Tun mit Essenspaketen, die sie damals nach Reichenbach schickten – auch auf Initiative von Dippers Bruder Karl, der 1935 die Pfarrstelle übernommen hatte.

In Reichenbach selbst, so erzählt Dürr schmunzelnd, galt Dipper schnell als „verfressen, weil er bei Geburtstagsbesuchen immer Kuchen mit nach Hause genommen hatte“. Dass Theodor Dipper damit Leben rettete, durften damals nicht viele seiner Schäfchen wissen. Nach Kriegsende fungierte Dipper als Dekan, ehe er im Alter von 66 Jahren 1969 starb. In Yad Vashem erinnert heute ein Baum an den mutigen Christen.